
Im Winter 1983 war Michael Stipe ziemlich ausgebrannt. Ein anstrengendes Tourjahr lag hinter ihm, er war in sich gekehrt, und an manchen Tagen war seine Stimme im Studio kaum zu hören. Kein guter Ausgangspunkt für ein zweites Album, könnte man meinen. Und doch klingt ´Reckoning´ lebendiger als alles, was R.E.M. bis dahin aufgenommen hatten.
´Murmur´ hatte die amerikanische Musikkritik im Frühjahr 1983 begeistert. Der Druck war also da. Die Band machte sich trotzdem einfach an die Arbeit, meist im Wohnzimmer von Mike Mills in der Barber Street in Athens, Georgia. Die Songs entstanden so schnell, dass Peter Buck später von Phasen mit zwei guten Stücken pro Woche erzählte. Er wollte sogar ein Doppelalbum daraus machen, aber die anderen winkten ab. Im November nahm die Band in San Francisco mit Elliot Mazer, der schon für Neil Young gearbeitet hatte, erste Songs auf. Am Ende entschieden sich R.E.M. aber doch wieder für Mitch Easter und Don Dixon, die beiden Produzenten von ´Murmur´.
Der Startschuss fiel am 8. Dezember in den „Reflection Sound Studios“ in Charlotte, North Carolina. Gearbeitet wurde in zwei Blöcken von je acht Tagen. In der Pause dazwischen spielte die Band ein Konzert in Greensboro, ging ins Kino und drehte nebenbei im Studio den Clip zu ´So. Central Rain (I’m Sorry)´. Wie viele Tage es am Ende wirklich waren, weiß heute keiner mehr so recht. Im Studiotagebuch stehen 16, Buck sprach später von elf, Dixon will über 25 gezählt haben. Fest steht nur, dass es schnell gehen musste. „I.R.S. Records“ wünschte sich ein kommerzielleres Album, und die Band wollte fertig sein, bevor jemand vom Label zum Reinhören vorbeikam. Mitch Easter und Don Dixon hielten ihnen den Rücken frei, so gut sie konnten.

Diesmal sollte die Platte nach Konzert klingen und weniger nach Studiotüftelei. Don Dixon hatte die Band inzwischen live gesehen und wusste, was er einfangen wollte. Also baute er aus einem Pappkarton und zwei Mikrofonen einen behelfsmäßigen Kunstkopf und nahm damit mehrere Songs – wie ihn menschliche Ohren hören – auf.
´Harborcoat´ stößt die Tür zur linken Seite auf, da R.E.M. die vordere Vinyl-Seite tatsächlich „(L) The Left Side“ getauft haben. Berry trommelt, als liefe ihm die Zeit davon, Bucks Gitarre glitzert wie Sonnenlicht auf nassem Asphalt, während sich drei Stimmen so eigensinnig ineinander verschlingen, dass man meint, jede erzähle ihre eigene Geschichte. Mit ´7 Chinese Bros.´, auf dem Mills zusätzlich am Klavier sitzt, verbindet sich die wohl kurioseste Episode dieser Sessions. Stipe sang so verhalten, dass auf dem Band schlicht nichts zu hören war. Dixon kletterte schließlich auf eine Leiter über der Gesangskabine, entdeckte dort eine Gospelplatte von THE REVELAIRES namens ´The Joy Of Knowing Jesus´ und reichte sie dem Sänger hinunter. Stipe begann, die Danksagungen und Begleittexte der Hülle laut vorzulesen, und mit einem Mal war der Knoten geplatzt. Wer dieses Kuriosum hören möchte, findet es als ´Voice Of Harold´ auf der B‑Seite von ´So. Central Rain (I’m Sorry)´ und später auf der Raritätensammlung ´Dead Letter Office´.
Danach folgt ´So. Central Rain (I’m Sorry)´ selbst, die erste Single, abermals mit Mills am Klavier. Es ist ein Lied über Regen und über einen Menschen, der einem allmählich entgleitet. Gegen Ende wiederholt Stipe die Entschuldigung aus dem Titel wieder und wieder, bis sie klingt wie ein Klopfen an eine Tür, die niemand mehr öffnet. Ein ´Pretty Persuasion´ stand schon seit 1980 auf den Setlisten, und eigentlich hielt die Band das Stück für zu abgenutzt, um es noch aufzunehmen. Zum Glück ließen sich die Produzenten davon nicht beeindrucken, denn kaum ein Song auf ´Reckoning´ funkelt so unverschämt. Selbst ´Time After Time (Annelise)´ zeigt sich anschließend recht unkonventionell, entlässt einen aber freudig und nachdenklich zugleich, in die Pause zwischen den Seiten.

Auf „(R) The Right Side“ reißt einen ´Second Guessing´ gleich wieder hoch. Keine drei Minuten, ungeduldig und voller Energie, und man ahnt, wie diese Band damals in den verrauchten Clubs des Südens geklungen haben dürfte. ´Letter Never Sent´ trägt eine leise Wehmut in sich, wie ein Brief, der zu lange in der Schublade lag. Dann kommt ´Camera´, fast sechs Minuten lang, das längste und zugleich traurigste Stück der Platte. Stipe nimmt darin Abschied von einer Freundin aus Athens, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Seine Stimme gibt sich dabei so schutzlos, dass man jedes Zittern hört. Easter hätte gern noch einen saubereren Take gehabt. Stipe aber ging es um das Gefühl und nicht um die Intonation, und irgendwann weigerte er sich schlicht weiterzusingen. Er sollte recht behalten.
´(Don’t Go Back To) Rockville´ stammt von Mike Mills und ist schon 1980 entstanden. Ursprünglich sollte der Song als Single zwischen zwei Alben erscheinen. Live war er ein schneller Rocker, auf der Platte bekam er einen Countryanstrich, als kleiner Gruß an Bertis Downs IV, den Rechtsberater der Band, der Countrymusik liebte. Zum Schluss setzt einen ´Little America´ zurück in den Tourbus, irgendwo zwischen zwei Auftritten, mitten in der amerikanischen Provinz.
Inhaltlich ist ´Reckoning´ dunkler als ´Murmur´. Musikalisch ist es dafür offener. Die Gitarren klingen, als hätte jemand die Fenster aufgemacht, und Stipes Worte kommen näher an einen heran, ohne dass sie ihr Geheimnis verlieren. In den USA kam das Album auf Platz 27 und bekam 1991 Gold, in Großbritannien reichte es für Platz 91.
Nach ´Chronic Town´ / ´Murmur´ erscheint ´Reckoning´ in der „Definitive Sound Series“, als One‑Step‑Pressung mit 5.000 nummerierten Exemplaren. Analog von vorn bis hinten. Chris Bellman hat die Lackfolien bei Bernie Grundman Mastering neu geschnitten, direkt von den originalen Masterbändern. Bei „Record Technology, Inc.“ kümmerte sich Dorin Sauerbier um das One‑Step‑Verfahren. Dabei wird schon die erste galvanische Kopie zum Pressen benutzt, und weil sie sich schnell abnutzt, bleibt die Auflage zwangsläufig klein. Gepresst wurde auf 180g schwerem Neotech‑Vinyl, das sehr ruhig läuft. Schön ist auch, dass Don Dixon und Mitch Easter dabei waren. Dixon hat auf den Testpressungen Dinge gehört, die ihm auf früheren Ausgaben nie aufgefallen waren. Der Klang hat mehr Gewicht, die Bühne wird breiter und tiefer. In den leisen Stellen hört man nur die Musik, sonst nichts. Das Ganze steckt in einem schweren Tip‑on‑Klappcover im Schuber, dazu gibt es ein Zertifikat, das jeden Produktionsschritt dokumentiert.
´Reckoning´ ist das Album einer Band, die im Studio endlich so klingen wollte wie auf der Bühne, und das ist ihr in erstaunlich kurzer Zeit gelungen. Diese Pressung holt nun aus den alten Bändern heraus, was all die Jahre in ihnen steckte, und so klingt ´Reckoning´ nach über vierzig Jahren noch erstaunlich jung.
Klangqualität: 10/10
Authentizität / Originaltreue: 10/10
Pressung & Material: 10/10
Verpackung & Extras: 9/10
Historische Bedeutung: 9,5/10
Sammlerwert: 10/10



