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MILES DAVIS – The New Sounds

1951/2026 (Prestige/Craft Recordings) - Stil: Jazz

Als “Blue Note Records” Mitte der Fünfzigerjahre seine frühen 10-Inch-Aufnahmen von Miles Davis sauber auf ´Miles Davis Volume 1´ und ´Miles Davis Volume 2´ überführte, wirkte das fast wie ein frühes Archivprojekt mit Weitblick. “Prestige” ging deutlich chaotischer vor. Die Stücke von ´The New Sounds´ landeten später verstreut auf Compilations wie ´Dig´ oder ´Conception´, wodurch dieses eigentliche Debüt von Miles Davis als Bandleader über Jahrzehnte fast etwas im Schatten stand. Gerade deshalb kommt die originalgetreue Wiederveröffentlichung zum “Record Store Day 2026” wie ein längst überfälliger Lückenschluss daher.

Denn ´The New Sounds´ ist weit mehr als nur eine frühe Miles Davis-Platte. Die Session vom 5. Oktober 1951 in den “Apex Studios” zeigt einen Musiker an einer entscheidenden Weggabelung. Der Cool Jazz der ´Birth Of The Cool´-Zeit steckt noch hörbar in seinem Ton, gleichzeitig zieht es Miles Davis bereits stärker in Richtung Hard Bop, weg vom dicht gedrängten Bebop-Sturm der Charlie Parker-Schule hin zu einer kontrollierteren, melodischeren Herangehensweise. Später sagte Miles Davis selbst, dass er auf ´Dig´ zum ersten Mal wirklich seinen eigenen Sound gefunden habe.

Auch die Besetzung liest sich heute wie ein Kapitel Jazzgeschichte in Echtzeit. Sonny Rollins steht noch ganz am Anfang seines gewaltigen Aufstiegs, Art Blakey treibt die Session bereits mit dieser unverwechselbaren Mischung aus Präzision und Feuer an, Walter Bishop Jr. liefert elegante Piano-Passagen und Tommy Potter hält alles zusammen. Dazu kommt der erst neunzehnjährige Jackie McLean, der hier sein offizielles Plattendebüt gibt. Charlie Parker und Charles Mingus saßen während der Aufnahmen sogar im Studio, Parker beobachtete die Session aus dem Kontrollraum. Für Jackie McLean bedeutete das puren Ausnahmezustand.

Dass ´The New Sounds´ als 10-Inch-LP erschien, war damals selbst bereits modern. Die neue LP-Technik erlaubte plötzlich längere Spielzeiten, wodurch die Musiker ihre Soli ausdehnen konnten, statt nach drei Minuten abrupt abbrechen zu müssen. Genau das hört man dieser Platte an. Vieles wirkt spontan, locker und fast wie ein Clubmitschnitt spät in der Nacht.

´Conception´ eröffnet die Session mit schnellem Bebop-Tempo und einem komplexen Thema von George Shearing. Miles Davis spielt technisch erstaunlich präzise, während Sonny Rollins bereits diese rohe Kraft entwickelt, die ihn wenig später zu einem der wichtigsten Tenorsaxophonisten seiner Zeit machen sollte. Das Stück hat Tempo, Eleganz und trotzdem diesen leicht rauen Studiocharakter der frühen “Prestige”-Jahre.

´My Old Flame´ zeigt dann bereits den Balladen-Interpreten Miles Davis in voller Stärke. Die Trompete steht dicht am Mikrofon, fast trocken aufgenommen, ohne großes Vibrato. Dadurch wirkt jeder einzelne Ton direkt und intim. Die ganze Aufnahme besitzt diese zerbrechliche Ruhe, die am ehesten an seine “Cool Jazz”-Wurzeln erinnert.

´Dig´ ist das Herzstück der Platte. Ein entspannter, bluesiger Jam, getragen von Art Blakeys federndem Schlagzeug und Tommy Potters stabilem Bass. Jackie McLean spielt hungrig und voller Energie, Miles Davis dagegen deutlich kontrollierter, melodischer und raumgreifender. Hier löst er sich hörbar vom direkten Charlie Parker-Einfluss und entwickelt erstmals diese eigene Mischung aus Coolness und Spannung, die später sein Markenzeichen wurde.

´It’s Only A Paper Moon´ bringt zum Schluss wieder mehr Leichtigkeit hinein. Art Blakey treibt die Band locker voran, Sonny Rollins spielt kraftvoll und leicht rau, während Miles Davis mitten im Stück plötzlich eine dunklere Passage einbaut, die den Standard kurz aus der vertrauten Swing-Struktur herauszieht. Gerade solche kleinen Momente machen diese frühen “Prestige”-Sessions bis heute so spannend.

Historisch markiert ´The New Sounds´ den eigentlichen Beginn der großen “Prestige”-Jahre von Miles Davis. Von hier aus führte der Weg direkt zu den legendären Marathon-Sessions von ´Cookin’´, ´Relaxin’´, ´Workin’´ und ´Steamin’´. Gleichzeitig zeigt die Platte noch etwas, das später zunehmend verschwand, nämlich einen jungen Miles Davis mit fast nervöser Energie und sichtbarer Lust am Risiko.

Obwohl die Musik von ´Birth Of The Cool´ früher entstand, gilt ´The New Sounds´ als das erste echte Miles Davis-Album, da es 1951 gezielt für das neue Langspielplatten-Format produziert wurde. Während die früheren Werke zunächst nur verstreute Singles waren und erst 1957 unter dem Titel ´Birth Of The Cool´ als LP erschienen, präsentierte dieses Album Miles Davis erstmals als alleinigen Bandleader mit längeren Improvisationen und eigenem Cover-Artwork.

Die “Record Store Day”-Neuauflage von 2026 bringt dieses Gefühl erstaunlich authentisch zurück. “Craft Recordings” veröffentlicht das Album wieder im originalen 10-Inch-Format, gepresst in Mono und vollständig analog von den Originalbändern geschnitten. Jeff Powell übernahm den AAA-Transfer bei “Take Out Vinyl”, verpackt wurde das Ganze in einem hochwertigen Stoughton Tip-On-Cover mit originalgetreu rekonstruiertem Artwork. Klanglich wirkt die Pressung erstaunlich sauber und präsent für über siebzig Jahre alte Bänder. Besonders die Bläser stehen plastisch im Vordergrund, während die Rhythmusgruppe angenehm warm bleibt. Kleine Eigenheiten der historischen Aufnahme sind hörbar geblieben, gerade das macht den Reiz dieser Edition aus. Endlich bekommt dieses oft übersehene Miles Davis-Debüt wieder genau die Aufmerksamkeit, die ihm seit Jahrzehnten zusteht.

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