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MIGUEL ZENÓN & LUIS PERDOMO – El Arte Del Bolero, Vol. 3

2026 (Miel Music) - Stil: Jazz

Die freieste Jazzplatte dieses Spätsommers besteht aus Liedern, die zwischen Santurce und Caracas beinahe jede Großmutter mitsummen kann.

Miguel Zenón stammt aus Santurce in Puerto Rico, Luis Perdomo aus Caracas, und beide sind mit diesen Liedern groß geworden, lange bevor sie wussten, was eine Kadenz ist. Geboren in den 1880er Jahren im kubanischen Oriente, eroberte der Bolero später über Radiowellen und Leinwände den halben Kontinent und wurde zur gemeinsamen Muttersprache der Sehnsucht. Für Miguel Zenón ist dieses Repertoire das, was für Jazzmusiker seit jeher die Lieder von Broadway und Tin Pan Alley sind, ein unerschöpflicher Vorrat an Standards.

Drei Teile sind es inzwischen, und aus einer Notlösung ist eine Herzensangelegenheit geworden. Der erste geht auf einen Livestream zurück und erschien im Januar 2021, der zweite brachte 2024 den Grammy für das beste Latin Jazz Album. Für den neuen trafen sich die beiden am 18. Dezember 2025 im Studio von Rudy Van Gelder in Englewood Cliffs, wo einst unzählige Jazzklassiker entstanden, und Maureen Sickler saß an den Reglern. Einen Plan habe man durchaus, sagt Miguel Zenón, aufgenommen werde trotzdem aus dem Moment heraus und mit kaum mehr als einer Handvoll Takes. Erschienen ist das Ergebnis auf „Miel Music“, dem eigenen Label des Saxofonisten.

Ihre gemeinsame Geschichte reicht 27 Jahre zurück, als Herzstück des Quartetts, das der Saxofonist anführt. In jedem Takt spürt man, dass hier zwei Menschen die Gedanken des anderen erraten, bevor sie ausgesprochen sind. Das Altsaxofon führt die Melodien mit warmer, singender Stimme, und Luis Perdomo legt am Klavier mal einen weichen Teppich aus, mal spielt er seinem Partner einen Ball zu, den dieser im Flug auffängt.

´La Gloria Eres Tú´ von José Antonio Méndez eröffnet mit gut acht Minuten den Reigen. Seine Harmonien erinnern an Standards wie ´Just Friends´ oder ´After You’ve Gone´, verrät Miguel Zenón, und dass es obendrein das Lieblingslied seiner Frau ist, hat die Wahl sicher nicht erschwert. ´Señora´ von Manuel Alejandro sang einst die Spanierin Rocío Jurado. Die Mutter des Saxofonisten schwärmte für sie, und so lief das Lied im Haus der Familie oft, als der kleine Miguel Zenón noch zwischen den Möbeln spielte. Mit ´El Día Que Me Quieras´ von Carlos Gardel und Alfredo Le Pera wagt sich das Duo in den Tango, an ein Lied, das Miguel Zenón über alle anderen Lieder von Carlos Gardel stellt.

Héctor Lavoe hat ´Un Amor De La Calle´ von Orlando Brito auf ´La Voz´ unsterblich gemacht. Aus der Bläserfigur seiner Aufnahme formen die beiden ein kreisendes Motiv, über dem sie mit Schnelligkeit und Puls jonglieren. ´Sombras´ von Carlos Brito Benavides, ein Pasillo aus Ecuador, schaukelt in verschobenen Triolen, die an die Musik des ganzen südamerikanischen Kontinents denken lassen. ´Convergencia´ entstammt der Ära des Filin, als kubanische Songschreiber ihre Boleros mit Akkorden aus dem Jazz würzten, und eignet sich deshalb ideal als Sprungbrett.

Bei ´Verdad Amarga´ von Consuelo Velázquez stammen die Akkorde der Bridge aus der Fassung von JERRY GONZÁLEZ & THE FORT APACHE BAND, die das Stück jahrelang im Programm hatten. Zum Schluss erklingt ´De Qué Callada Manera´, das Pablo Milanés auf Verse von Nicolás Guillén schrieb. Der Salsa, in dem seine Lieder oft ein zweites Zuhause fanden, schimmert deutlich durch, und als Leitstern diente die Fassung von LA SONORA PONCEÑA mit ihrem Pianisten Papo Lucca.

Was überrascht, ist eine seltene Form von Zurückhaltung. Zwei Musiker, denen technisch alles offenstünde, entscheiden sich wieder und wieder für die Melodie und gegen den Effekt. Dafür darf sich jede Melodie ganz ohne Kitsch entfalten.

Die Großmütter zwischen Santurce und Caracas würden ihre Lieder sofort wiedererkennen. Und sich vermutlich wundern, wie jung sie plötzlich klingen.

(8,5 Punkte)

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