
Drei Tage Way Out West in Göteborg. 13. -15. August 2026. Und wenn ich ehrlich bin, hätte ich mir für den Start meines Festivalabenteuers kaum ein passenderes Chaos vorstellen können. Schon die Anreise zum Festival war eigentlich ein kleiner Vorgeschmack darauf, wie die nächsten Tage werden sollten: Voll, aufregend, ein bisschen überfordernd und gleichzeitig einfach großartig.

Ich hatte in einem Airbnb etwas außerhalb von Göteborg übernachtet und musste mit der Bahn zum Festivalgelände fahren. Eigentlich kein großes Ding. Bis ich irgendwann in der Bahn saß und plötzlich dachte: „Oh shit, ich hab meinen Geldbeutel vergessen.“ Also hieß es: Wieder zurück. Ich habe mir einen Uber genommen, bin zurück zum Airbnb gefahren und wollte anschließend direkt weiter zum Festival, nur um festzustellen, dass ich beim zweiten Anlauf mein Handy vergessen hatte. Perfekt.
Irgendwann kam ich also völlig gestresst am Festivalgelände an und merkte dann, dass ich eine halbe Stunde zu früh war. Im Nachhinein war das natürlich eigentlich ganz praktisch. Das Festival hatte noch gar nicht richtig angefangen und ich konnte erst einmal durchatmen
Als Way Out West dann mittags seine Tore öffnete, war ich trotzdem erst einmal komplett überwältigt. Das Festival findet mitten in Göteborg im Stadtpark Slottsskogen statt und verteilt sich auf fünf Bühnen. Dadurch fühlt es sich gleichzeitig wie ein großes Stadtfestival und wie eine eigene kleine Welt an. Überall waren Menschen, Musik, Essen, DJs und irgendwelche Dinge, die man entdecken konnte. Das Line-up war unglaublich breit: von Pop und Indie über Rock, Soul und Jazz bis hin zu elektronischer Musik und Techno.


Ich bin am Anfang einfach erst einmal herumgelaufen und habe versucht, mich zu orientieren. Zusätzlich zum normalen Festivalbereich gab es einen kleineren VIP-Bereich. Dort befand sich auch das Media Center für akkreditierte Personen. Was mir dabei auffiel: Der VIP Bereich hob sich nicht wirklich vom normalen Festivalgelände ab. Es gab dort zwar eine Bar, einen DJ, Essen und Getränke, aber insgesamt fühlte es sich nicht wie eine abgeschottete Luxuszone an. Der Luxus hier bestand eher darin, sich etwas vom ganzen Trubel zurückziehen zu können. Ein kleines Detail fand ich besonders cool: Es gab ein Zelt, in dem man sich Tarotkarten legen lassen konnte. Ich habe es selbst leider nicht ausprobiert, aber allein die Tatsache, dass es so etwas auf einem Musikfestival gab, passte irgendwie perfekt zu Way Out West.

Mein erster Act war Yaeger, eine junge schwedische Pop- und Rave-Künstlerin. Für mich war das gleichzeitig der erste Fotopit überhaupt. Ich stand also vorne an der Bühne, umgeben von vielen anderen Fotografen, und war ziemlich aufgeregt. Yaeger startete ihren Auftritt nicht gerade unspektakulär: Sie stieg aus einer Schatztruhe auf die Bühne. Ihre Musik bezeichnet sich als ‚Emotional Rave Pop’ und auch ihre Bühnenpräsenz war entsprechend energiegeladen. Frech und verspielt ist sie auf der Bühne rumgehüpft. Vor allem das jüngere Publikum hatte sie sofort auf ihrer Seite. Für mich war es ein ziemlich guter Einstieg in drei Tage voller Fotopits und Live-Musik.


Danach ging es Schlag auf Schlag. Mein Festivalplan war so vollgepackt, dass ich eigentlich ständig von einer Bühne zur nächsten gerannt bin.
Einer der persönlichsten Begegnungen des Festivals war für mich Moby. Seine Musik begleitet mich schon seit Jahren und deshalb war ich besonders gespannt darauf, ihn live zu erleben. Moby ist musikalisch unglaublich vielseitig: Techno, Dance, Ambient, Rock und Pop. Was kann er denn nicht? Genau diese Mischung hat auch sein Live-Auftritt gezeigt.

Er stand nicht einfach nur hinter einem DJ-Pult, sondern war mit einer Band auf der Bühne und hat gesungen, Gitarre gespielt, getrommelt und aufgelegt. Als Gastsängerin war India Carney dabei. Außerdem trat Jacob Lusk auf, der den unglaublich emotionalen Song „When It’s Cold I’d Like to Die“ sang.

Dieser Moment hat mich wirklich berührt und war für mich einer der emotionalsten Momente des gesamten Festivals. Pure Gänsehaut und vielleicht hab ich sogar ein paar Tränen verdrückt.

Was mich an Moby aber fast genauso beeindruckt hat wie die Musik, ist seine Haltung. Er nutzt seine Bekanntheit immer wieder, um auf Tierschutz aufmerksam zu machen. Er zeigte während des Konzerts ein Video seiner verstorbenen Freundin, das ihre Liebe zu Tieren thematisierte. Das wirkte nicht wie ein aufgesetztes Statement, sondern eher wie ein Teil dessen, wofür Moby einfach steht. Trotz seiner langen Karriere und seines großen Erfolgs hatte ich bei ihm nie das Gefühl, dass er abgehoben ist. Er wirkt erstaunlich bodenständig.
Am Abend wurden dann meine 2012er Jugendträume wahr, mit The xx. Ihre Musik ist das komplette Gegenteil von einem überladenen Festivalmoment: Verträumt, reduziert, melancholisch und gleichzeitig unglaublich intensiv. Der Gesang von Romy und Oliver Sim verschmilzt fast zu einem Duett und erzeugt gemeinsam mit den minimalistischen Beats und Gitarren eine sehr eigene Atmosphäre. Es war einer dieser Auftritte, bei denen man plötzlich nicht mehr das Gefühl hat, mitten auf einem riesigen Festival zu stehen, sondern für einen Moment in eine ganz andere Welt eintaucht. Jamie xx untermalte das mit elektronischen Beats und machte die Musik noch tanzbarer.


Genau diese Abwechslung zwischen melancholischer Live-Musik, elektronischem Sound und Pophymnen beschreibt den ersten Tag des Festivals schon ziemlich gut.

Überhaupt war der erste Tag für mich vor allem eines: Viel zu viel auf einmal. Und das meine ich positiv. Fünf Bühnen, unzählige Acts, DJs, Essen, Menschen und überall neue Eindrücke. Das Publikum war auffällig jung, viele Leute waren unglaublich cool und individuell gekleidet. Man hatte teilweise fast das Gefühl, dass Mode und Lifestyle genauso zum Festival gehören wie die Musik.
Auch kulinarisch hatte das Festival einiges zu bieten. Das Essen war nicht nur komplett vegetarisch, sondern vor allem unglaublich vielseitig. Es gab ganz unterschiedliche Stände und für eigentlich jeden Geschmack etwas dabei. Dazu kamen Stände mit Spielen, verschiedene Informations- und Mitmachangebote und sogar ein eigenes Kino. Das Filmprogramm gehört bei Way Out West fest zum Festival und umfasst Dokumentarfilme, Spielfilme, Serien und Kurzfilme.


Am zweiten Tag war ich dann schon komplett im Festivalmodus. Ich wusste, wo die Bühnen waren, kannte den Weg zum Media Center und hatte vor allem richtig Lust, wieder loszulegen. Schon die Fahrt mit der Bahn war wieder ein Erlebnis, weil gefühlt ganz Göteborg auf dem Weg zum Festival war.

Los ging es dann direkt mit einer ordentlichen Portion schwedischem Rock: The Hives. Die Band aus Fagersta hat live einfach eine unglaubliche Energie.

Ihr Sound ist eine Mischung aus Garage Rock, Punk und klassischem Rock’n’Roll. Laut, schnell und mit einer gehörigen Portion Attitüde. Frontmann Howlin’ Pelle Almqvist lieferte eine völlig durchgedrehte Show ab, während Gitarrist Nicholaus Arson beim Song „Walk Idiot Walk“ sogar über die Hände des Publikums surfte und dabei weiter Gitarre spielte. Ich fand es einfach amüsierend, wie viel Energie diese Band auf die Bühne bringt. Auch wenn das Publikum teilweise etwas zurückhaltender wirkte, als man es bei einer Hives-Show vielleicht erwarten würde, hat die Band selbst wirklich alles gegeben.

Einer meiner großen Höhepunkte auf dem Festival war natürlich auch The Cure. Die Band fasziniert mich einfach immer wieder. Musikalisch bewegen sie sich zwischen Post-Punk, Gothic Rock, New Wave und melancholischem Alternative Rock, was super zur abendlichen Stimmung passte. Der Einstieg war schon fast geisterhaft: Sänger Robert Smith bewegte sich langsam über die neblige Bühne und wandte sich dem Publikum zu, bevor die ersten Gitarrenklänge zu „Pictures of You“ einsetzten.
Danach ging es für ungefähr zwei Stunden durch eine Mischung aus neuen Songs und Klassikern. Natürlich durften Publikumslieblinge wie „Friday I’m in Love“ nicht fehlen. Die Lichtshow wechselte zwischen bunt, düster und atmosphärisch und passte dadurch perfekt zur Musik. Es war bereits das zweite Mal, dass ich The Cure live gesehen habe, und trotzdem schaffen sie es immer wieder, mich komplett in ihre Musik hineinzuziehen.

Und dann war da noch Nick Cave & The Bad Seeds. Ausgezeichnet durch Alternative Rock, Post-Punk, Blues, Art Rock und sehr intensiven Balladen. Nick Cave selbst ist dabei natürlich eine Erscheinung. Seine Performance war sehr theatralisch und gleichzeitig unglaublich direkt. Auch scheute er sich nicht davor sein Mikro mehrmals auf den Boden zu werfen um sich dann ein anderes zu schnappen. Was man halt so macht auf der Bühne als Rockstar. Trotzdem fühlte sich der Auftritt alles andere als unnahbar an. Er suchte immer wieder die Nähe zum Publikum, ging nach vorne und berührte die Menschen.

Daneben sah ich unter anderem Nektar, eine sehr junge schwedische Rockband die erst seit 2023 besteht. Nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Krautrock Band aus den 1970ern. Besonders auffällig war, wie gut sie bei den jungen Mädels im Publikum ankamen. Die Band hatte eine ziemlich selbstbewusste Rockstar-Attitüde, was mich erst verwunderte, die Fanbase scheint aber groß zu sein. Musikalisch kann man das als alternative Rock mit schwedischen Vocals einordnen.

Mehr meinen musikalischen Geschmack hat dann die Band Geese aus New York getroffen. Die Band bringt einen coolen Vintage- und Indie-Rock-Vibe mit, der teilweise an älteren Rock erinnert, aber trotzdem modern klingt. Genau solche Acts fand ich bei Way Out West spannend, weil man ständig über Künstler stolpert, die man vorher vielleicht noch nicht so auf dem Radar hatte.

Am dritten Tag machte sich das Festivalfieber dann auch in den Beinen und im Rücken bemerkbar. Drei Tage lang durch einen riesigen Park zu laufen und von einem Act zum nächsten zu rennen, hinterlässt irgendwann Spuren.

Trotzdem hatte ich mir vorgenommen, an diesem Tag stärker auf die DJs und elektronische Musik zu achten und vielleicht auch mal das Tanzbein zu schwingen.

Mittags ging es zu KETTAMA, und was mich da erwartete war Party pur. Kein Wunder bei dem Techno, den er auflegte. Die Rave-Kultur war dort richtig spürbar und die Musik war eine Mischung aus Techno und Eurotrance die einen etwas in die 90er Jahre zurückversetzten. Ich habe mich irgendwann einfach mitten in die Menge getraut und angefangen, Partyfotos von den Leuten zu machen. Das war unglaublich witzig, weil die Stimmung komplett ausgelassen war.

Ein weiteres Highlight war für mich Veronica Maggio. Sie ist eine der bekanntesten schwedischen Popkünstlerinnen und verbindet eingängige Popmusik mit elektronischen und teilweise melancholischen Elementen. Ich hatte vorher gar nicht so viel von ihr gehört und war deshalb umso überraschter, wie sehr mir ihr Auftritt gefallen hat. Auch wenn ich die Texte nicht kenne und auch nicht verstehe, war ich von der Dynamik zwischen ihr und dem Publikum gepackt, welches ihre Songs mit Leichtigkeit mitgesungen hat. Ein schönes Konzert.


Etwas anders lief es bei Saint Etienne. Nach ungefähr 15 Minuten musste die Band wegen technischer Probleme abbrechen, weil der Sound nicht mehr funktionierte. Nach einer kurzen Pause kam noch einmal Hoffnung auf und sie versuchten, weiterzumachen, aber leider ohne Erfolg.

Auf derselben Bühne spielte später dann, ohne technische Probleme, Maribou State, deren Musik irgendwo zwischen elektronischem Pop, Soul, Downtempo und atmosphärischer Clubmusik liegt. Auch das passte wieder sehr gut in die Mischung des Festivals. Überhaupt waren überall kleine DJs verteilt. Es gab kaum einen Ort, an dem nicht irgendwo Musik lief.

Ein besonders witziges Konzept fand ich den Idol-Karaoke-Stand. Dort konnte man Karaoke singen und gleichzeitig quasi ein kleines Casting für einen möglichen Plattenvertrag daraus machen.
Außerdem gab es eine Bühne speziell für Newcomer, auf der junge Künstler zeigen konnten, was sie draufhaben. Ich fand es schön, dass das Festival nicht nur die großen Namen präsentiert, sondern auch Raum für neue Künstler schafft.
Kostenlose Wasserversorgung durfte bei den sommerlichen Temperaturen natürlich auch nicht fehlen. Teilweise spritzten die Securities den aufgeregten Fans in der ersten Reihe Wasser in den Mund.

Bis darauf war das Festivalwochenende eigentlich ziemlich trocken.
Geregnet hat es nur ganz kurz und das, obwohl der Regen die letzten Jahre ja schon zum Programm gehört hat. Lucky me.

Langsam kommen wir dem Ende des Festivals nahe. Ein großer Act steht noch aus: Gorillaz. Leider durfte ich dort nicht fotografieren. Also habe ich meine Kamera irgendwann weggepackt und beschlossen, dass ich dieses Konzert einfach genießen will. Und rückblickend war das wahrscheinlich genau die richtige Entscheidung.
Gorillaz legte definitiv den ausgefallensten Auftritt hin. Durch Sitar, Sarod Bansuri und Tabla, traditionelle indische Instrumente, versetzte das Ensemble das Publikum fast in eine meditative Atmosphäre. Sie passte zum Hintergrund des neuen Albums,The Mountain, das von einer Indienreise inspiriert wurde und sich unter anderem mit spirituellen Themen, Trauer und dem Jenseits beschäftigt.
Dazu kamen die Animationen der fiktiven Bandfiguren auf den Leinwänden, die eine Geschichte dieser Reise erzählten. Es fühlte sich teilweise wirklich so an, als würde man in einem Live-Film sitzen. Nur eben mit Musik. Neben den neuen Songs durften populäre Stimmungskracher wie u.a. „Last Living Souls“, „Feel Good“ oder „On Melancholy Hill“ nicht fehlen. Auch Little Dragon waren dabei und sorgten mit ihrem elektronisch angehauchten Pop und Soul für einen weiteren besonderen Moment. Sie spielten unter anderem „Empire Ants“.
Danach ging es zurück zu meinem Airbnb. Und plötzlich war es vorbei.
Wenn ich auf die drei Tage zurückblicke, war Way Out West für mich viel mehr als nur ein Musikfestival. Natürlich stände die Musik im Mittelpunkt und die Auswahl war wirklich unglaublich breit. Aber gleichzeitig ist das Festival sehr stark von Lifestyle, Kultur, Essen, Mode, Film und Begegnungen geprägt. Es gibt so viel zu entdecken, dass man eigentlich gar nicht alles schaffen kann.

Günstig ist das Festival definitiv nicht. Man muss sich nämlich selbst um eine Schlafmöglichkeit kümmern, denn es werden keine Zeltplätze angeboten.
Trotzdem finde ich, dass es sich lohnt, weil man für sein Geld nicht einfach nur eine Reihe von Konzerten bekommt, sondern eine komplette Festivalwelt.

Es gibt für eigentlich jeden Musikgeschmack etwas, es sei denn man ist natürlich Hardcore-Mettler oder anti mainstream. Die Menschen sind offen, die Stimmung ist entspannt und die Organisation funktioniert sehr gut. Insgesamt wurde das Festival über die drei Tage von 81.500 Menschen besucht und stellte somit einen neuen Publikumsrekord auf.

Meine Beine waren zwar müde, aber mein Kopf voller Musik und meine Kamera voller Bilder. Und irgendwo dazwischen hatte ich Göteborg, Way Out West und diese drei ziemlich verrückten Tage richtig ins Herz geschlossen.
https://www.facebook.com/wayoutwestfestival
Text & Bilder: Aylin Vogelsang
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