
HANK MOBLEY – Hank
1957/2026 (Blue Note) - Stil: Jazz
Es gibt Platten, die nicht altern, weil sie nie ganz in ihrer Zeit angekommen sind. ´Hank´ von HANK MOBLEY gehört zu diesen seltenen Werken, eingefangen im April des Jahres 1957, als der Hard Bop in New York nicht als Stilrichtung, sondern als tägliche Sprache gelebt wurde. In den Räumen von Rudy Van Gelder in Hackensack, New Jersey, klang die Musik mehr als lebendig.
Bereits der erste Einsatz von Hank Mobleys Tenorsaxophon trägt diese spezifische Ruhe in sich, die ihn von vielen seiner Zeitgenossen unterscheidet. Wo John Coltrane das Instrument wie ein ewig Suchender behandelt und Sonny Rollins es wohlüberlegt auseinanderlegt, bleibt Hank Mobley im warmen Zentrum des Ausdrucks. Sein Ton ist rund, fast vokal. Der britische Jazzmusiker und Journalist Leonard Feather hatte für ihn einmal diesen treffenden, nicht abwertenden Begriff gefunden: „Mittelgewicht“. In dieser Session wird deutlich, wie präzise dieses Bild ist.
Das Sextett, das sich 1957 für die Session von ´Hank´ versammelt hat, wirkt wie eine Momentaufnahme der damaligen „Blue Note“-Generation in Hochform. Donald Byrd an der Trompete spielt mit gläserner Klarheit und kontrolliertem Feuer, während der junge John Jenkins am Altsaxophon eine spürbare Unruhe mitbringt. Bobby Timmons am Klavier legt jene frühen gospelfarbenen Akkorde in die Harmonien, die wenige Jahre später den Soul Jazz prägen sollten. Wilbur Ware am Bass hält das Fundament äußerst beweglich, während „Philly Joe“ Jones am Schlagzeug mit jener Präzision agiert, die selbst einfache Figuren wie kleine Explosionen erscheinen lässt.

Schon im eröffnenden ´Fit For A Hanker´ wird diese Spannung greifbar. Das Thema erscheint in eng geführter Bläser-Architektur, fast wie eine einzige Linie, die sich kurz trennt, um sofort wieder zusammenzufallen. Dahinter erinnert die Rhythmusgruppe an die frühen Sextett-Aufnahmen von ART BLAKEY & THE JAZZ MESSENGERS, ohne deren Schlagkraft zu imitieren. Hank Mobley phrasiert hier mit einer Gelassenheit, die das Tempo ausbalanciert.
Noch deutlicher tritt diese Erdung im bluesgetränkten ´Hi Groove, Low Feed-Back´ hervor. Der Titel trägt bereits eine gewisse ironische Studiophantasie in sich, doch musikalisch erblüht hier ein im Hard Bop verwurzeltes Stück. Bobby Timmons spielt geradezu sakrale Akkorde. Die Nähe zu Horace Silver ist dabei zwar spürbar, doch Timmons besitzt bereits diese eigene Emotionalität, die später seine berühmten Kompositionen prägen sollte.
Wenn das Sextett Cole Porters ´You’d Be So Easy To Love´ vorträgt, ändert sich die Geschwindigkeit, die Melodien werden dichter, fast bebopartig. Donald Byrd tritt hier stärker hervor, sein Ton schneidet klar durch das Ensemble, während die Rhythmusgruppe den Boden in unruhige Bewegung versetzt. In diesen Momenten erinnert die Session entfernt an die frühen Arbeiten von CLIFFORD BROWN & MAX ROACH.
Der Schmelzpunkt der Platte liegt in ´Time After Time´. Nur Hank Mobley, getragen von Bass, Klavier und Schlagzeug. Nur ein Saxophon, das sich in die Melodie hineinlegt wie in ein bereits vorhandenes Licht. Es ist eine jener Balladen, in denen Mobleys Ton seine volle Charakteristik entfaltet. Die Phrasen wirken fast wie gesprochen – als würde das Instrument selbst den Text ersetzen. In dieser Reduktion zeigt sich die Nähe zu Lester Youngs lyrischer Schule, ohne deren Coolness zu übernehmen.
Das Finale ´Dance Of The Infidels´ von Bud Powell bringt das Sextett zurück in die Bebop-Mechanik. „Philly Joe“ Jones treibt mit einer fast ungeduldigen Energie an. John Jenkins spielt mit hörbarer Anspannung, sein Ton schärfer, fast Charlie Parker-nah. Mobley dagegen bleibt im Zentrum des Geschehens, so als würde er die Geschwindigkeit ordnen. Gerade dieser Kontrast macht den Reiz des Stücks aus.

Im Rückblick wirkt ´Hank´ wie ein stiller Knotenpunkt innerhalb der „Blue Note“-Ästhetik. Die Session vereint junge Stimmen mit etablierten Figuren, ohne dass sich ein Hierarchiegefühl aufdrängt. Alfred Lion und Rudy Van Gelder fangen diese Balance in einer Klangsprache ein, die selbst in Mono eine erstaunliche räumliche Tiefe besitzt. Die Trompete von Donald Byrd steht leicht erhöht im Mix, Hank Mobleys Saxophon dagegen etwas mittiger und körperlicher.
Verglichen mit zeitgleichen Arbeiten von SONNY ROLLINS oder JOHN COLTRANE bleibt dieses Album weniger spektakulär, aber dichter in seiner inneren Balance. Wo andere nach Neuerungen suchen, arbeitet diese Session an der Feinjustierung des Moments. Genau darin liegt ihre historische Bedeutung. Sie dokumentiert den Hard Bop als Alltagssprache eines Ensembles, das diese Grammatik vollständig beherrscht.
Dass ´Hank´ heute zu den gesuchtesten „Blue Note“-Originalpressungen gehört, passt in gewisser Weise zur Musik selbst. Auch sie wirkt nicht laut, nicht aufdringlich, sondern wie etwas, das seine Bedeutung erst mit Abstand entfaltet. Die neue „Tone Poet“-Edition bringt diese Aufnahmen mit erstaunlicher Klarheit zurück in die Gegenwart – ohne den Staub zu tilgen, der zu dieser Musik gehört.
Es bleibt die Erinnerung an einen Raum, in dem sechs Musiker für ein paar Stunden dieselbe Sprache gesprochen haben. Ein Moment vollkommener Unberührtheit, weit weg vom Drang der Epoche, sich ständig neu erfinden zu müssen.
Kult-Klassiker.



