
STEVEN WILSON – Requiem For A Village
2026 (Fiction Records / Virgin Music) - Stil: Progressive Rock / Folk Horror
Wie ich hingekommen bin, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr. Da war ein Bus, die Nummer 42, glaube ich, er hielt am Kriegerdenkmal, und irgendwann stand ich in einem Dorf, das auf keiner Karte verzeichnet ist. Es gibt dort einen Gemeinderat, eine Kirche namens St Mary’s, einen Pub namens The Black Horse und einen Frauenverein, der sich am zweiten Dienstag im Monat trifft. Um drei Uhr früh. Ich habe das zweimal gelesen, dann ein drittes Mal, und es stand immer noch da.
Geschickt hat mich STEVEN WILSON. Nicht persönlich natürlich, so wichtig bin ich nicht. Auf dem Cover steht er selbst, im schwarzen Mantel und mit gesenktem Kopf auf einem Friedhof, zwischen einem Steinkreuz und umgestürzten Grabplatten, und das Gras ringsum leuchtet rot, als hätte jemand den Herbst in Blut getaucht. Nach ´The Overview´, seinem achten Album, das in die Sterne hinaufgestarrt hat, schaut sein neuntes nach unten, ins nasse Gras, in einen vergessenen Winkel der Britischen Inseln. Andy Partridge von XTC hat die Erzählung geschrieben und dazu etliche Liedtexte, und David Tennant, den die meisten wohl aus “Doctor Who” kennen, liest vor. Ein Märchenonkel, dem man nicht ganz traut. Gut so. Wer “The Wicker Man” gesehen hat, kennt diese Sorte Dorf.
Am Schwarzen Brett hängen Zettel, und die sollte man lesen, bevor man sich hier häuslich einrichtet. Ein Bauantrag für den Ersatz einer Leiche auf dem Friedhof von St Mary’s, Einwände keine. Eine Mutter-Kind-Gruppe, bei der es Saft, Kekse und Beruhigungsmittel gibt. Ein Wanderwart, der im Steinkreis auf dem Lerchenfeld 43 Steine gezählt hat, obwohl es früher 41 waren. Die Kirchturmuhr wird von Hand zurückgestellt, und man möge sie bitte nicht mit der anderen vergleichen. Welche andere? Hat mir keiner gesagt. Und die Bienen müssen informiert werden. Das ist ein alter englischer Brauch, man erzählt den Bienenvölkern, wenn jemand gestorben ist, sonst fliegen sie fort. Eingeweiht sein sollten sie bis zu dem Tag, an dem ´A Basket Of Bees´ erschien. Zufall? Hier gibt es keine Zufälle, glaube ich.
Steven Wilson wollte diesmal Fingerabdrücke auf der Musik, sagt er. Keine Software, die schiefe Töne gerade biegt, nur analoge Synthesizer mit ihren Launen, und er hat selbst Oboe, Geige und Schlagzeug gespielt, obwohl er keines davon richtig beherrscht. Von Juli 2025 bis April 2026 hat er daran gewerkelt, mit Randy McStine an seiner Seite und Russell Holzman, der bei vier Stücken trommelt. Das Booklet sieht aus wie ein altes Notizheft, voller Handschrift, voller Durchgestrichenem, mit verschneiten Strohdachhütten, brennenden Feldern und Straßen, die auf dem Kopf stehen. So ist das hier. Nichts wird radiert.
´Swirl In A Lark’s Eye´ öffnet das Gatter. Tennant erzählt, eine Akustikgitarre zupft dazu, irgendwo knistert ein Kurzwellenradio, und man setzt sich besser hin. Der Titelsong reißt einen danach wieder hoch. Fette Riffs, ein bisschen Elektronik, ein Groove, der sitzt wie ein alter Mantel, und alles ein wenig hektisch, als würde einem die Zeit davonlaufen. Das ist der Wilson, mit dem er einst berühmt wurde, samt einem Solo von Randy McStine, bei dem man unwillkürlich nickt. Im Text steigen die Toten aus ihren Gräbern, tanzen und brüllen den Verkehr auf der Autobahn an, und ehrlich gesagt kann ich sie verstehen.
´The Same River Twice´ beginnt still mit Klavier und Gesang, später schieben sich Streicherflächen darunter, und ganz am Ende meldet sich noch einmal der Erzähler. Niemand steigt zweimal in denselben Fluss, das wussten schon die alten Griechen. ´Now Departing´ handelt von einem Zug, der einen nie aus dem Dorf hinausbringt, ganz gleich, wie oft man einsteigt. Irgendwann rollt der Rhythmus so rund, dass die Hände von selbst zum Klatschen zusammenfinden, ein kurzes Solo blitzt auf, und später legen die Gitarren noch einmal richtig nach. Wilsons Livekeyboarder Adam Holzman steuert sogar einen Modularsynthesizer bei. ´Hiraeth´ trägt ein walisisches Wort, das eine Sehnsucht nach einem Zuhause meint, das es vielleicht nie gegeben hat, und klingt entsprechend nach Blues, mit Klavier und einer Slidegitarre, die sich in die Wehmut hineinlehnt.
In ´On Chapel Slope´ trommelt und klappert es. Wilson sitzt selbst am Schlagzeug und greift zur Geige, und dazu wird gesungen wie bei einer Prozession. ´Murmuration´ brodelt dunkel vor sich hin, der Erzähler schaut kurz herein, und dann tut Wilson etwas, das ich hier am wenigsten erwartet hätte. Er singt fast einen echten Singsang, mit klarer, hoher, wunderschöner Stimme. Irgendwo in diesem Stück erklingt außerdem Katherine Priddy mit dem alten Mordlied ´Cruel Sister´, in dem eine Schwester die andere ins Wasser stößt. Allerdings zieht sich das Ganze über gut sieben Minuten hin.
´Cursus Fingerprint´ klingt geisterhaft, der Erzähler spricht zu Flötenklängen, Lee Harris lässt eine psychedelische Gitarre durch den Nebel geistern, und alles riecht nach den Siebzigern, nach Kerzenwachs und muffigen Plattenhüllen. Ein Cursus ist einer jener jungsteinzeitlichen Grabenzüge, die sich in England kilometerweit durch die Felder ziehen und deren Zweck bis heute keiner kennt. ´A Basket Of Bees´ verbindet alternative Rockmusik mit den Siebzigern, und manchmal setzt ein Chorgesang ein, der einem ein Grinsen ins Gesicht zaubert. Die Bienen wissen jetzt jedenfalls Bescheid.
´Great Green Map´ beginnt mit dem Erzähler, dann übernehmen Klavier und Wilsons Stimme, mal hoch, mal tiefer, so wie man ihn liebt. In ´Wheel´ steigen die Toten aus den Gräbern, um das Rad weiterzudrehen, und die Wölfe holen sich die alten Bräuche zurück. Randy McStine hat dafür sogar einen Zufallstongenerator angeworfen, was mich nicht wundert. ´The Old God Is Buried´ macht am Ende die Tür zu, mit Gesängen, Geigen und einer Drum Machine. Ob von innen oder von außen, kann ich nicht sagen.
Am Erscheinungstag feiert das Dorf sein Herbstfest, “The Turning Of The Wheel”, mit Tombola, Ansprachen und einer Nachtwache bei Kerzenlicht. Wer teilnehmen möchte, soll vorher anrufen, damit der Gemeinderat entscheiden kann, ob man würdig ist. Ich habe nicht angerufen. Rund 54 Minuten war ich dort, sagt meine Uhr, aber die soll man hier ja nicht mit der anderen vergleichen. Der Bus nach Market Town fährt um 18:22 Uhr, und ich glaube, ich nehme ihn. Wenn er kommt.
(8,5 Punkte)
https://www.facebook.com/StevenWilsonHQ
Cover-Artwork: „Requiem For A Village“ von Steven Wilson
(Cover-Fotografie: Kevin Westenberg /
Artwork-Design: Steven Wilson Productions /
© 2026 Fiction Records)
(VÖ: 6.11.2026)



