
ALLEN TOUSSAINT – Songbook
2013/2026 (Craft Recordings) - Stil: Funk / Soul / Blues
Es gibt Abende, die wie Konzerte beginnen und als Erinnerungen enden. Ein Flügel. Ein Scheinwerfer. Ein Mann. Mehr braucht Allen Toussaint auf ´Songbook´ nicht.
Wenn die Nadel diese prachtvolle Vinyl-Ausgabe berührt und die ersten Sekunden aus den Lautsprechern steigen, zeigt sich keine gewöhnliche Live-Aufnahme. Es zeigt sich eine geöffnete Tür. Dahinter liegen fünf Jahrzehnte amerikanischer Musikgeschichte. Dahinter warten die Straßen von New Orleans, die verrauchten Clubs der Bourbon Street, die Stimmen alter Rhythm-&-Blues-Sänger, das Klappern der Straßenbahnen und das warme Flimmern südlicher Sommernächte. Allen Toussaint sitzt allein am Klavier. Und plötzlich scheint eine ganze Stadt mit ihm im Raum zu sein.
Dabei war dieser Abend eigentlich nie geplant. Die Geschichte von ´Songbook´ beginnt mit Hurricane Katrina. Mit einer Katastrophe, die New Orleans verwüstete und Allen Toussaint zwang, seine Heimat zu verlassen. Der Mann, der Jahrzehnte lang den Sound der Stadt geprägt hatte, fand sich plötzlich in New York wieder. Fern von Louisiana. Fern von den vertrauten Straßen. Fern von jenem kulturellen Schmelztiegel, den er selbst entscheidend mitgestaltet hatte.
Im kleinen “Joe’s Pub” in Manhattan begann ein neues Kapitel. Woche für Woche setzte sich Allen Toussaint dort an den Flügel. Ohne Band. Ohne Arrangements. Ohne großes Orchester. Nur er und seine Songs.
Für einen Künstler, der sein Leben meist hinter den Kulissen verbracht hatte, war das beinahe revolutionär. Der Produzent von Dr. John. Der Architekt von Hits für Lee Dorsey. Der Arrangeur hinter zahllosen Klassikern. Der Mann, dessen Kompositionen später von THE ROLLING STONES, THE WHO, Robert Plant und unzähligen anderen interpretiert wurden.
Plötzlich stand er allein im Rampenlicht. Und genau dort entstand die Magie von ´Songbook´.

Man hört sie sofort in ´It’s Raining´. Das Klavier perlt durch den Raum wie Regen auf heißem Asphalt. Die Melodie schwebt mit jener mühelosen Würde, die große Musiker oft erst im Alter entwickeln. Allen Toussaint muss niemandem mehr etwas beweisen. Er erzählt. Und das macht den Unterschied.
´Lipstick Traces´ wirkt wie eine vergilbte Postkarte aus einer vergangenen Zeit. Die berühmte Melodie verliert jede Spur von Pop-Attitüde und kehrt zu ihrem emotionalen Kern zurück. Was bleibt, ist Sehnsucht. Reine Sehnsucht.
Es zeigt sich jene seltene Kunst, die große Songwriter von bloßen Hitlieferanten trennt. Man denkt an Hoagy Carmichael. Man denkt an Willie Dixon. Man denkt an Duke Ellington in seinen intimsten Momenten. Allen Toussaint gehört in diese Gesellschaft.
Immer wieder verblüfft dabei sein Klavierspiel. Die linke Hand rollt durch die Basslinien wie ein alter Mississippi-Dampfer durch träge Flussarme. Die rechte Hand zeichnet filigrane Melodiebögen darüber. Synkopen tanzen. Triolen federn. Der berühmte New-Orleans-Bounce pulsiert durch jede Note. Die Geister von Professor Longhair und Fats Domino scheinen über diesen Aufnahmen zu schweben. Doch Toussaint klingt niemals wie ein Nachahmer. Er klingt wie die nächste Evolutionsstufe.
In ´Holy Cow´ und ´Get Out Of My Life, Woman´ verwandelt er ganze Rhythmusgruppen in zehn Finger. Wo früher Bläsersektionen und Schlagzeuger standen, entsteht nun ein komplettes Orchester aus Tastenanschlägen. Der Groove bleibt erhalten. Die Wucht bleibt erhalten. Die Seele bleibt erhalten. Gerade deshalb wirken diese Fassungen oft stärker als ihre berühmten Studio-Pendants.
Der Hörer blickt direkt in die Werkstatt des Meisters. So müssen diese Songs geklungen haben, bevor sie die Welt eroberten. Bevor Produzenten hinzukamen. Bevor Studiowände entstanden. Bevor Geschichte geschrieben wurde.
Mitten im Konzert taucht dann das große Medley auf. ´A Certain Girl´. ´Mother-In-Law´. ´Fortune Teller´. ´Working In The Coal Mine´. Vier Monumente amerikanischer Pop- und R&B-Geschichte. Vier Kapitel eines Lebenswerks. Toussaint spielt sie mit einem Lächeln. Fast beiläufig. Als würde ein Romanautor zufällig einige seiner berühmtesten Sätze zitieren. Und doch steckt in jeder Note ein ganzes Zeitalter. Man hört die Geburt des New Orleans R&B. Man hört den Ursprung des Funk. Man hört die DNA amerikanischer Popmusik. Wenige Künstler können so etwas von sich behaupten.
Noch bewegender werden die Momente, in denen Toussaint über seine Heimat spricht. ´It’s A New Orleans Thing´. ´I Could Eat Crawfish Everyday´. ´St. James Infirmary´. Hier verschmelzen Erinnerung und Musik zu einem einzigen Strom. New Orleans erscheint nicht als Ort. New Orleans erscheint als Gefühl. Als Duft. Als Klang. Als Lebenshaltung.
Genau deshalb entwickelt ´Songbook´ eine emotionale Kraft, die weit über ein gewöhnliches Live-Album hinausgeht. Es ist ein Heimkehren. Selbst dann, wenn der Musiker tausend Kilometer entfernt sitzt.
Das wahre Herzstück wartet jedoch ganz am Ende. ´Southern Nights´. Dreizehn Minuten voller Erinnerung. Dreizehn Minuten voller Menschlichkeit. Dreizehn Minuten voller Magie. Die bekannte Version von Glen Campbell war ein Welthit. Eine brillante Pop-Aufnahme. Doch hier begegnet man dem eigentlichen Ursprung des Stücks.
Allen Toussaint erzählt von seiner Kindheit in Louisiana. Von Veranden. Von warmen Nächten. Von den Geräuschen der Natur. Von jener Geborgenheit, die nur Erinnerungen bewahren können. Seine Worte gleiten über die Akkorde wie Glühwürmchen durch die Dunkelheit. Man vergisst Zeit. Man vergisst Technik. Man vergisst, dass man einer Aufnahme lauscht. Hier verwandelt sich ´Songbook´ in etwas Größeres. In eine musikalische Autobiografie. In ein Zeitdokument. In ein Vermächtnis.

Die neue Vinyl-Ausgabe von “Craft Recordings” verleiht diesem Vermächtnis schließlich den Rahmen, den es verdient. Die 180g-Doppel-LP im hochwertigen Gatefold präsentiert die Aufnahme mit beeindruckender Sorgfalt. Gepresst bei “Quality Record Pressings” und gemastert von Matthew Lutthans in den legendären Räumen von “The Mastering Lab”, entfaltet sich ein Klangbild von außergewöhnlicher Wärme und Präsenz.
Die Pressung läuft bemerkenswert ruhig. Kein störendes Knistern lenkt von den leisen Passagen ab. Gerade bei den erzählerischen Momenten und den zarten Klavierfarben entfaltet sich dadurch eine Intimität, die digitale Formate nur selten erreichen. So wird diese Edition zur endgültigen Form eines Albums, das längst Klassikerstatus erreicht hat.
Denn ´Songbook´ ist kein gewöhnliches Live-Album. Es ist die Geschichte eines Mannes, der den Sound einer Stadt erfand. Die Geschichte eines Künstlers, der nach einem Schicksalsschlag seine Stimme neu entdeckte. Die Geschichte eines Pianisten, der mit einem einzigen Instrument ganze Welten erschaffen konnte.
Letztendlich bleibt jenes Gefühl zurück, das große Jazzplatten seit jeher hinterlassen. Man hat Musik gehört – und gleichzeitig einem Leben gelauscht.



