
INSTITUTE – Distort Yourself
2005/2026 (earMUSIC) - Stil: Alternative Rock / Alternative Metal
Das härteste Album, das Gavin Rossdale je eingesungen hat, trägt nicht den Namen BUSH. Es erschien im September 2005 unter dem nüchternen Bandnamen INSTITUTE, verschwand nach einem Achtungserfolg ziemlich schnell aus den Regalen und war seither physisch kaum noch zu bekommen. Jetzt bringen es „earMUSIC“ offiziell erstmals auf Vinyl heraus, um vier Songs erweitert, und es lohnt sich, ganz bewusst noch einmal hinzuhören, was da vor gut zwanzig Jahren eigentlich passiert ist. Wer übrigens beim Stichwort INSTITUTE an die Punkband aus Austin denkt, die 2026 bei „Sacred Bones Records“ ein Album veröffentlicht hat, liegt hier falsch. Mit ihr hat dieses Projekt nichts zu tun.
Die Ausgangslage war eine unfreiwillige Auszeit. BUSH hatten sich 2002 nach ´Golden State´ auf Eis gelegt, und Rossdale suchte einen Sound, der mit dem melancholischen Neunziger‑Grunge seiner Hauptband wenig zu tun haben sollte. 2004 stellte er eine neue Band zusammen. Gitarrist Chris Traynor hatte bereits mit BUSH gespielt, Bassist Cache Tolman kam von RIVAL SCHOOLS, und für die Studioaufnahmen holte Rossdale Josh Freese ans Schlagzeug, einen der gefragtesten Sessiondrummer jener Jahre, bekannt von A PERFECT CIRCLE und NINE INCH NAILS. Freese war von Anfang an nur für das Album eingeplant, live übernahm später Charlie Walker, der zuvor bei SPLIT LIP und deren Nachfolgeband CHAMBERLAIN getrommelt hatte. Veröffentlicht wurde das Ganze bei „Interscope Records“, jenem Label, das schon die ersten BUSH‑Alben herausgebracht hatte.
Die entscheidende Personalie saß allerdings hinter dem Mischpult. Als Produzent gewann Rossdale Page Hamilton, den Kopf von HELMET, und dessen Handschrift prägt das gesamte Album. Wo BUSH ihre Gitarren gern in breite, verwaschene Flächen legten, arbeitet ´Distort Yourself´ mit tief gestimmten, kurz abgerissenen Staccato‑Riffs. Die Pausen zwischen den Akkorden haben dabei fast so viel Gewicht wie die Akkorde selbst. Rossdales Stimme liegt darüber, oft knapp unter der Grenze zum Schrei.

Der Opener ´Bulletproof Skin´ führt dieses Konzept mustergültig vor. Ein verzerrter Basslauf eröffnet, dann setzt ein hart gestopptes Riff ein. In der Strophe singt Rossdale tief und gedrückt, im Refrain reißt er die Stimme auf. ´When Animals Attack´ ist danach das sperrigste Stück der Platte. Die Gitarren reiben sich dissonant aneinander, Freese treibt die Strophen mit einem nervösen, eng gespielten Beat voran, und im Refrain baut sich eine tiefe Gitarrenwand auf. Hier klingt die Band am deutlichsten nach Hamiltons eigener Schule. ´Come On Over´ beginnt dagegen mit einer hallgetränkten Gitarre und einer jener Gesangsmelodien, die man sofort Rossdale zuordnet.
´Information Age´ arbeitet mit einem stampfenden Grundrhythmus und elektronisch verfremdeten Gitarrentexturen, die dem Song eine nervöse Stimmung geben. Auf ´Wasteland´ rückt der Bass in den Vordergrund und liefert ein schleppendes, druckvolles Fundament, über das Traynor sparsame, schneidende Figuren legt, bevor der hymnische Refrain einsetzt. ´Boom Box´ groovt beinahe funkig, Rossdale singt kratzig und rhythmisch. ´Seventh Wave´ ist der zugänglichste Song des Albums, klassisch gebaut mit ruhiger Strophe und lautem Refrain, wobei die Gesangslinie klar im Mittelpunkt steht. ´The Heat Of Your Love´ schließt die zweite Seite als geradliniger, bluesig angehauchter Rocker.
Mit ´Ambulances´ wird es still. Verzerrte Gitarren fehlen fast völlig, stattdessen tragen klar gezupfte Figuren eine der verletzlichsten Gesangsleistungen Rossdales. Wer an ´Glycerine´ denkt, liegt nicht falsch, nur ist die Stimmung hier deutlich dunkler. ´Secrets And Lies´ ist kompakt und radiotauglich, mit minimalistischen Strophen und einem breiten Refrain. ´Mountains´ wächst langsam aus einem verhaltenen Beginn zu einer dichten Klangwand aus mehreren übereinandergelegten Gitarrenspuren heran. ´Save The Robots´ beendet das ursprüngliche Album mit Feedbackschleifen, elektronischen Störgeräuschen und einem abgehackten Hauptriff, das sich im Refrain überraschend melodisch auflöst. Ein passender Schlusspunkt, weil er beide Seiten dieser Band in einem Song vereint.

Kommerziell blieb ´Distort Yourself´ ein Achtungserfolg. Live mischten sie auch BUSH‑Klassiker wie ´Machinehead´ oder ´Glycerine´ unter das eigene Material. Ende 2005 spielten INSTITUTE im Vorprogramm einiger Konzerte der Vertigo‑Tour von U2. Ab 2007 gab es keine Pläne mehr für weitere Bandaktivitäten. Rossdale veröffentlichte 2008 sein Soloalbum ´Wanderlust´ und reaktivierte 2010 BUSH, und Chris Traynor ging mit. Er ist bis heute Gitarrist der Band. ´Distort Yourself´ blieb damit das einzige Album von INSTITUTE.
Dass es sich lohnt, diese Platte 2026 wieder hervorzuholen, liegt an ihrer Kompromisslosigkeit. Der meiste Post‑Grunge aus dem Jahr 2005 war glatt auf Radioformat poliert. Page Hamiltons Produktion setzt dagegen auf präzise, tiefe Stimmung und lässt bewusst Luft zwischen den Riffs. Dadurch hat die Musik weniger Patina angesetzt als vieles aus jener Zeit.
Erstmals erscheint ´Distort Yourself´ in diesen Tagen auf Vinyl, auf zwei 180g schweren schwarzen Platten im Klappcover. Durch die Verteilung auf vier Seiten mit je vier Songs bleibt jedem Stück genügend Rillenplatz, was gerade dem tiefen Bass zugutekommt. Seite D gehört den vier Bonustracks ´The Buzz Of My System´, ´S.S.T.´, ´The Art Of Walking´ und ´God Gave Us Land´. Sie waren bisher nur verstreut auf Sonderausgaben zu finden und stehen hier erstmals gesammelt beieinander.
Für alle, die Gavin Rossdale und BUSH nur aus dem Radio kennen, ist ´Distort Yourself´ eine Entdeckung, und für Freunde von HELMET eine lohnende Fußnote im Werk von Page Hamilton.
https://www.facebook.com/gavinrossdale
(VÖ: 6.11.2026)



