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CREDO – We The Disconnected

2026 (Gargoyle Records/Just For Kicks Music) - Stil: Neo Prog

Man verzeihe mir, wenn ich kurz die Teetasse absetze. Fünfzehn Jahre hat man auf dieses Album warten müssen, fünfzehn Jahre, in denen ´Against Reason´ in meinem Regal zwischen den gesammelten Werken von IQ und einer recht ordentlichen Ausgabe von „Trollope“ Staub angesetzt hat, gleich neben ´Rhetoric´ aus dem Jahr 2005. Nun also melden sich CREDO zurück, und zwar, wie es sich für Gentlemen gehört, keineswegs mit einer schmalen Visitenkarte, gleich mit einem Doppelalbum von fast 82 Minuten. Acht Stücke, sechs davon über acht Minuten lang. Auf dem Festland würde man das vermutlich für maßlos halten. Hierzulande nennt man es Manieren.

Das Cover zeigt einen Mann inmitten flimmernder Bildschirme, und ich gestehe, beim ersten Blick zuckte meine Augenbraue. Doch das Bild ist klug gewählt, denn es fasst zusammen, worum es auf diesem Album geht. Um Menschen, die nie besser vernetzt waren als heute und einander dennoch kaum noch erreichen. Ein Befund, den ich jeden Dienstag im Club bestätigt sehe.

Die Herren sind, bis auf eine Ausnahme, dieselben geblieben. Mark Colton singt, Tim Birrell spielt elektrische und akustische Gitarren, Mike Varty sitzt an den Tasten, und Jim Murdoch bedient den Bass. Den Schlagzeugschemel hat Martin Meads an Gerald Mulligan übergeben, den man allgemein „Mully“ ruft, was ich persönlich ein wenig vertraulich finde, aber bitte. Mulligan hat bereits mit Lee Abraham und Sean Filkins gearbeitet, er weiß also, wie man sich in guter Gesellschaft benimmt. Für zusätzliche Stimmen sorgen Lawrence Colton und Sam Collins.

Varty wiederum kennt man von LANDMARQ und SHADOWLAND, und als Mick Pointer die frühen MARILLION-Jahre live wiederaufleben ließ, saß er ebenfalls an den Tasten. Er hat im bandeigenen „Gargoyle Studio“ aufgenommen, produziert und gemastert, den Mix besorgte er gemeinsam mit Karl Groom von THRESHOLD, der dafür sein „Thin Ice Studio“ zur Verfügung stellte. Geschrieben haben alle fünf gemeinsam, wie es sich in einem anständigen Haushalt gehört.

Colton pflegt nebenher die alten MARILLION-Stücke in einer Coverband, und seine Stimme versteht sich auf das Erzählen. Sie sitzt wie ein Anzug vom guten Schneider, und sie weiß, wann sie das Wort ergreift und wann sie es anderen überlässt. Zu sagen hat sie allerhand, über Unwahrheiten, Abhängigkeit und Vereinsamung, und keine dieser Geschichten geht gut aus.

´Losing My Reason´ eröffnet mit Wucht und kreist um das Gefühl, mit den Jahren für die Welt allmählich unsichtbar zu werden, ein Gedanke, der einen Herrn gewissen Alters persönlich berührt. Gitarre und Keyboards reichen einander die Melodien weiter, die Rhythmusgruppe gibt einen entschlossenen Schritt vor, und man stellt erleichtert fest, dass CREDO in fünfzehn Jahren nichts verlernt haben. ´Table For One´ schlägt danach ruhigere Töne an. Akustische Gitarren und eine Orgel begleiten einen Menschen, der allein an einem Tisch sitzt, mitten unter anderen und doch vollkommen für sich. Ich speise häufig allein. Ich fand das Stück dennoch ergreifend.

Mit ´Tell Us Why´ wagt sich die Band an das schwerste Thema, an Amokläufe, bei denen Menschen mit Schusswaffen wahllos andere töten. Der Text sucht nach Gründen und findet keine, und gerade dieses Ratlossein erschüttert. Chöre im Hintergrund verleihen dem Ganzen etwas beinahe Liturgisches. Die erste Scheibe endet mit dem fünfzehnminütigen ´Flowers By The Roadside´, das sich den Kreuzen und Sträußen widmet, die irgendwo an einer Landstraße an einen Menschen erinnern, und nach jenen fragt, die jedes Jahr wiederkommen, um verwelkte Blumen gegen frische zu tauschen.

Die zweite Scheibe beginnt mit ´Fool’s Paradise´, einer Abrechnung mit leeren Versprechen und mit all jenen, die ein Volk lieber gespalten als mündig sehen. Claire Kennedy steuert eine Flöte bei, die dem dunklen Stück einen Hauch jener Siebziger verleiht, in denen Progressive Rock noch Krawatte trug. ´Bonkersaria´ ist anschließend, verzeihen Sie den Ausdruck, ein Schelmenstück. Schon der Name verbindet das Irrenhaus mit der Opernbühne, und tatsächlich handelt es sich um ein nahezu instrumentales Stück, in dem Tim Birrell seine Gitarre herrlich twangen lässt, während sich ein Chor feierlich über alles legt. Ich habe gelacht. Leise, versteht sich.

´Round And Round´ kennen die Getreuen bereits von Konzerten, denn CREDO spielen es seit geraumer Zeit live. Colton nennt es schlicht das Drogenlied, was ich angesichts des Themas für eine bemerkenswert britische Untertreibung halte. Über mehr als zwölf Minuten zeichnet es einen Kreislauf nach, aus dem kaum einer entkommt, und Jim Murdochs Bass hält das Karussell dabei unermüdlich in Schwung. Den Schlusspunkt setzt ´Left Or Right?´ und stellt eine Frage, auf die es keine gute Antwort gibt, solange man sie nur mit links oder rechts beantworten darf. Als gäbe es dazwischen keinen Platz mehr für einen vernünftigen Menschen mit Regenschirm.

´We The Disconnected´ will in einem Zug gehört werden, am besten in einem Ohrensessel und ohne Telefon in Reichweite, was angesichts des Themas eine gewisse Ironie besitzt. Wer sich darauf einlässt, wird mit einem Werk belohnt, das die besten Eigenschaften des britischen Neo Prog in die Gegenwart trägt, opulente Keyboards, singende Gitarren und einen Sänger mit Rückgrat. Fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit. Für ein Album dieses Formats hat sich das Warten gelohnt. Mehr Lob wird man von mir nicht hören, ich bin schließlich Brite.

(8,5 Punkte)

https://www.facebook.com/CredoProg/


Cover-Artwork: „We The Disconnected“ von Credo
(Cover-Design & Artwork-Layout: Gargoyle Records /
Produktion: Mike Varty / © 2026 Gargoyle Records)

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