
RAN BLAKE – Voices
2026 (Tzadik) – Stil: Jazz, Solo Piano, Third Stream
Ran Blake hat sich einmal einen Filmemacher genannt, der nicht weiß, wie man eine Kamera bedient. Besser kann man diesen Typen eigentlich nicht beschreiben. Als Junge sah er Robert Siodmaks Gruselthriller “The Spiral Staircase”, und so richtig aus dem Kino herausgekommen ist er danach nie wieder. Dazu kam als Teenager in Suffield, Connecticut, die Musik der Pfingstgemeinden, dieser ekstatische Gospel, der sich mit den Schatten aus dem Film zu etwas verband, das bis heute kein Mensch so spielt wie er. Ran Blake ist jetzt 91, und ´Voices´ beweist, dass der Mann noch längst nicht alles erzählt hat.
Kurz zur Einordnung, für alle, die erst jetzt einsteigen. Am „Bard College“ traf Blake die Sängerin Jeanne Lee, mit der er 1962 bei „RCA“ ´The Newest Sound Around´ aufnahm, ein Duo aus Stimme und Klavier, das seiner Zeit meilenweit voraus war. Drei Jahre später folgte bei „ESP-Disk“ ´Ran Blake Plays Solo Piano´, mit Liner Notes von keinem Geringeren als Gunther Schuller. Seit 1967 lehrt er am „New England Conservatory“ in Boston, wo er den Third-Stream-Gedanken über Jahrzehnte geprägt und ganze Generationen von Musikern geformt hat, darunter die Sängerin Dominique Eade, mit der er erst in diesem Jahr ´Roots & Byways´ veröffentlicht hat. Dazwischen liegen Platten wie ´Film Noir´ oder ´The Short Life Of Barbara Monk´, gewidmet der Tochter seines Freundes Thelonious Monk, dessen Geist bis heute durch Blakes Spiel weht.
Aufgenommen wurde ´Voices´ bereits 2023, als Blake 88 war, im Studio von Peter Kontrimas, gemastert hat Scott Hull. Produziert hat Hankus Netsky, sein langjähriger Freund und Kollege am Konservatorium, der die Bänder an John Zorn weitergab, und der brachte sie prompt auf „Tzadik“ heraus. Der Titel führt dabei auf eine falsche Fährte, denn gesungen wird kein einziges Wort. Die Stimmen stecken im Material. 16 der 19 Stücke stammen aus dem Repertoire von Sängerinnen und Sängern, von Ray Charles über Édith Piaf bis B.B. King, und Blake lässt sie auf den Tasten weitersprechen. Gut 55 Minuten dauert das Ganze, und kein Stück knackt die Fünfminutenmarke.
Den Auftakt macht ´If I Should Lose You´, ein alter Standard von Ralph Rainger und Leo Robin, und schon danach geht es von Ray Charles’ ´Hallelujah, I Love Her So´ zu Puccini, denn ´My Name Is Mimi´ ist jene Arie, mit der sich die Näherin in “La Bohème” vorstellt. Das erste von drei eigenen Stücken, ´Robert Pete Blues´, verneigt sich vor dem Louisiana-Bluesmann Robert Pete Williams und ist mit knapp fünf Minuten zugleich das längste. Über Laura Nyros ´Buy And Sell´, das griechische ´Vradiazi´, dessen Titel vom Einbruch der Dunkelheit spricht, und ´You Are My Sunshine´ gelangt Blake zum eigenen ´Midnight March´ und von dort, kein Witz, zu ´Silent Night´.
´Go Gently To The Water´ stammt von Dominique Eade, und hinter ´Judy´ steckt nicht etwa Judy Garland, sondern ein Song von Al Green. Nach dem dritten eigenen Stück ´How ‘Bout That´ folgen Piafs ´La Vie En Rose´, Fats Wallers ´Ain’t Misbehavin’´ und ´Vilna´, eine jiddische Hymne auf das einstige Zentrum jüdischer Kultur, passend betreut von Netsky, einem der Wegbereiter der Klezmer-Renaissance. Gegen Ende stehen der Whitney Houston-Hit ´Saving All My Love For You´, ´The Bebopper´ und ´You’ll Have To Swing It (Mr. Paganini)´, das Ella Fitzgerald mit ihrem Scat berühmt machte, bevor ´The Thrill Is Gone´ den Abend beschließt, jener Blues, mit dem B.B. King Ende der Sechziger Geschichte schrieb.
Wer flinke Läufe und große Show sucht, ist hier falsch. Blake setzt Pausen wie Filmschnitte, lässt Akkorde in der Stille hängen und Melodien halb im Dunkeln stehen, und zwischen Gospel, Chanson und Blues entsteht so etwas wie ein Episodenfilm in neunzehn Szenen. Gedreht hat ihn der Filmemacher ohne Kamera mit nichts als einem Flügel und einem langen Leben voller Erinnerungen, und mit 88 klingt er dabei kein bisschen müde.
(8 Punkte)
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(Artwork-Design & Layout: Tzadik Art-Department /
© 2026 Tzadik Records)



