
Ein Chor erhebt sich aus den Lautsprechern, die Doppelbass hämmert wie ein Rammbock durch die Boxen, Michael Kiske öffnet den Mund – und plötzlich steht man wieder mitten im Jahr 2001. Die Haare sind noch lang, die Kutte riecht nach Bier und Clubschweiß, auf dem Rücken prangt HELLOWEEN, GAMMA RAY oder RHAPSODY, während irgendwo im alten Jugendzimmer die Fantasy-Welt auf dem Plattencover lebendig wird. ´The Metal Opera´ ist kein gewöhnliches Album. Es ist eine Liebeserklärung an den europäischen Power Metal, ein Denkmal für eine Szene, die sich damals gegen den Zeitgeist stemmte und mit erhobener Faust bewies, dass epischer Heavy Metal niemals sterben würde.
Zur Jahrtausendwende dominierten Nu Metal und Alternative Rock die Charts. Viele erklärten melodischen Speed Metal bereits für ein Relikt der Achtziger. Doch tief unter der Oberfläche brannte das Feuer weiter. Vor allem Italien entwickelte sich zu einer regelrechten Brutstätte für hymnischen Power Metal. Labels wie “Underground Symphony” veröffentlichten Perlen von SKYLARK, SHADOWS OF STEEL oder SECRET SPHERE. Diese Bands verehrten HELLOWEEN beinahe religiös, verbanden rasende Gitarren mit neoklassischen Keyboards, Chören und grenzenloser Fantasy. Was oft am kleinen Budget scheiterte, wurde mit Leidenschaft mehr als ausgeglichen.
Mitten in diese Szene platzte Tobias Sammet wie ein Komet. Der damals erst 23-jährige Frontmann von EDGUY nahm den Traum des italienischen Undergrounds, hob ihn auf internationales Niveau und verwandelte ihn in eine monumentale Metal-Oper. Aus einer Fan-Idee entstand ein Werk, das den Geist von HELLOWEEN, GAMMA RAY, VIRGIN STEELE, RHAPSODY und MAGNUM in einer Produktion vereinte, die Anfang der 2000er fast unwirklich erschien.
Der größte Geniestreich gelang Tobias Sammet allerdings bei der Besetzung. Michael Kiske kehrte nach Jahren der Metal-Abstinenz unter dem Pseudonym “Ernie” zurück und verlieh dem Album seine unverwechselbare Stimme. Kai Hansen, Markus Grosskopf, Henjo Richter, David DeFeis, Rob Rock, Oliver Hartmann, André Matos, Sharon den Adel und Timo Tolkki machten aus ´The Metal Opera´ ein wahres All-Star-Ereignis. Damals konnte kaum jemand glauben, dass so viele Legenden gemeinsam auf einer Platte stehen würden.

Schon ´Prelude´ entfaltet die Atmosphäre einer klassischen Ouvertüre, ehe ´Reach Out For The Light´ sämtliche Schleusen öffnet. Die Doppelbass rast, Henjo Richters Gitarren schneiden messerscharf und Michael Kiske liefert einen der magischsten Momente seiner gesamten Karriere. Wenn sich seine Stimme im Refrain erhebt, läuft selbst nach einem Vierteljahrhundert eine Gänsehaut über den Rücken.
´Serpents In Paradise´ bringt David DeFeis ins Spiel. Seine theatralische Interpretation verleiht dem finsteren Mönch im Kontrast zu den Chören eine bedrohliche Aura, während schwere Riffs und hymnische Melodien den Song tief im klassischen US- und europäischen Heavy Metal verwurzeln. Bei ´Breaking Away´ regiert anschließend pure Euphorie. HELLOWEEN-Fans bekommen hier neben Michael Kiske praktisch alles serviert, was das Herz begehrt: irrwitziges Tempo, zweistimmige Gitarrenharmonien und einen Refrain, der sich unauslöschlich im Gedächtnis festsetzt.
´Farewell´ zeigt hingegen die emotionale Seite des Albums. Sharon den Adel und Tobias Sammet erschaffen eine Ballade mit Folk- und keltischen Einflüssen, deren gewaltiger Schlusschor bis heute zu den schönsten Momenten der gesamten AVANTASIA-Geschichte zählt. Bombast regiert anschließend ´The Glory Of Rome´. Mehrere Sänger übernehmen ihre Rollen wie auf einer Opernbühne, Chöre türmen sich meterhoch auf und jede Gesangslinie wirkt wie eine Szene eines großen Fantasy-Epos.
Der Titeltrack ´Avantasia´ gehört längst zum Kanon des europäischen Power Metal. Kaum setzt das Hauptthema ein, gehen auf Festivals rund um den Globus die Fäuste nach oben. Dieser Refrain besitzt eine Strahlkraft, die Generationen von Fans begleitet hat. ´Inside´ sorgt mit dem unnachahmlichen André Matos für einen beinahe zerbrechlichen Augenblick. Sein klassisch ausgebildeter Gesang schwebt über dem Klavier und öffnet einen Moment voller Magie, bevor das Finale Fahrt aufnimmt.
´Sign Of The Cross´ vereint fast die komplette Starbesetzung zu einem wahren Feuerwerk aus Chören, Gitarrenharmonien und hymnischen Melodien. Der Song wirkt wie der Auftakt zum letzten Gefecht. Dann erhebt sich ´The Tower´. Fast zehn Minuten lang entfaltet Tobias Sammet alles, was diese Metal-Oper ausmacht. Michael Kiske, David DeFeis, Oliver Hartmann, André Matos und Timo Tolkki verschmelzen zu einem gigantischen Finale voller Emotion, Dramatik und musikalischer Größe. Hier wird aus einem Album endgültig eine Legende.

Die Entstehung selbst liest sich fast wie ein Fantasy-Roman. Tobias Sammet schrieb die komplette Geschichte während der EDGUY-Tour, kontaktierte hartnäckig Michael Kiske, obwohl dieser dem Metal längst den Rücken gekehrt hatte, überzeugte internationale Musiker von seiner Vision und brachte schließlich alle Fäden zusammen. Während David DeFeis mit einem Messer durchs Studio gestikulierte, Rob Rock erst den historischen Hintergrund prüfen wollte und Michael Kiske unter einem Pseudonym sang, kämpften “AFM Records” gleichzeitig mit den explodierenden Produktionskosten. Der Erfolg drohte das kleine Label zeitweise finanziell zu überrollen. Heute wirkt all das wie ein Kapitel aus einer anderen Zeit – voller Idealismus, Risiko und grenzenloser Begeisterung für Heavy Metal.
Die neue “25th Anniversary Edition”, veröffentlicht über “Reaper Entertainment”, würdigt diesen Meilenstein im hochwertigen Gatefold als 180g-Doppel-LP in mehreren streng limitierten Farbvarianten. Das neue Vinyl-Master von Mika Jussila (Finnvox Studios) holt erstaunlich viel Luft und Dynamik aus den Aufnahmen heraus, so dass der Sammler die definitive Ausgabe des Werkes erhält, die klanglich und optisch dem legendären Status dieses Albums gerecht wird.
Ein Vierteljahrhundert später besitzt ´The Metal Opera´ noch immer dieselbe Magie wie am ersten Tag. Tobias Sammet schenkte dem klassischen europäischen Power Metal neues Leben, als viele ihn bereits abgeschrieben hatten. Ohne dieses Album hätte sich die Geschichte des Genres vermutlich anders entwickelt. Für unzählige Musiker wurde es zur Inspiration, für Fans zum ewigen Begleiter, für die Szene zum Symbol einer Ära, in der Melodien größer waren als jeder Trend.
Wenn heute die ersten Takte von ´Reach Out For The Light´ oder der Refrain von ´Avantasia´ erklingen, passiert immer noch dasselbe wie vor 25 Jahren: Die Matten fliegen und tausende Kehlen singen jede Zeile mit. Mehr Verbundenheit im Heavy Metal geht kaum.
Klassiker.



