PlattenkritikenPressfrisch

TEARS FOR FEARS – The Seeds Of Love (2LP Deluxe Edition)

1989/2026 (UMR/Mercury) – Stil: Rock

Blau also. Nach der großen Box von 2020 und der orangeroten Sonne, die Steven Wilsons Mix in diesem Jahr auf den Plattenteller brachte, schließt eine marmorierte Doppel‑LP den Reigen dieser Wiederveröffentlichungen, und sie hat einen ganz eigenen Auftrag. Wilson hat das Album für die orangenrote „Sunburst“‑Pressung neu gedeutet, diese Ausgabe dagegen lässt es unangetastet und zieht dafür die Schublade daneben auf, in der all das liegt, was 1989 nicht auf die Platte passte.

Die erste LP bringt ´The Seeds Of Love´ im ursprünglichen Mix, remastert und auf zwei Seiten verteilt, so wie das Album damals die britischen Charts eroberte. Die üppige Pracht jener Produktion samt ihrem großzügigen Hall bleibt hier vollständig erhalten. Wer Wilsons Version im Ohr hat, wird beim Wiederhören vielleicht überrascht sein, wie selbstverständlich dieser Klang zu den Songs gehört. Beide Ansätze haben ihre Berechtigung, und erst der direkte Vergleich zeigt, wie sorgfältig das Original produziert wurde.

Der eigentliche Grund für diese Edition liegt aber auf der zweiten Platte. Ein Großteil dieser Aufnahmen lag bereits der Box von 2020 bei, verteilt auf die CDs ´The Sun´ und ´The Wind´. Die B‑Seiten gab es damals auf den Singles, die Demos dagegen erscheinen hier zum ersten Mal überhaupt auf Schallplatte. Zudem bekommen diese Aufnahmen rückblickend ein eigenes Gewicht. 1991 verließ Curt Smith die Band, und so gehören die Rückseiten der Singles von damals zu den letzten Spuren des Duos aus jener Zeit.

Seite drei eröffnet ´Tears Roll Down´, ursprünglich auf der Rückseite von ´Sowing The Seeds Of Love´ versteckt. Das Stück kreist beharrlich um ein einziges Motiv, fast wie eine Beschwörung, und Roland Orzabal ließ es offenbar nicht mehr los. Drei Jahre später baute er daraus ´Laid So Low (Tears Roll Down)´, den neuen Song der Hitsammlung ´Tears Roll Down (Greatest Hits 82–92)´, und so liegt hier der Samen eines späteren Erfolgs. ´Always In The Past´ stammt von der Rückseite von ´Woman In Chains´ und wirkt wie ein Spaziergang in der Abenddämmerung, gelassen und jazzig getönt, mit einer Wehmut, die schon im Titel steckt. Ein Lückenfüller ist das nicht, eher ein Song, der sich im Schatten der großen Single wohlfühlte.

Mit ´My Life In The Suicide Ranks´ zieht sich der Himmel zu. Der Song schleppt sich schwer voran, Keyboards wabern wie Nebel über einem nassen Feld, und man spürt, wie viel Druck auf diesen langen Studiojahren gelastet haben muss. ´Music For Tables´ wirkt danach wie eine Pause am Rand der Sessions, ein beinahe wortloses Stück, bei dem man sich die Musiker vorstellt, wie sie nach einem harten Tag noch ein wenig weiterspielen, einfach weil es Spaß macht. ´Johnny Panic And The Bible Of Dreams´ schließlich verdankt seinen Titel einer Erzählung von Sylvia Plath und ist der kurioseste Moment der Seite. Hier wagten sich die vermeintlichen Grübler auf die Tanzfläche der britischen Clubs um 1990 und ließen einen Beat los, der so gar nicht zu ihrem Ruf als Perfektionisten passen wollte.

Seite vier ist das Herzstück für Sammler. Alle fünf Stücke sind Demos, entstanden, bevor Orchester und Gastmusiker die Songs in ihr prächtiges Gewand hüllten. ´Rhythm Of Life´ hat dabei eine besondere Geschichte. Orzabal schrieb den Song in der Zeit von ´The Seeds Of Love´, überließ ihn aber später Oleta Adams, die ihn auf ihrem von ihm produzierten Album ´Circle Of One´ veröffentlichte. In dieser frühen Version gehört er noch ganz der Band, und man hört, wie viel Soul schon in der Skizze steckte. Das Demo von ´Advice For The Young At Heart´ wirkt wie ein Grundriss, auf dem später das fertige Haus errichtet wurde. Die Melodie ist schon da, die warme Leichtigkeit der Albumversion dagegen erst zu erahnen.

´Swords And Knives´ trägt in diesem Stadium noch hörbar die Kleider der Mittachtziger, als hätte der Song einen Fuß in der Ära von ´Songs From The Big Chair´ stehen lassen. ´Famous Last Words´ ist im Demo eine leise, ungeschützte Ballade, die eher an ein spätes Selbstgespräch erinnert als an jenes gewaltige Finale, mit dem das Album später ausklingt. Den Abschluss bildet ´Sowing The Seeds Of Love´ ohne Gesang. Plötzlich steht das Gerüst dieses Hits frei, und man staunt darüber, wie viel Erfindungsreichtum in einem Arrangement steckt, das man jahrelang vor allem als Kulisse für Orzabals Stimme wahrgenommen hat.

Diese beiden Seiten machen nachvollziehbar, welchen Weg die Songs gegangen sind. Viele von ihnen begannen als kleine Ideen, ehe sie in teuren Studios zu jenen ausladenden Arrangements anwuchsen, die man von der Platte kennt. Nicky Holland, die fünf der acht Albumstücke mitgeschrieben hat, war an diesem Prozess maßgeblich beteiligt. Wer das fertige Album liebt, versteht es nach dieser Seite ein Stück besser.

Gepresst sind beide Platten auf blau marmoriertem Vinyl mit 180g, und sie stecken gemeinsam in einer einfachen, etwas breiteren Hülle statt in einem Klappcover. Das alternative Coverartwork unterscheidet die Ausgabe schon im Regal von allen früheren und gibt dem sonnendurchfluteten Album trotz der großen Sonne auf dem Cover einen kühleren, nächtlichen Anstrich. Die Studio‑Jams aus den Londoner “Townhouse Studios” von 1988 und die Single‑Edits bleiben anderen Formaten dieser Veröffentlichungsreihe vorbehalten.

Am Ende ergänzen sich zwei Platten auf schöne Weise. Wilsons orangerote Pressung zeigte, was in den Bändern steckt. Diese blaue Doppel‑LP führt dorthin, wo die Songs geboren wurden und wo jene Stücke liegen, die es nie aufs Album geschafft haben. Für ein Werk, das so lange gereift ist, passt es, dass man es heute aus mehreren Blickwinkeln betrachten kann.

https://www.facebook.com/TearsForFears


Cover-Artwork: „The Seeds Of Love“
(2LP Deluxe Edition) von Tears For Fears
(Alternatives Cover-Design & Produkt-Visualisierung:
Universal Music Art-Department /
© 1989, 2026 Mercury Records / Universal Music Recordings)
LP-Fotos: SaitenKult, Michael Haifl –
Bildzitat: Alternatives Cover-Artwork und
auffallendes, blau marmoriertes Spezialeffekt-Vinyl
der limitierten 2026er 2LP-Deluxe-Edition
von Tears For Fears – The Seeds Of Love
(© 2026 Mercury Records / Universal Music Recordings)

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"