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CALEB WHEELER CURTIS & JASON MORAN – Incantation

2026 (Imani Records) - Stil: Jazz

Halb zwei, das letzte Set ist längst durch, der Barkeeper stapelt schon die Stühle, und wir hängen immer noch am Tresen. Irgendwer hat diese Platte aufgelegt. Kein Bass, kein Schlagzeug, nur ein Klavier und ein Saxophon, das so seltsam klingt, dass ich frage, was das eigentlich für ein Ding ist. Eine Stritch, sagt mein Nachbar. Ein gerades Altsaxophon, so selten, dass man es fast nur von Rahsaan Roland Kirk kennt, der ihm überhaupt erst diesen Namen verpasst hat. Und der Mann, der es hier spielt, heißt Caleb Wheeler Curtis.

Am Klavier sitzt Jason Moran. Muss man in so einem Laden eigentlich niemandem erklären. Die beiden kennen sich schon länger, 2018 haben sie zusammen ´Freebird´ aufgenommen, eine ziemlich schräge Verbeugung vor Charlie Parker, eingespielt mit dem Kollektiv WALKING DISTANCE, in dem Curtis damals spielte, und Moran als prominentem Gast. Eine große amerikanische Zeitung zählte die Platte damals zu den besten Jazzalben des Jahres. Seitdem ist einiges passiert, und wer heute auf das Cover schaut, sieht zwei Namen in gleich großen Buchstaben. Das hört man auch.

Curtis ist in diesen Jahren mächtig gewachsen. Mit seinem Trio EMBER hat er sich ausgetobt, mit Größen wie Orrin Evans gespielt, sich die Stritch zur Hauptstimme gemacht und zuletzt sogar mit der Trompete angefangen. Der Titel ´Incantation´, also Beschwörung, erinnert an seine Sextettplatte ´Ritual´, was er aber gar nicht geplant hatte. Für ihn ist diese Musik eine Art Anrufung der Ahnen, all derer, die den Jazz vor ihnen gespielt haben, von Monk und Dolphy bis zu Ellington, und am Ende dieser Reihe stehen für ihn auch Orrin Evans und Jason Moran.

Ein großes Konzept wollte er nicht. Die Idee hat er sich von Morans Soloalbum ´The Sound Will Tell You´ geborgt, und so klingt das auch. Zwei Instrumente, zwei Klangfarben, und alles andere ergibt sich daraus. Aufgenommen wurde an einem einzigen Tag im “The Bridge Studio” in Brooklyn, Curtis hat selbst produziert, gemischt und gemastert hat Dave Darlington. Das Cover von Nico Raddatz zeigt nur den Titel, in hohen schwarzen Lettern, die aussehen wie ein Strichcode. Oder wie Klaviertasten, wenn man um diese Uhrzeit ein bisschen großzügig hinschaut.

Den Auftakt macht ´That Which Cannot Be Replaced´, eine Nummer von Curtis, die er ursprünglich mit EMBER aufgenommen hat, und hier tastet sich sein Sopransaxophon ganz behutsam heran. ´Miss Nancy´ stammt von Arthur Blythe, einem Saxophonisten, der Curtis stark geprägt hat, und davor erzählt Moran kurz von seinem Mentor Jaki Byard. Mit ´Ain’t No Storm´ folgt wieder Curtis, ehe Moran mit ´Gangsterism On A River´ eines seiner eigenen Stücke beisteuert, aus jener Reihe von Gangsterism-Nummern, die sich durch seine Diskografie zieht. Dieses hier hatte er 2001 auf ´Black Stars´ mit seinem Trio BANDWAGON und Sam Rivers eingespielt.

´One Hundred Years´ ist frei improvisiert, ein Stück, in dem die beiden munter Haken schlagen. ´Tiramisu For Two´ hat Noah Garabedian geschrieben, Curtis’ Kollege bei EMBER, und ´Restin’´ holt Moran von seinem Album ´Same Mother´, diesmal im Schritttempo und mit Schatten unter den Augen. Danach der Titelsong, eine neue Komposition von Curtis. Schließlich ´Archaeology´. Komplett improvisiert, und Curtis spielt Trompete, ein Instrument, mit dem er noch nicht lange vertraut ist. Er hat erzählt, dass er fast die ganze Session lang auf die Trompete im Ständer geschaut und sich gefragt hat, wann er sich endlich traut. Es war das letzte Stück des Tages, und allein diese Geschichte macht es zu etwas Besonderem.

Zum Ende wird es fast verschmitzt. ´Big Small´ ist ein Blues von Orrin Evans, der „Imani Records“ gegründet hat, ´Flotation Device And The Shivers´ wieder ein EMBER-Stück von Curtis, und ganz zum Schluss kehrt ´Ain’t No Storm´ für einen kurzen Moment zurück, wie ein letzter Gruß an der Tür. Dann ist Ruhe. Der Barkeeper schaltet das Licht über dem Tresen aus.

Was bleibt? Zwei Musiker, die sich eine Platte lang die Bälle zuspielen, mal zärtlich, mal frech, und denen man zuhört, bis man über ihren Geschichten das Bezahlen vergisst. Mehr Jazz braucht es um diese Uhrzeit nicht.

https://www.facebook.com/calebwheelercurtis/
https://www.facebook.com/p/Jason-Moran-100050618673592/


Cover-Artwork: „Incantation“ von Caleb Wheeler Curtis & Jason Moran
(Typografisches Grafik-Design & Layout:
Imani Records Creative Team / © 2026 Imani Records)

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