
MATT WILSON’S GOOD TROUBLE – Love Is the Whole Thing, We Are Only Pieces
2026 (Palmetto Records) - Stil: Jazz
Matt Wilson gehört zu den Schlagzeugern, bei denen man im Club unwillkürlich zu grinsen anfängt, noch bevor das erste Stück richtig in Fahrt ist. Der Mann aus Knoxville, Illinois, lebt seit über drei Jahrzehnten in New York, taucht in den Credits von mehr als vierhundert Alben auf, hat mit Dewey Redman, Charlie Haden und Paul Bley gearbeitet und sich dabei den Schalk eines Kleinstadtkindes bewahrt. Matt Wilson glaubt an Bands, an das Gemeinsame, an das Lachen im Tourbus. Das hört man jeder seiner Platten an, und dieser ganz besonders. Sie markiert dreißig Jahre, seit sein Debüt ´As Wave Follows Wave´ bei „Palmetto“ erschien, und Label wie Produzent Matt Balitsaris sind bis heute dieselben geblieben. Treue dieser Art ist im Jazzgeschäft beinahe exotisch.
GOOD TROUBLE entstand eigentlich für ein einziges Festival in Galesburg, Illinois, das die Pandemie dann um zwei Jahre verschob. Es funkte sofort, und 2024 folgte das Debüt, gewidmet dem Bürgerrechtler John Lewis und seinem Aufruf, sich in “guten Ärger” zu stürzen. Der Nachfolger dreht den Blick ein Stück weiter. Statt um Widerstand geht es um Nähe, statt um die Straße um den Tisch, an dem man zusammensitzt. Den Titel hat Matt Wilson bei Rumi gefunden, dem persischen Mystiker, der vor über siebenhundertfünfzig Jahren schrieb, die Liebe sei das Ganze und wir nur die Teile davon. Wie gut das passt, zeigt schon das Cover, ein Quilt, den Wilsons Frau Kim Taylor Wilson aus vielen einzelnen Flicken zusammengenäht hat, sodass Rumis Gedanke hier ganz handfest Stoff geworden ist.
Die Besetzung ist gewachsen. Tia Fuller am Altsaxofon, Jeff Lederer an Tenor und Klarinette, Ben Allison am Bass und Dawn Clement an Klavier und Mikrofon sind wieder dabei, dazu kommt Anisha Rush als zweite Altistin, die in den vergangenen Jahren live immer öfter mit von der Partie war. Zwei Altsaxofone in einer Frontline, das klingt nach Gedränge. Tatsächlich ergibt es eine Wärme, die sich wie ein zweiter Mantel um die Stücke legt.
´Wind Spirit´, das Wilson schon mit seinem LEAP DAY TRIO aufgenommen hat, beginnt so leise, dass man kurz nachsieht, ob die Anlage überhaupt läuft. Clement singt einen Vers aus dem Johannesevangelium über den Wind, dessen Herkunft keiner kennt, und nach und nach findet sich die Band ein. Dann zieht Bobby Watsons ´Fuller Love (In Case You Missed It)´ das Tempo an, einst für den Posaunisten Curtis Fuller geschrieben und hier eine Bühne für die nicht verwandte Tia Fuller, die sie über einem unwiderstehlichen Vamp gründlich nutzt. Tom Pettys ´I Won’t Back Down´ ist in diesem Umfeld erst einmal eine Überraschung, doch über Allisons sanft wiegendem Zwölfachtelpuls wird aus der Rockhymne ein stilles Versprechen, beharrlich zu bleiben, und Lederer braucht nur acht Takte Solo, um es zu besiegeln.
Mit Andrew Hills ´Black Fire´ kommt endlich Feuer ins Spiel. Fuller und Lederer lassen es lodern, während die Rhythmusgruppe darunter lauert und nie ganz losschlägt. ´Joonam´, benannt nach einem persischen Kosenamen unter Familienmitgliedern, lebt von Wilsons beinahe sprechendem Spiel und baut sich behutsam auf, bis es in Frieden verklingt. Bacharachs und Davids ´Anyone Who Had A Heart´, 1963 durch Dionne Warwick berühmt geworden, gehört ganz Dawn Clement, die ohne Pathos und mit leiser Melancholie singt. Das ist großes Handwerk, das nicht nach Handwerk klingt.
´Welcome Table´ verdankt seine Idee James Baldwin und einer Tafel, an der alle Platz haben. Am Anfang und am Ende steht der Blues, dazwischen geht es herrlich schräg zu, mit einem Hauch Ornette Coleman und Albert Ayler im Gebälk. Allisons ´Green Al´ bekommt einen verträumten Text von Clement und schwebt, weil Allison zum Höfner-E-Bass greift, in einem nebligen, leicht psychedelischen Funk dahin. Mit ´Festival´ von ´Album Album´ aus dem Jahr 1984 verneigt sich Wilson vor Jack DeJohnette, der wenige Monate vor den Aufnahmen gestorben war, und Lederer und Rush verhaken sich darin so lustvoll, dass man den Altmeister förmlich lächeln sieht. Am Ende umschlingen sich im Titelsong Klarinette und Altsaxofon über einer weichen Synthesizerfläche, bis ein Chor aus Freunden und Familie Rumis Worte anstimmt. Es klingt es nach einem Abend, an dem niemand nach Hause gehen will.
Wer harten Stoff sucht, wird hier selten bedient. ´Black Fire´ und ´Welcome Table´ sind die einzigen Stellen, an denen die Band wirklich an den Rändern kratzt, und manchem wird das Album über weite Strecken zu friedlich sein. Aber das ist Wilsons Entscheidung, und er trifft sie mit offenen Augen. Er tut nicht so, als wäre die Welt draußen in Ordnung. Er setzt ihr nur etwas entgegen, das sie nicht kaputtkriegt.
Am Schlagzeug bleibt Wilson ohnehin ein Unikum. Er malt mehr, als dass er den Takt verwaltet, setzt hier einen Akzent, lässt dort eine Lücke, und plötzlich klingen alle um ihn herum ein bisschen mehr nach sich selbst. Vielleicht ist das die eigentliche Kunst dieses Albums. Dreißig Jahre als Bandleader, und der Chef ist immer noch der, der am meisten zuhört.
(8 Punkte)
https://www.facebook.com/mattwilsonjazzfans/
Bild: Cover-Artwork (Quilt-Design)
von Kim Taylor Wilson für das Album
von Matt Wilson’s Good Trouble
(© 2026 Palmetto Records).



