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KENNY DORHAM – The Complete ‘Round About Midnight At The Cafe Bohemia

1956/2026 (Blue Note Records) - Stil: Jazz

Kenny Dorham stand 1956 an einem Punkt, an dem sich vieles in der New Yorker Jazzszene neu sortierte. Miles Davis setzte bereits stilistische Maßstäbe, Clifford Brown galt als technische Sensation, und doch war Kenny Dorham längst eine der zentralen Figuren im Hintergrund dieser Entwicklung.

Seine Arbeit mit den frühen JAZZ MESSENGERS, mit Thelonious Monk oder Horace Silver hatte den Hard Bop entscheidend mitgeprägt, ohne dass sein Name im gleichen Maße im Vordergrund stand. Als Art Blakey im November 1955 mit den JAZZ MESSENGERS im “Café Bohemia” eine der prägenden Live-Aufnahmen der Zeit einspielte, war Kenny Dorham bereits Teil dieses inneren Zirkels. Nur wenige Monate später kehrte er mit eigenem Sextett an denselben Ort zurück und nutzte den 31. Mai 1956 für sein erstes großes Statement als Bandleader.

Unter dem Namen KENNY DORHAM AND THE JAZZ PROPHETS positionierte er die Gruppe als intellektuelle, aber dennoch erdige Antwort auf ART BLAKEYS JAZZ MESSENGERS – ein Kollektiv, das den Hard Bop als tiefgehende musikalische Botschaft verstand. Das in jener Nacht im “Café Bohemia” in präziser Aufstellung vereinte Sextett bestand aus Kenny Dorham an der Trompete, als leitender Gestalter des Abends, J. R. Monterose am Tenorsaxofon, Kenny Burrell an der Gitarre, Bobby Timmons am Klavier, Sam Jones am Kontrabass und Arthur Edgehill am Schlagzeug.

Die ursprüngliche “Blue Note”-Veröffentlichung zeigte nur einen Ausschnitt dieser Nacht. Erst die 2026 erschienene “Tone Poet Edition” öffnet den gesamten Abend mit siebzehn Tracks auf drei LPs. Joe Harley verantwortete die Edition, Kevin Gray schnitt direkt von den originalen Rudy-Van-Gelder-Bändern in rein analoger AAA-Technik. Dabei wird bewusst auf die ursprüngliche Mono-Ästhetik gesetzt. Gepresst wurde bei RTI auf 180g-Vinyl, verpackt in ein aufwendig gestaltetes Triple-Gatefold mit Francis-Wolff-Fotografien und einem ausführlichen Essay von Syd Schwartz. Diese Veröffentlichung verändert den Blick auf das Konzert, weil sie den kompletten Verlauf hörbar macht, inklusive der Momente zwischen Konzentration und zunehmender Freiheit im Spiel der Band.

Der Einstieg mit ´Monaco´ trägt diesen typisch schwebenden Hard Bop-Charakter der Zeit. Kenny Dorham verbindet seine Melodieführung mit einem leicht ironischen Blick auf den Jetset, der für Jazzmusiker jener Jahre eher Projektionsfläche als Realität war. Sam Jones und Arthur Edgehill halten den Groove, während Kenny Burrell und J.R. Monterose die Struktur mit klaren Einwürfen stabilisieren. Schon in späteren Durchläufen des Abends wirkt das Stück gelöster, offener im Timing, fast wie ein gemeinsames Ausprobieren von Möglichkeiten.

´’Round About Midnight´ zeigt Kenny Dorhams gefühlvolle Spielweise. Der Ton ist warm, die Phrasen bewusst sparsam gesetzt. Während andere Versionen des Thelonious Monk-Stücks oft auf kühle Distanz setzen, entwickelt sich hier eine sanfte Variante. Kenny Burrell legt feine Akkorde unter die Melodie, Bobby Timmons reagiert mit zurückhaltenden, bluesnahen Figuren, und der Club verliert für einen Moment seine Geräuschkulisse zugunsten einer zerbrechlichen Stimmung.

Die Komposition ´Mexico City´ basiert auf Bud Powells ´Tempus Fugit´, wird jedoch in einen schnell treibenden Hard Bop-Kontext überführt. Kenny Dorham nutzt die Vorlage, um ein Stück zu formen, das zwischen Struktur und Spontaneität pendelt und den Raum für improvisatorische Zuspitzung nutzt. J.R. Monterose entfaltet dabei sein raues, direktes Tenorsaxofonspiel. Für ihn war dieser Abend eine Art Reifeprüfung, bevor er mit seinem eigenen “Blue Note”-Debüt zum Star wurde. Dass die Band so blind harmoniert, liegt allerdings auch an der “Working Unit” aus Sam Jones und Arthur Edgehill, die als fester Kern der Prophets fast täglich zusammen auf der Bühne standen.

´A Night In Tunisia´ wird im “Café Bohemia” zu einem besonders energiegeladenen Moment. Kenny Dorham gibt ein deutlich höheres Tempo als üblich vor, um insbesondere den jungen Kenny Burrell herauszufordern. Doch dieser reagiert mit wachsender Intensität und meistert sein Solo mühelos. Bobby Timmons bringt seine später typische Verbindung aus Blues und Gospel stärker ein, derweil alle das hoch angesetzte Tempo bewältigen.

Eine andere Seite der Band zeigt ´Hill’s Edge´. Die Komposition basiert teilweise auf ´Tune Up´, wird jedoch melodisch eigenständig geführt. Bobby Timmons tritt stärker hervor, Kenny Burrell setzt warme, fließende Akkorde, und Kenny Dorham verbindet komplexe musikalische Strukturen mit eingängigen Melodien.

In der zweiten Hälfte des Mitschnitts wird die Band spürbar freier in ihrer Herangehensweise. ´Royal Roost´ verweist direkt auf den legendären Broadway-Club gleichen Namens (oder auch bekannt als „Metropolitan Bopera House“) und entwickelt sich zu einem schnellen Hard Bop-Stück. Besonders J.R. Monterose agiert an seinem Tenorsaxofon deutlich risikofreudiger als zu Beginn des Abends.

´My Heart Stood Still´ sorgt dagegen für eine Überraschung. Die Band fügt die schlichte Broadway-Melodie spontan in das Set, weil jemand im Publikum, vielleicht eine Dame, danach gefragt hat. Der Rodgers-&-Hart-Standard wird daher in einer ruhigen Leichtigkeit vorgetragen, samt Kenny Burrells weichem Gitarrenton.

Gegen Ende des Abends verschiebt sich die Dynamik noch einmal deutlich. Die später enthaltenen Versionen von ´Who Cares´, ´K.D.’s Blues´ oder ´Riffin´ zeigen eine Band, die sich zunehmend von formalen Grenzen löst. Die solistischen Darbietungen werden länger, die Übergänge offener, die Kommunikation zwischen den Musikern direkter. Bobby Timmons bewegt sich hörbar in Richtung jenes Soul-Jazz-Vokabulars, das später sein Markenzeichen wird. Sam Jones und Arthur Edgehill reagieren flexibler auf die Solisten, wodurch sich eine deutlich improvisationsorientierte Spielhaltung entwickelt. Der Club selbst wird dabei Teil des Geschehens, Reaktionen aus dem Publikum und die typische Geräuschkulisse des “Café Bohemia” fließen immer stärker in die Aufnahme ein.

Besonders eindrücklich ist dieser Wandel in den späteren Takes von ´A Night In Tunisia´ zu hören, wo sich das Zusammenspiel zugunsten einer offenen Spielweise auflöst. Kenny Burrell tritt hier endgültig aus seiner zurückhaltenden Rolle heraus und agiert mit Selbstverständlichkeit im Zentrum des Geschehens. Kenny Dorham selbst wirkt dabei zunehmend als souveräner Moderator dieses sich entfaltenden Moments.

Die technischen Bedingungen dieser Aufnahme tragen entscheidend zur Wirkung bei. Rudy Van Gelder arbeitete unter extrem beengten Verhältnissen im “Café Bohemia”, platzierte Mikrofone sehr nah an den Instrumenten und nahm den gesamten Abend mit minimaler räumlicher Trennung auf. Das Ergebnis ist ein direkter, unverstellter Klang, der heute in der neuen “Tone Poet Edition” durch Kevin Grays AAA-Mastering noch einmal deutlich an Transparenz gewinnt.

Gerade im letzten Drittel wird klar, warum diese Edition mehr ist als eine Wiederveröffentlichung. Sie macht hörbar, wie sich ein komplettes Clubset entfaltet, wie Musiker innerhalb eines einzigen Abends ihre Rollen ändern, Risiken eingehen und musikalische Grenzen ausloten. Kenny Dorham steht dabei nicht im Schatten anderer Trompeter, sondern in voller Kontrolle eines Ensembles, das sich unter seinen Händen sichtbar entwickelt. Man muss bedenken, dass diese Nacht nur fünf Tage nach den legendären “Prestige”-Sessions von Miles Davis stattfand. Kenny Dorham stand hier unter dem direkten Eindruck des damals modernsten Jazz-Sounds, den Miles Davis zeitgleich in den Clubs und Studios der Stadt etablierte. Kenny Dorham bewies, dass er eine ebenso eigenständige wie kraftvolle Alternative dazu bot.

´The Complete ’Round About Midnight At The Cafe Bohemia´ zeigt Kenny Dorham als visionären Bandleader und Komponisten. Die 2026er “Tone Poet Edition” macht diesen Nachtmitschnitt erstmals in voller Länge erfahrbar und legt offen, wie sich aus einem einzelnen Clubabend ein über Stunden gewachsener Live-Auftritt ergibt.

Klanglich gehört diese Veröffentlichung zu den stärksten “Blue Note”-Editionen der letzten Jahre, weil sie den direkten, ungefilterten Charakter der Aufnahme bewahrt und zugleich in eine außergewöhnlich klare, analoge Präsentation überführt.

Die “Tone Poet Edition” ordnet sich als Teil der “Blue Note”-Reissue-Serie ein, die seit Jahren konsequent auf vollständige, analog gefertigte Neuauflagen zentraler Aufnahmen setzt. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die Modernisierung, sondern die möglichst unverfälschte Rekonstruktion des ursprünglichen Klang- und Aufnahmemoments. Gerade bei diesem Mitschnitt wird dadurch nicht nur das Konzert selbst, sondern auch die Atmosphäre des “Café Bohemia” in einer Direktheit hörbar, die in früheren Veröffentlichungen so nicht zugänglich war.

´The Complete ’Round About Midnight At The Cafe Bohemia´ gehört zu den großen Live-Aufnahmen des Hard Bop, weil dieses Album die Atmosphäre und Aufbruchsstimmung der New Yorker Jazzszene der Fünfzigerjahre unvergleichlich einfängt.

(Klassiker)

https://www.facebook.com/kennydorhammusic

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