
TEARS FOR FEARS – The Seeds Of Love
1989/2026 (Mercury/Universal Music) – Stil: Rock
Diesmal bleibt die Schuhkarton‑Box im Regal. Auf dem Plattenteller dreht sich stattdessen eine einzelne Scheibe, die aussieht, als hätte jemand einen Sonnenuntergang in Vinyl gegossen. Orange läuft in Rot über, Rot glüht in Orange zurück, und darauf liegen die acht Songs eines Albums, das man glaubte, in‑ und auswendig zu kennen. Bis Steven Wilson die Bänder in die Hand nahm.
Wilson, Kopf von PORCUPINE TREE und längst eine Art Restaurator für die großen Alben der Rockgeschichte, zählt ´The Seeds Of Love´ zu seinen fünf liebsten Platten überhaupt. Das hört man dieser Arbeit an. Schon für die Box von 2020 hatte er das Album in 5.1 abgemischt und parallel einen neuen Stereo‑Mix fertiggestellt, der damals allerdings im Tresor blieb. Die Stereofassungen in der Box waren Remaster von Andrew Walter und Bob Ludwig. Jetzt erscheint Wilsons Stereo‑Mix zum ersten Mal physisch, auf CD und eben auf dieser limitierten Einzel‑LP im Sunburst‑Look. Wer Surround mag, greift zur Blu‑ray. Den 5.1‑Mix hat Wilson 2023 noch einmal gründlich überarbeitet und bei derselben Gelegenheit erstmals eine Dolby‑Atmos‑Fassung angelegt. Wer dagegen Raritäten sucht, findet sie auf den Silberlingen oder dem blauen Doppelalbum, über das an dieser Stelle noch zu reden sein wird.
Die Arbeit selbst muss ein Abenteuer gewesen sein. ´The Seeds Of Love´ entstand über Jahre in verschiedenen Studios, mit wechselnden Musikern und unzähligen Versuchen, und am Ende lagen rund zweihundert Bänder herum, aus denen Steven Wilson erst einmal die richtigen Spuren herausfischen musste. Was er daraus gemacht hat, lässt sich in einem Satz sagen. Er hat dem Album den Hall der späten Achtziger abgenommen und ihm stattdessen Luft gegeben.

Am deutlichsten wird das sogleich bei ´Woman In Chains´. Wenn Phil Collins in der Mitte des Songs einsetzt, hört man keine Hallwolke mehr, sondern einen trockenen, schweren Schlag, der einem in den Magen fährt. Roland Orzabal und Oleta Adams stehen klarer getrennt im Raum, und gerade dadurch rücken sie einander näher. Die Geschichte dieser Stimme ist übrigens eine kleine Legende für sich. 1985 saßen Roland Orzabal und Curt Smith, ausgebrannt von ihrer eigenen Tour, in einer Hotelbar in Kansas City, wo eine unbekannte Sängerin am Klavier spielte. Sie sprachen sie nicht einmal an, behielten aber ihren Namen im Kopf, und zwei Jahre später holten sie Oleta Adams ins Studio.
´Badman’s Song´ profitiert vielleicht am meisten von der neuen Ordnung. Über acht Minuten lang entwickelt sich dieser Song aus Gospel und Jazz, und Wilson schiebt Congas und Hi‑Hat so weit nach außen, dass das Ganze plötzlich nach einer Session in einem nächtlichen Jazzclub klingt. Der Bass wummert nicht mehr, er treibt. Hinter dem Song steckt dabei eine ziemlich menschliche Kränkung. Auf der Tour zu ´Songs From The Big Chair´ hörte Orzabal durch eine dünne Hotelwand, wie Leute aus seinem eigenen Umfeld im Nebenzimmer über ihn herzogen. Er verarbeitete das in diesem Song, und das Zimmer mit der Nummer 628 hat er darin gleich mitverewigt.
´Sowing The Seeds Of Love´ beginnt mit jenem knisternden Sendersuchlauf, den jeder kennt. Ausgerechnet dieser soll auf den Mehrspurbändern gefehlt haben, weshalb Wilson die ersten Sekunden offenbar vom alten Stereomaster übernehmen musste. Danach öffnet sich das Orchesterarrangement in die Breite, und wer aufmerksam hinhört, bemerkt in der zweiten Strophe stellenweise wohl andere Gesangsaufnahmen von Orzabal als 1989. Manche werden seine Stimme hier etwas leiser finden als gewohnt, andere natürlicher eingebettet. ´Advice For The Young At Heart´, der einzige Song des Albums mit Curt Smith als Leadsänger, gewinnt dagegen eine sommerliche Leichtigkeit. Congas und Shaker kleben nicht mehr in der Mitte, und die Harmonien von Nicky Holland im Refrain klingen wärmer als je zuvor.
Auf Seite B zeigt sich, wie viel ein Mix an Stimmung verändern kann. ´Standing On The Corner Of The Third World´ taucht aus einer tiefen Stille auf, die Slide‑Gitarren schweben, und zwischen den Instrumenten bleibt Platz zum Atmen. ´Swords And Knives´, ursprünglich für den Film „Sid And Nancy“ geschrieben, klang 1989 manchmal, als würden die Keyboards die Gitarren erdrücken. Jetzt greifen die perkussiven Gitarrenfiguren hart und klar durch, und die vertrackten Rhythmuswechsel lassen sich endlich mühelos verfolgen.
Bei ´Year Of The Knife´ soll Wilson eine erstaunliche Entdeckung gemacht haben. Mitten im Song schneidet die Aufnahme offenbar zu einer anderen Bandperformance aus einem anderen Studio um, ein Schnitt, den jahrzehntelang kaum jemand bemerkt hat. Wilson hat ihn gelassen, wie er ist, und die beiden Teile klanglich behutsam aneinander angeglichen. Der Song rockt jetzt erdiger als je zuvor. ´Famous Last Words´ schließlich beginnt mit einem Klavier, das aus völliger Rauschfreiheit hervortritt, und wächst dann zu einem Finale aus Orchester und Gitarren heran, das nicht mehr in sich zusammenfällt, sondern sich immer weiter auftürmt.

Bemerkenswert ist dabei, wie wenig Steven Wilson dem Album seinen eigenen Stempel aufdrückt. Er hat keinen neuen Sound erfunden, er hat den vorhandenen freigelegt. Roland Orzabal selbst bezeichnet ´The Seeds Of Love´ heute als das Album, das er von allen TEARS FOR FEARS‑Platten am höchsten einstuft, und Curt Smith erzählt, dass die großen Songs von damals bis heute im Liveprogramm stehen. Das wundert nicht. Kaum ein Album dieser Jahre war so ehrgeizig, und kaum eines hat sich so gut gehalten. 1989 stieg es auf Platz 1 der britischen Charts ein, holte innerhalb von drei Wochen Platin und erreichte in den USA immerhin Platz 8.
Die „Sunburst“‑Pressung erscheint als Einzel‑LP mit den acht Songs des Originalalbums ohne Bonusmaterial. Wer das Album so hören möchte, wie es 1989 im Radio lief, bleibt beim Originalmix. Wer aber wissen will, was in diesen Bändern alles steckt, sollte sich diese orangefarbene Sonne auf den Plattenteller legen. Und vielleicht stellt sich dabei eine neue Frage. Hätte dieses Album schon 1989 so klingen können, wenn man dem Zeitgeist damals weniger Hall gegönnt hätte?
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(VÖ: 16.10.2026)



