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GENESIS P-ORRIDGE with PIGFACE – The Howler: An English Breakfast

2026 (Overdrive/Invisible Records) - Stil: Industrial Dub / Experimental Noise / Spoken Word

´The Howler: An English Breakfast´ gehört ohne jeden Zweifel zu den Alben, die man bewusst hören muss.

Als diese Aufnahmen Mitte der Neunziger entstanden, befand sich die Industrial-Szene in einem Zustand permanenter kreativer Explosion. Überall wurden Grenzen eingerissen. Zwischen verrauchten Studios, kaputten Samplern, analogen Bandechos und unzähligen Nächten ohne Schlaf entstanden Werke, die weniger nach Musik klangen als nach Visionen. Genau aus dieser Welt stammt ´The Howler: An English Breakfast´.

Fast drei Jahrzehnte lang existierte diese Session eher als Legende denn als reguläre Veröffentlichung. Ein geheimer Schatz für Eingeweihte. Eine jener Geschichten, die man sich auf Festivals, in Plattenläden oder hinter verrauchten Clubbühnen zuflüsterte. Nun erscheint dieses außergewöhnliche Dokument erstmals eigenständig auf Vinyl und wirkt dabei kein bisschen wie ein verstaubtes Archivstück.

Schon die Entstehung liest sich wie ein vergessenes Kapitel aus den wilden Tagen des Industrial Undergrounds.

MARTIN ATKINS trifft GENESIS P-ORRIDGE während der Arbeiten mit SKINNY PUPPY in Kalifornien. Ein Besuch im berüchtigten Sharon-Tate-Haus führt zu einer Begegnung mit GENESIS und Dr. Timothy Leary. Wenig später steht GENESIS mit Kassettenrekordern auf PIGFACE-Bühnen und improvisiert über Klanglandschaften, die oft erst Sekunden zuvor entstanden waren.

Diese anarchische Kreativität durchzieht jede Minute von ´The Howler: An English Breakfast´.

Wer hier klassische Songstrukturen erwartet, wird bereits nach wenigen Minuten sämtliche Orientierung verlieren. Die vier Teile des Albums funktionieren wie eine zusammenhängende Traumsequenz. Ein dunkler Strom aus Dub-Bässen, Hallräumen, Tape-Echos und surrealen Sprachbildern.

Der eröffnende ´Part 1´ zieht den Hörer sofort in eine seltsame Zwischenwelt. MICK HARRIS legt einen gewaltigen Bass-Teppich aus, der sich langsam durch den Raum schiebt wie schwarzer Nebel durch die Gänge einer verlassenen Fabrikhalle. MARTIN ATKINS setzt dazu schleppende Rhythmen, während GENESIS P-ORRIDGE die ersten Worte spricht. Nicht singend. Nicht erzählend. Eher beschwörend.

Die Atmosphäre erinnert stellenweise an SCORN, zugleich schweben die Geister von THROBBING GRISTLE und den frühen PSYCHIC TV durch die Kulisse.

´Part 2´ entwickelt sich zunehmend psychedelisch. Die Grenzen zwischen Musik und Geräusch beginnen zu verschwimmen. Verzerrte Sitar-Klänge tauchen auf wie Halluzinationen am Rand des Blickfeldes. Tape-Manipulationen zerreißen die Rhythmik. Die Stimme von GENESIS wird zum eigentlichen Instrument der Komposition.

Hier entstehen Momente, die an die verstörendsten Experimente von COIL erinnern. Gleichzeitig bewahrt das Material jene rohe Spontaneität, die viele Produktionen der Neunziger so einzigartig machte.

Noch tiefer führt ´Part 3´ in den Abgrund. Die Drums treten zurück. Dunkle Drones übernehmen das Kommando. Elektronische Schleier legen sich über die Aufnahme. Die Klanglandschaften wirken wie das Echo eines verlassenen Senders irgendwo zwischen Realität und Albtraum. GENESIS flüstert, murmelt und schickt seine Worte durch endlose Hallräume.

Wer die düsteren Ambient-Arbeiten von LUSTMORD oder die abstrakten Klangwelten von NURSE WITH WOUND schätzt, dürfte hier vollkommen versinken.

Das Finale in ´Part 4´ bündelt schließlich sämtliche Elemente der vorherigen Abschnitte. Die Tape-Delays geraten außer Kontrolle. Bass und Schlagzeug kreisen hypnotisch umeinander. Die Stimmen erscheinen und verschwinden wieder im Nebel der Effekte. Langsam steigert sich alles zu einem tranceartigen Mahlstrom, der sich auflöst wie ein Traum kurz vor dem Erwachen.

Das Faszinierende an dieser Aufnahme ist ihre völlige Zeitlosigkeit. Während viele Produktionen der Neunziger heute eindeutig ihrer Epoche zuzuordnen sind, wirkt ´The Howler: An English Breakfast´ erstaunlich modern. Vielleicht liegt es daran, dass hier nie versucht wurde, Trends zu bedienen. Die Beteiligten folgten ausschließlich ihrer Intuition.

GENESIS P-ORRIDGE liefert eine der eindringlichsten Spoken-Word-Performances seiner Karriere. MARTIN ATKINS beweist erneut, warum er zu den wichtigsten Architekten des Industrial Underground zählt. MICK HARRIS erzeugt mit minimalen Mitteln eine Schwere, die bis heute ihresgleichen sucht.

Das Remaster von TOM WHITTAKER arbeitet die feinen Details dieser chaotischen Session bemerkenswert sorgfältig heraus. Die Pressung transportiert die Tiefe der Bassfrequenzen ebenso überzeugend wie die zahllosen kleinen Nebengeräusche, die permanent durch das Klangbild geistern.

Vor allem aber bewahrt diese Veröffentlichung den Geist jener Ära. Eine Zeit, in der Musiker noch ohne Netz arbeiteten. Eine Zeit, in der Fehler willkommen waren. Eine Zeit, in der Studios wie die “Mattress Factory” kreative Spielplätze für Grenzgänger wurden.

´The Howler: An English Breakfast´ ist kein Album für den schnellen Konsum. Es fordert Geduld. Konzentration. Hingabe. Wer sich jedoch auf diese fast einstündige Reise einlässt, entdeckt eines der faszinierendsten Zeitdokumente der Industrial-Geschichte. Kein gewöhnliches Album. Keine Sammlung von Songs. Ein Fiebertraum. Ein längst überfälliges Denkmal für eine Epoche, in der musikalische Freiheit wichtiger war als jede Konvention.

Historischer Wert 10 Punkte.

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