
STEVE HACKETT & STEVE ROTHERY – The Roaring Waves
2026 (InsideOutMusic/Sony Music) - Stil: Atmosphärischer Progressive Rock
Fast ein Jahrzehnt lang haben sich Steve Hackett und Steve Rothery Zeit gelassen, bevor sie ihre Gitarren zum ersten Mal gemeinsam aufs offene Meer hinausschickten. Hackett, einst Klangarchitekt bei GENESIS, und Rothery, seit jeher das Rückgrat von MARILLION, kennen und bewundern sich gegenseitig schon länger. Jetzt liegt endlich ihr erstes gemeinsames Album vor, und schon der Titel verrät die Richtung. ´The Roaring Waves´ erscheint über “InsideOutMusic”, sieben instrumentale Stücke, kein einziges Wort Gesang, ganz dem Meer gewidmet, seiner Schönheit ebenso wie seiner Gnadenlosigkeit.
Wer bei zwei Gitarristen dieses Kalibers ein Duell der Saiten erwartet, wird eines Besseren belehrt. Steve Hackett sagt, dass es nicht die Art von Album sei, die Gitarristen normalerweise gemeinsam machen würden – und das sei durchaus wörtlich gemeint. Kein Wettstreit, kein technisches Imponiergehabe, sondern zwei Musiker, die sich gegenseitig Raum schenken und einander zuhören, bevor sie spielen. Auch ein zweites GTR, jenes Supergroup-Projekt, das Hackett einst mit Steve Howe verband, wollten die beiden ausdrücklich nicht wiederholen.
Die Wurzeln liegen stattdessen in Whitby, an der rauen Küste von Yorkshire, wo Rothery aufgewachsen ist. Im Winter habe man dort das Tosen der Wellen bei jedem Sturm gehört, erzählt er, ein Ort voller Poesie und Kraft zugleich. Diese Erinnerungen hat er mit Hackett geteilt, als die beiden gemeinsam nach Whitby reisten, um Inspiration zu suchen. Entstanden ist das Album über die Jahre in improvisierten Sessions im Racket Club und in den jeweiligen Heimstudios, mal mit wochenlangen Pausen, wenn Tourneen dazwischenkamen, mit Riccardo Romano an Keyboards und Bass sowie Daniele Pomo und Leon Parr am Schlagzeug.
Eröffnet wird die Reise von ´The Storm´, und gleich hier zeigt sich, worum es diesem Album geht. Möwenschreie, rollende Wellen, dann schwebt bedrohliches Mellotron von Riccardo Romano über die Szenerie, während die Gitarren erst inmitten der dunklen Wolken singen, ehe sie fast metallisch düster im unheilvollen Orkan auftauchen und Pomos Schlagzeug den Sturm unerbittlich vorantreibt. Doch sobald Hackett und Rothery ihre Soli austauschen, zwei völlig unterschiedliche Anschläge, die sich dennoch perfekt ergänzen, beruhigt sich die Szenerie langsam wieder. Schimmernde Keyboardflächen durchbrechen die Wolken, ein Bild, das man förmlich vor sich sieht.
Nach dem Sturm kommt mit ´Sandsend´ die Stille, benannt nach einem winzigen Fischerdorf nahe Whitby. Rothery erinnert sich an eine alte Bahnlinie, die einst die ganze Küste entlangführte, und einen Tunnel durch die Klippen, durch den er als Kind mit seinen Freunden lief, gefährlich, verrückt, aber dort sei aus ihm ein Träumer geworden, jemand, der sich gerne in sich selbst zurückzieht. Die Gitarren schweben in aller Verzückung über der Landschaft, der Bass bleibt zurückhaltend im Hintergrund, und ohne ein einziges Wort entstehen Bilder, die sich sofort festsetzen, Kindheit, Einsamkeit, das leise Abenteuer eines Jungen, der lieber allein durch Tunnel läuft, als mit der Masse mitzuschwimmen – dazu wundervoll elegische Melodien zum Träumen.
´Red Dragon´ trägt den Namen eines Schiffs der East India Trading Company und spielt zugleich mit dem walisischen Drachen auf der Flagge des Landes, aus dem Rothery stammt. Hackett greift zur Sitar-Gitarre, Rothery liefert schwere Riffs, dazwischen webt sich eine Hurdy Gurdy durch den Klang und verleiht dem Stück einen unverkennbar östlichen Anstrich. Statt mit technischer Brillanz zu blenden, bauen die beiden das Stück geduldig auf, Schicht für Schicht, bis am Ende ein dichtes Klanggewebe entstanden ist, durch das man sich mühelos treiben lassen kann.
Das Titelstück ´The Roaring Waves´ öffnet mit spanischen Gitarrenklängen von Hackett, zart gezupft, fast zärtlich, bevor sich die Stimmung ändert. Beide Gitarristen lassen wunderbar erlesene Soli aufsteigen – wie ein Schiff, das den Elementen ausgeliefert ist, Rothery mit der Entschlossenheit einer Crew, die sich gegen den Sturm stemmt, während ein stakkatohafter Synthesizer im Hintergrund von Gefahren erzählt, die unter der Oberfläche lauern. Am Ende legt sich die Anspannung, das Meer wird wieder ruhig, dunkel und undurchdringlich.
Die vielleicht faszinierendste Nummer des Albums ist ´K-129´, benannt nach dem sowjetischen U-Boot, das 1968 spurlos im Pazifik verschwand, mitsamt seiner gesamten Besatzung. Manche glauben bis heute, der Kapitän habe sein eigenes Schiff versenkt, um einen dritten Weltkrieg zu verhindern. Ob wahr oder nicht, dieser Stoff aus Geheimhaltung, Tragödie und Kaltem Krieg liefert reichlich Nährboden für die Musik. Ein sequenzierter Sound, der an das monotone Vorwärtsschleichen eines U-Boots erinnert, zieht sich durch das Stück, dazu gesellen sich Klänge, die an TANGERINE DREAM denken lassen, kein Wunder bei Rotherys jüngster Zusammenarbeit mit Thorsten Quaeschning. Mittendrin bricht die Musik plötzlich ab, so abrupt, als wäre das U-Boot mitten im Wasser stehen geblieben, bevor die Gitarren das Stück klagend zu seinem Ende führen.
Die Single des Albums, ´The Black Sea´, spielt mit den Gefühlen, mal melodisch, mal düster, ganz so, wie es unserem begrenzten Wissen über die Tiefen des Meeres entspricht. Hackett beschreibt das Stück selbst als weiten Himmel über gewaltigen Wassermassen, hier und da durchbrochen von Lichtinseln, eine dunkle Abenteuerreise zur See. Die Gitarren agieren zurückhaltend, fast sparsam, um im Lamento das Stück wachsen zu lassen. Zwischen Hackett und Rothery entsteht ein Gespräch, das eher nach gemeinsamer Erkundung klingt als nach der Verkündung fertiger Antworten.
Nach so viel Tiefe und Dunkelheit überrascht ´Pacific Coast Highway´ zum Schluss mit einem Ausbruch purer Lebensfreude. Bluesige Mundharmonika von Hackett, dessen allererstes Instrument sie einst war, trifft auf treibenden Bass von Rothery und wortlosen Backgroundgesang. Hackett kommentiert den überraschenden Stimmungswechsel selbst mit einem Augenzwinkern und schwört, dass keinerlei Substanzen im Spiel waren, nur pure Spielfreude. Das Stück atmet Freiheit, Fahrtwind und die Weite einer Küstenstraße mit heruntergelassenem Verdeck, ein fröhlicher Abschied, der bewusst aus der Reihe tanzt.
Was ´The Roaring Waves´ am Ende so besonders macht, ist die Geduld, mit der hier musiziert wird. Beide Gitarristen könnten jederzeit ihre größten Fingerfertigkeiten zeigen, doch sie entscheiden sich fast durchgehend für Zurückhaltung, für Melodie, Atmosphäre und Gefühl statt für Effekthascherei. Wer Rotherys Soloalbum ´The Ghosts Of Pripyat´ kennt, erkennt hier eine verwandte Haltung wieder, Musik als Soundtrack zu Orten, Geschichten und Erinnerungen.
Simon Ward hat dem Album mit einem dunkelblauen Cover ein passendes Gesicht gegeben, eine sturmgepeitschte Boje mitten im tosenden Meer, ein einzelnes Licht als einziger Trost. Fast zehn Jahre haben Hackett und Rothery gebraucht, um dieses Werk zu vollenden. Erhältlich ist es auch als 180g-Vinyl, bei Abbey Road von Miles Showell im Halbgeschwindigkeitsverfahren geschnitten. Dieser jahrzehntelange Reifeprozess schwingt in jeder einzelnen Note des Albums mit. Wer abseits der ausgetretenen Pfade nach musikalischer Tiefe sucht, wird hier fündig und reichlich belohnt.
(9 Punkte)
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(VÖ: 28.08.2026)



