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SATOKO FUJII ORCHESTRA BERLIN – Second Attempt

2026 (Libra Records) - Stil: Jazz/Avantgarde

Wer geglaubt hat, Satoko Fujii hätte mit den bisherigen Etappen ihres schier wahnwitzigen Fünf-Alben-Marathons im Jahr 2026 ihr Pulver verschossen, wird mit dem neuen Rundling ´Second Attempt´ eines Besseren belehrt. Diesmal scharrt die japanische Ausnahmekünstlerin kein fernöstliches Gefolge um sich, sondern peitscht ihre Berliner Großformation ins Studio. Und was die dreizehnköpfige Truppe unter der Ägide von Fujii – die diesmal auch selbst wieder das Pianogehäuse malträtiert – auf das Tonband brennt, besitzt die unbändige Elektrizität eines Kollektivs, das absolute Anarchie zur Kunstform erhebt. Es erscheint abermals auf “Libra Records” und erweist sich als tonales Inferno ohne jeden doppelten Boden.

Das Konzept klingt nach purer Willkür, entpuppt sich aber als geniales Kalkül. Fujii zertrümmert ihre Kompositionen in mikroskopisch kleine Bausteine – ein radikales Lego-Prinzip. Welches Element das Orchester als Nächstes ins Getümmel wirft, steuert die Meisterin im Studio spontan per Handzeichen. Ein Dirigat als Vogelschwarm-Simulation, bei dem Fujii die Flugrichtung nur sanft korrigiert, anstatt starr den Kurs vorzugeben. Ein essenzieller Neuzugang im Berliner Lazarett ist dabei Liz Kosack am Synthesizer. Ihr Einstand verzahnt die akustischen Bläsersätze auf beklemmende Weise mit kalten, elektroakustischen Soundscapes.

Der Fünfzehnminüter ´Part 1´ bricht zu Beginn radikal mit jeder Tradition klassischer Big-Band-Eröffnungen. Aus dem fast schon unheimlichen Niemandsland metallischer Dronetöne und Liz Kosacks schleifenden Modularklängen wächst langsam eine unheilvolle Wand heran. Posaunist Matthias Müller bläst karge Phrasen in den Raum, ehe die Truppe komplett in den Overdrive schaltet. Die Bläser schreien und juchzen wie ein Schwarm Geier über frischer Aas-Beute. Im anschließenden ´Part 2´ ziehen die beiden Schlagzeuger Michael Griener und Peter Orins alle Register des gepflegten Wahnsinns. Statt eines gefälligen Swing-Rhythmus rumpeln Klappergeräusche, schabende Dosen und raschelnde Texturen durch das Dickicht. Wenn Tenorsaxofonist Gebhard Ullmann schließlich zur unbarmherzigen Attacke ansetzt und wild kreischende Läufe abfeuert, bleibt kein Stein auf dem anderen.

Das anschließende ´Part 3´ entpuppt sich als elektroakustischer Parforceritt, der in den Konzertsaal-Ursprüngen auf dem Rascheln und Zerreißen von Zeitungen fußte und im Studio eine faszinierend-intime Raumatmosphäre entfaltet. Die Trompeterin Lina Allemano setzt zu jagenden Riff-Salven an, ehe Bassist Jan Roder das Tempo drosselt und mit scharf gestrichenen Bögen durch Mark und Bein fährt. Saxofonist Matthias Schubert treibt sein Instrument im Anschluss in solche Extrembereiche, dass das Holzblasinstrument wortwörtlich wie ein verletztes, winselndes Tier nach Erlösung brüllt.

Nach den schwebenden, dissonanten Klangelementen in ´Part 4´ setzt das finale Epos ´Part 5´ dem Spektakel die Krone der Abnormität auf. Baritonsaxofonistin Paulina Owczarek eröffnet das Stück mit einem beinahe quälenden Solo aus spuckenden, ins Unendliche gezogenen Tönen, während das Kollektiv dahinter lethargisch wie eine Dampfwalze im Schneckentempo anrollt. Den endgültigen Gnadenstoß versetzt jedoch Trompeten-Großmeister Natsuki Tamura. Er verzichtet auf jede saubere Note, schreit, röchelt und vokalisiert direkt durch das Metall seines Instruments. Ein bizarrer, von Dämonen besessener Ausklang, der jeden Wunsch nach einer harmonischen Landung eiskalt im Keim erstickt. Ein wuchtiges Monument aus Schweiß und grenzenlosem Freigeist!

(9 Punkte)

https://www.facebook.com/satokofujiipage


(VÖ: 4.09.2026)

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