
A PERFECT CIRCLE – Thirteenth Step
2003/2026 (Virgin) - Stil: Alternative Rock, Prog Rock
Nach einem Debüt wie ´Mer De Noms´ hätten Billy Howerdel und Maynard James Keenan es sich leicht machen können. Noch einmal dieselbe Mischung aus schweren Gitarren, rätselhaften Namen und dunkler Leidenschaft, und die Kasse hätte erneut geklingelt. Stattdessen legten A PERFECT CIRCLE drei Jahre später ein Album vor, das leiser und ungleich unbequemer war, ein Konzeptwerk über Sucht, das sein Publikum nicht schont und trotzdem auf Platz zwei der Billboard 200 einstieg. In der ersten Woche gingen über 231.000 Exemplare über den Ladentisch, später folgte Platin, und ´Weak And Powerless´ kletterte in den Rock-Charts bis an die Spitze.
Leicht war der Weg dorthin nicht. Diesmal lag kein fertiges Material in der Schublade, Billy Howerdel begann praktisch bei null. Maynard James Keenan tourte zu dieser Zeit noch mit TOOL für ´Lateralus´ um die Welt, und so schickte Billy Howerdel ihm seine Instrumentalskizzen hinterher, während Maynard James Keenan zwischen den Konzerten an Texten feilte. Gleichzeitig zerbröselte die Besetzung. Troy Van Leeuwen wechselte zu QUEENS OF THE STONE AGE, Paz Lenchantin zu ZWAN, und beide sind nur noch auf wenigen Stücken zu hören. Am Bass übernahm Jeordie White, bekannt aus der Band von MARILYN MANSON, an der Gitarre half Danny Lohner von NINE INCH NAILS aus, der auch an der Produktion mitwirkte. James Iha stieß erst für die Tour dazu. Als Maynard James Keenan endlich ins Studio zurückkehrte, prallten zwei Vorstellungen aufeinander. Er wollte weg vom Hardrock des Debüts, hin zu Atmosphäre und Weite, Billy Howerdel hing an den härteren Stücken, die er in der Wartezeit geschrieben hatte, und ausgerechnet der Neuling Jeordie White vermittelte zwischen beiden.
Ein Song hatte allerdings schon eine Vorgeschichte. ´Vanishing´ sollte bereits auf ´Mer De Noms´ erscheinen, doch Billy Howerdel fand die Datei nicht mehr, weil er sie versehentlich als “test” abgespeichert hatte. Erst 2001 tauchte sie wieder auf, und der Titel wurde zur augenzwinkernden Anspielung auf das eigene Verschwinden.
Der Albumtitel verweist auf die zwölf Schritte der Anonymen Alkoholiker, und jeder Song nimmt eine andere Perspektive auf die Sucht ein. Mal spricht der Abhängige selbst, mal die Droge, mal der Angehörige, der wegsieht, mal der Außenstehende, der nichts begreift. Maynard James Keenan kannte das Thema nicht aus eigener Erfahrung, wohl aber aus nächster Nähe, etwa durch den Tod von Layne Staley von ALICE IN CHAINS im Jahr 2002. Das unter seiner Regie gestaltete Artwork rahmt diesen düsteren Kreislauf, und so steht ´Thirteenth Step´ von der ersten bis zur letzten Minute im Dienst eines einzigen, schweren Themas.

´The Package´ öffnet die Tür einen Spaltbreit. Eine schleichende Basslinie, ein geduldiger, fast hypnotischer Beat, darüber Keenans Stimme, die einem Süchtigen gehört, der nur noch eines im Kopf hat. Er lächelt, nickt und lügt, um sein Päckchen zu bekommen, und wer ihm Freundschaft anbietet, wird höflich übergangen. Über siebeneinhalb Minuten zieht sich die Schlinge zu, bis sich das Stück in der zweiten Hälfte in schwere, wuchtige Riffs entlädt, bei denen auch Troy Van Leeuwens Gitarre mitmischt.
´Weak And Powerless´ zeigt den Moment, in dem der Rausch zur Falle wird. Ein fließender Bassgroove, schimmernde Gitarren, ein Refrain, der sich sofort festsetzt, und dazu ein Text, in dem sich jemand immer tiefer in sein eigenes Grab hineinarbeitet, sein Laster füttert und jede gute Stimme fortschickt, weil ihm das Dunkle Trost verspricht. Selten klang Ohnmacht so verführerisch.
In ´The Noose´ wechselt die Perspektive. Hier spricht jemand zu einem Geläuterten, der seine Dämonen besiegt haben will und nun wie ein Heiliger vor allen steht. Höflich klingt das, beinahe freundlich, doch zwischen den Zeilen lauert die Frage, wie er seine Schuld bei denen begleichen will, die nicht mehr leben. Danny Lohner prägte die Produktion, Jarboe von SWANS legt ihre Stimme darüber, und langsam wird aus der frommen Pose eine Schlinge.
´Blue´ täuscht mit seinem fast beschwingten Tempo und glockenhellen Gitarren über seine Grausamkeit hinweg. Ein Mensch läuft blau an, und der andere sitzt daneben, schaut zu und will es einfach nicht wahrhaben. Wegsehen als Überlebensstrategie, die keiner überlebt.
Dann schwebt ´Vanishing´ herein, ein Lied über ein Ich, das sich Stück für Stück in Luft auflöst. Gitarren hallen wie aus weiter Ferne, Keenan singt kaum lauter als ein Atemzug, und für ein paar Minuten scheint die Schwerkraft außer Kraft gesetzt.
´A Stranger´ kommt mit akustischen Gitarren und den Streichern von THE SECTION QUARTET aus. Die Sucht klopft hier als verlockender Fremder an, dessen Wirkung man leugnet, während man doch insgeheim auf ihn wartet, bis am Ende nur noch der Wunsch bleibt, endlich von ihm loszukommen.

´The Outsider´ ist der wütendste Moment des Albums. Treibende Riffs, ein peitschender Groove und ein Freund, der für die Selbstzerstörung des anderen kein Verständnis mehr aufbringt. Keenan hat ihn selbst als jemanden beschrieben, der die Sucht für eine Art verstauchten Knöchel hält, den man einfach weglaufen kann. Gerade diese Kälte macht den Song so verstörend.
´Crimes´ ist ein kurzes, unruhiges Zwischenspiel, an dem neben Howerdel und Keenan auch Josh Freese und Jeordie White mitgeschrieben haben. Darin wird gezählt, immer weiter, bis aus dem Zählen eine Mahnung wird.
Mit ´The Nurse Who Loved Me´ covern A PERFECT CIRCLE einen Song von FAILURE aus deren Album ´Fantastic Planet´ von 1996. Streicher von THE SECTION QUARTET, Klangfarben von Jon Brion und K. Patrick Warren und ein verträumter Schleier täuschen eine Liebesgeschichte vor. Tatsächlich verliebt sich hier ein Patient vor allem in die Schlüssel zum Medikamentenschrank seiner Pflegerin.
´Pet´ ist der Mittelpunkt der zweiten Hälfte. Eine fürsorgliche Stimme rät zum Wegsehen und Weiterschlafen und verspricht Schutz vor allen Gefahren da draußen. Doch während im Hintergrund der Krieg dröhnt, wird klar, dass dieser Beschützer vor allem eines will, nämlich Kontrolle und Isolation. Ob man darin die Droge, einen Manipulator oder eine Regierung hört, die ihre Bürger in Angst wiegt, bleibt dem Hörer überlassen. Im Hintergrund singen Keenans Sohn Devo, Josh Freese und Jeordie White mit.
Daran schließt ´Lullaby´ an, ein zweiminütiges Wiegenlied, in dem Keenan die Aufforderung zum Weiterschlafen wiederholt, während Jarboe ihre Stimme wortlos darüber gleiten lässt. Den Schluss bildet ´Gravity´, und hier fällt endlich Licht herein. Ein Mensch gesteht, wieder gestürzt zu sein, bittet um Halt und einen Weg zurück ins Licht und findet am Ende den Willen weiterzuleben. Paz Lenchantin steuert die Streicher bei, Troy Van Leeuwen die Gitarre, und das Album findet zu einem bewegenden, fast tröstlichen Ende.

´Thirteenth Step´ lebt von der Spannung zwischen Howerdels Hang zur Schwere und Keenans Drang nach Raum und Zwischentönen. Gerade aus diesem Ringen entstand ein Album, das in seiner Geschlossenheit bis heute zu den eindringlichsten Konzeptwerken des Alternative Rock zählt, gemischt von Andy Wallace, getragen von Josh Freeses präzisem Schlagzeug und Keenans wohl verletzlichster Gesangsleistung.
Nach ´Mer De Noms´ hat nun auch ´Thirteenth Step´ den Weg in die “Definitive Sound Series” gefunden, und auch diese Ausgabe ist ein Fest für Vinyl-Liebhaber. Das Album liegt als schwere 180g-Doppel-LP in einem Tip-on-Gatefold-Cover vor, steckt in einem stabilen Schuber und kommt nummeriert mit Echtheitszertifikat. Die Auflage ist auf 3.000 Exemplare weltweit begrenzt.
Als Quelle dienten Dateien in 192 kHz und 24 Bit, übertragen von den originalen analogen Flat-Mastern. Nur ´Crimes´ und ´Lullaby´ stammen aus 44,1-kHz-Dateien in 24 Bit, denn beide Stücke wurden damals ausschließlich digital bearbeitet und bleiben hier in ihrer ursprünglichen Auflösung. Die Lackfolien schnitt Levi Seitz bei “Black Belt Mastering”, gepresst wurde im One-Step-Verfahren bei “Record Technology, Inc.” auf Neotech VR900-D2. Weil dabei mehrere Galvanikschritte entfallen, bleibt mehr Detail in der Rille, und das hört man vor allem in den leisen Momenten. Die Streicher von ´A Stranger´ und die schwebenden Gitarren von ´Vanishing´ stehen ruhig und plastisch im Raum, während ´The Package´ und ´The Outsider´ mit einer Wucht aus den Lautsprechern drücken, die das tragende Bassfundament dieses Albums eindrucksvoll unterstreicht. Mancher mag den Tiefton als etwas üppig empfinden, doch gerade dieses Album lebt von seinen Basslinien.
Diese Pressung zeigt ´Thirteenth Step´ so, wie es gemeint war, als ein Album in das man hinabsteigt.
Ein dunkles Meisterwerk des Alternative Rock.
Klangqualität: 10/10
Authentizität / Originaltreue: 10/10
Pressung & Material: 10/10
Verpackung & Extras: 10/10
Historische Bedeutung: 9,5/10
Sammlerwert: 10/10
(Foto: Billy Howerdel /
Design: Steven R. Gilmore / © 2003 Virgin Records).
Schuber-Design der Definitive Sound Series (DSS) von A Perfect Circle
(© Interscope-Capitol Records / Virgin Records America).



