
FISH AND SCALE – Elf
2026 (Independent) - Stil: Soulful Folk / Singer-Songwriter
Elf Lieder stehen auf dieser Platte, passend dazu heißt sie ´Elf´. Wer das Wort englisch liest, landet allerdings bei einem Wesen aus dem Wald, einem, das sich nur blicken lässt, wenn ringsum alles still geworden ist. Beides passt erstaunlich gut. Roland Wälzlein, der als FISH AND SCALE unterwegs ist, nennt seine Musik Soulful Folk mit mystischem Einschlag. Das klingt erst mal nach Schild an der Ladentür. Nach ein paar Minuten sieht man das anders.
Wälzlein stammt aus Franken. Als kleiner Junge musste er am Herzen operiert werden und hat den Eingriff nur mit viel Glück überstanden, und später zog es ihn unter anderem in ein Schweigeretreat, das sein Leben in neue Bahnen lenkte. Auf dem Cover stützt er den Kopf auf die Hand und schaut einen direkt an, mit einem kleinen Lächeln, eine Gebetskette um den Hals und das halbe Gesicht blau bemalt, als hätte er eine Maske erst zur Hälfte abgenommen. Ein Sänger, der sich ins Rampenlicht drängt, sieht anders aus. Hier sitzt einer, der zuhört, bevor er etwas sagt.
Ganz neu ist ´Elf´ übrigens nicht. Vier Stücke wurden frisch geschrieben, nämlich ´Tapestry´, ´Holy Man´, ´Letter From Paulus´ und ´Song Of A Life´. Der Rest stammt vom Album ´You Can Call Me Love´ aus dem Jahr 2021 und von der EP ´Wonderful´ aus dem Jahr 2023, ´She Says´ wurde dafür teilweise neu eingespielt. Produziert haben Julia Fischer, Roland Wälzlein und Romin Katzer in den “Katzer Studios” in Nürnberg. Nach Resteverwertung riecht das nicht. Es ist eher wie bei einem langen Abend am Feuer, an dem einer neue Geschichten erzählt und zwischendurch die alten wieder hervorholt, die man längst zu kennen glaubte und die plötzlich ganz anders klingen.
´Tapestry´ eröffnet, und schon der Titel ist ein schönes Bild. Ein Wandteppich, aus unzähligen Fäden gewebt, so wie ein Leben eben auch. In ´Holy Man´ sucht dann einer Rat bei einem weisen Mann. Er fühlt sich allein, er möchte wissen, ob da oben jemand wacht, und er gibt ganz offen zu, dass ihm vor dem Sterben graut. Wer weiß, wie knapp Wälzlein als Kind davongekommen ist, hört diese Zeilen mit anderen Ohren. Die Antwort, die der Suchende bekommt, ist keine Predigt. Setz dich, komm zur Ruhe, das Licht, nach dem du suchst, trägst du längst in dir. Das klingt schlicht, ist es auch, und das macht es so wirksam. Getragen wird das Zwiegespräch vom Klavier, und Wälzleins Stimme hat dabei etwas Erdiges, Handfestes, wie Holz, das lange in der Sonne gelegen hat.
Für ´Letter From Paulus´ greift er auf den Brief des Paulus an die Korinther zurück, auf jene berühmten Zeilen über die Liebe, die fast zweitausend Jahre alt sind und heute auf kaum einer Hochzeit fehlen. Ohne Liebe bleibt alles bloß Lärm und leeres Getöse, das ist der Kern. Wälzlein singt das ohne jeden Kirchenton, eher wie jemand, der einem Freund etwas Wichtiges mitgeben will. Bei ´She Says´ wachsen dem Folk dann Schultern. Die Gitarre zupft nicht mehr, sie packt zu, und der Mann am Mikrofon wirft für ein paar Minuten jede Zurückhaltung über Bord.
´Song Of A Life´ steht im Booklet als ´Shine My Love (Song Of A Life)´ und ist so etwas wie das Herzstück der Platte. Ein Mann läuft eine Straße entlang, im Kopf ein Getöse aus tausend Stimmen und tausend Geschichten. Plötzlich, ohne Vorwarnung, ist er einfach da. Er sieht die Welt, wie sie ist, einen Radfahrer, der vorbeifährt und irgendwie leuchtet, und für einen Moment ist alles still in ihm. Keine Angst mehr, nirgends. Kurz darauf hat ihn das Gedankenkarussell wieder, und das Lied endet mit der leisen Frage, wer er eigentlich ist. Wer jemals ein paar Tage geschwiegen hat, kennt diesen Augenblick.
Danach kommt Besuch. In ´Love Song´ singt die Sängerin und Pianistin Julia Fischer, die viele als Jules kennen, an seiner Seite und sitzt stellenweise auch am Klavier, und Paul Braun hat das Stück gemischt. Die beiden klingen, als hätten sie das schon hundertmal gemacht. ´You Can Call Me Love´, das Titelstück von 2021, ist das leichteste Lied der Sammlung, beschwingt, fast schon zum Mitklatschen, und verliert dabei nichts von seinem Ernst. Mit ´Unmask Myself´ wird es wieder nachdenklich, und spätestens hier ergibt die halbe Farbe im Gesicht auf dem Cover Sinn. Es geht um die Masken, die man sich im Laufe der Jahre zulegt, und um die Frage, wer darunter eigentlich noch übrig ist.
Für ´Stay!´ und ´Wonderful´ hat sich Wälzlein das Hannes Stegmaier Trio ins Studio geholt. Dazwischen steht ´The Kid´, das unbequemste Stück des Albums. Das Klavier stolpert über seine eigenen Akkorde, als wolle es sich nicht beruhigen lassen, und Wälzlein singt mit einem Zorn, den man ihm nach so viel Sanftmut kaum zugetraut hätte. Ob mit dem Kind im Titel jener Junge gemeint ist, der damals auf dem Operationstisch lag? Er sagt es nicht. Man denkt es sich. ´Wonderful´ setzt danach den Schlusspunkt, wie ein letztes Holzscheit, das man noch nachlegt, obwohl eigentlich schon alle gehen wollten.
Angefangen hat FISH AND SCALE als Band. Heute trägt Roland Wälzlein das Projekt allein und holt sich Gäste, wenn er sie braucht. Wer die Vorgänger schon im Regal hat, bekommt auf ´Elf´ nur vier wirklich neue Lieder, und ein paar mehr hätte man sich gerne gewünscht. Andererseits bekommen die älteren Stücke neben ´Holy Man´ und ´Song Of A Life´ eine zweite Bedeutung, sie wirken wie Antworten auf Fragen, die damals noch gar nicht gestellt waren. Gut 42 Minuten dauert das Ganze. Am Ende ist das Feuer heruntergebrannt, die Glut glimmt noch, und keiner will als Erster aufstehen.
(8 Punkte)
https://www.facebook.com/fishandscale
Cover-Artwork: „Elf“ von Fish And Scale
(Cover-Design & Artwork: Roland Wälzlein /
© 2026 Roland Wälzlein [Self-Released])



