
KEVIN SUN – Kevin Sun, I
2026 (Endectomorph Music) – Stil: Modern Jazz, Post-Bop
Aus einer Warteschleife der amerikanischen Steuerbehörde ist vermutlich selten etwas Brauchbares hervorgegangen. KEVIN SUN hing dort neunzig Minuten lang fest und hat aus der Erfahrung ein Stück gemacht. Die Episode sagt viel über den in New York lebenden Tenorsaxofonisten. In acht Jahren hat er zehn Veröffentlichungen als Bandleader vorgelegt, seine Charlie Parker-Hommage ´<3 Bird´ landete 2021 auf mehreren Jahresbestenlisten, und 2025 belegte er in einem Kritikerpoll Rang drei unter den aufstrebenden Tenoristen. Seine Inspiration sucht er, wo das Ohr ihn hinführt. Das kann John Coltrane oder Benny Golson sein, ebenso David Lynch, Ryuichi Sakamoto oder die Spieleschmiede „FromSoftware“. Mit Eklektizismus als Pose hat das wenig zu tun, denn jedes dieser Stücke bedeutet ihm persönlich etwas.
Auf seinem eigenen Label „Endectomorph Music“ legt er nun zwei Platten zugleich vor, die sich der Logik eines Doppelalbums verweigern. Sun vergleicht sie lieber mit zwei Videospielen, die im selben Universum angesiedelt sind und doch eigenen Gesetzen folgen, jedes mit seinem eigenen Figurenensemble. Man darf mit jeder der beiden beginnen, und jede wirft ein neues Licht auf ihr Gegenüber. Den Ausgangspunkt bildete eine Frage, die ihn über Jahre umgetrieben hat, nämlich was eine gute Jazzkomposition eigentlich ausmacht. Seine Antwort sieht im Stück ein Sprungbrett, das die Improvisation herausfordert und jeden Beteiligten ein wenig mehr nach sich selbst klingen lässt.
Der erste Teil ist das Werk eines Tüftlers. Mit Max Light an der Gitarre, Walter Stinson am Bass und Jon Starks am Schlagzeug erprobte Sun das Material eineinhalb Jahre lang bei regelmäßigen Auftritten in der “Lowlands Bar” in Brooklyn. Dort wurde er seit Beginn der Dekade heimisch, und dort entstanden auch die Livemitschnitte der Reihe ´Lofi At Lowlands´ mit seinem Saxofontrio. Im November 2024 wurde das Album im “Jaybird Studio” eingespielt, anschließend hat Sun es mit akribischer Schnittarbeit in Form gebracht. Ohne Klavier öffnen sich Räume, die Lights Gitarre in immer neuen Farben ausleuchtet, und schon das Cover, auf dem Sun gelöst am Boden sitzt, umrankt von verschnörkelten Lettern, verrät, wie viel Ornament in dieser scheinbar beiläufigen Musik verborgen liegt.
Den Auftakt macht ´Go In´, und es verliert keine Sekunde. Über die Akkordfolge von Coltranes ´Countdown´, ohnehin ein harmonisches Dickicht, hat Sun eine neue Melodie gelegt und das Ganze durch fortwährend wechselnde Taktarten gejagt, bevor ein kurzer Vamp es ausklingen lässt. Die gitarrenlose Einleitung stammt übrigens aus einem beiläufig mitgeschnittenen Soundcheck. Das Gegengewicht bildet ´Scrollwork´, das sich keinen einzigen Taktwechsel erlaubt. Seine Spannung erwächst aus einem rhythmischen Kontrapunkt, in dem alle vier Stimmen gleichberechtigt ihre Linien flechten, wie Schnitzwerk, das seine Feinheiten erst aus der Nähe preisgibt.
Mit ´Souls Of Fire (A Moment’s Peace, From Dark Souls)´ verneigt sich Sun vor Yuji Takenouchis Melodie aus “Dark Souls”. Sie erklingt, während man seine Spielfigur erschafft, kurz bevor diese in eine Welt aufbricht, in der das Sterben zum Handwerk gehört. Das Quartett nimmt diese Andacht vor dem Sturm ernst, ohne ironischen Seitenblick. ´Forenoon´ stimmt auf das folgende ´Between Night And Day´ ein und ist dessen musikalische Umkehrung, buchstäblich auf den Kopf gestellt und um neues melodisches Material ergänzt. ´Between Night And Day´ selbst, eine Ballade mit Bridge, bewegt sich durch Harmonien, die dem Gespür folgen. Anfang und Ende wurden rückwärts eingespielt und anschließend umgekehrt abgespielt. Diesen Studiokniff hat Sun vom Pianisten Christian Li gelernt, und er taucht das Stück in jenes entrückte Zwielicht, das man aus “Twin Peaks” kennt.
Die eingangs erwähnte Warteschleife trägt den Titel ´Hold Music´. Etwa sieben Takte atonaler Musik werden zerlegt, neu zusammengesetzt und immer dichter geschichtet, bis ein einzelner, lang ausgehaltener Ton erklingt, als hätte am anderen Ende jemand stillschweigend aufgelegt. Selten hat ein Behördengang so viel Witz hervorgebracht. In ´Bedrooms´ wagt sich Sun an eine instrumentale Rockballade mit ausgedehnter Strophe-Refrain-Form, die als Gitarrentrio beginnt und als Saxofontrio endet, ein Staffelwechsel mit sanfter Hand. Zum Schluss noch ´Riot In Lagos´, Sakamotos Klassiker von ´B-2 Unit´ aus dem Jahr 1980, den Sun schon in verschiedenen Besetzungen gespielt hat, erscheint hier als Doppelquartett aus übereinandergelegten Aufnahmen. Damit schlägt das Stück den Bogen zurück zu ´Go In´ und gerät wilder als jede seiner früheren Fassungen.
´Kevin Sun, I´ verlangt Aufmerksamkeit und zahlt sie mit Zinsen zurück. Nach einem Jahrzehnt in verschachtelten Formen, erweiterten Harmonien und gemischten Metren findet Sun zu dem zurück, was ihn einst zum Jazz zog, zur unverstellten Kraft der Melodie und zu einem Tenorsaxofon, das ausspricht, wofür Worte zu grob sind. Was aus diesem Impuls wird, wenn eine eingespielte Tourband ohne Netz ans Werk geht, erzählt der zweite Teil.
(8,25 Punkte)
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