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CECIL TAYLOR UNIT – Fragments: The Complete 1969 Salle Pleyel Concerts

2026 (Elemental Music) - Stil: Free Jazz

Mit ´Fragments: The Complete 1969 Salle Pleyel Concerts´ erscheint eine Aufnahme, die lange Zeit als Mythos durch die Free Jazz-Geschichte geisterte. Cecil Taylor und seine Unit stehen hier an einem Punkt, an dem alles zusammenkommt, was diese Musik Ende der sechziger Jahre ausmacht: radikale Offenheit, völlige Unabhängigkeit von konventionellen Formen und ein Zusammenspiel, das wie ein reagierendes Kollektiv erscheint.

Der Mitschnitt stammt vom 3. November 1969 aus der “Salle Pleyel” in Paris, aufgenommen im Rahmen des 8. Pariser Jazzfestivals. Die Besetzung allein signalisiert schon einen historischen Ausnahmezustand. Cecil Taylor am Klavier, Jimmy Lyons am Altsaxophon, Sam Rivers an Tenor- und Sopransaxophon sowie Flöte und Andrew Cyrille am Schlagzeug bilden eine Einheit, die in dieser Konstellation nur für kurze Zeit existierte. Der Verzicht auf einen Bass erweitert das gesamte Klanggefüge, alles konzentriert sich auf direkte Reaktionen, auf impulsive Gegenbewegungen.

Die Veröffentlichung basiert auf den originalen Analogbändern des INA und wurde von Matthew Lutthans im “The Mastering Lab” restauriert. Das Ergebnis ist eine deutliche Herausarbeitung der unmittelbaren Energie dieses Abends. Die Edition umfasst beide Konzertsets vollständig und macht damit erstmals die gesamte Länge dieser Aufführungen zugänglich, insgesamt weit über zwei Stunden Musik in ungekürzter Form.

Im Blickpunkt steht eine einzige Komposition, ´Fragments Of A Dedication To Duke Ellington´, die in zwei vollständig unterschiedlichen Ausprägungen gespielt wird. Die Widmung an Duke Ellington wirkt dabei fast wie ein bewusster Kontrast. Während Ellington für Eleganz und Swing steht, zerlegt Cecil Taylor seine Idee in freie Strukturen und setzt sie neu zusammen.

Das Nachmittagset beginnt vergleichsweise kontrolliert. ´Fragments Of A Dedication To Duke Ellington – Afternoon Set Version´ entwickelt sich anfangs in nachvollziehbaren Bögen. Sam Rivers setzt mit Flöte und Tenorsaxophon frühe Akzente, während Andrew Cyrille sehr aufmerksam auf jede Bewegung am Klavier reagiert. Cecil Taylor arbeitet hier stärker mit gestaffelten Akkordfeldern und kürzeren Ausbrüchen. Jimmy Lyons hält das Geschehen mit seinem Altsaxophon zusammen, indem er melodische Linien einbringt, die immer wieder als Orientierungspunkte dienen.

Im Abendset verändert sich das gesamte Kräfteverhältnis. ´Fragments Of A Dedication To Duke Ellington – Evening Set Version´ wirkt kompromissloser, schneller in Reaktion und Interaktion. Cecil Taylor spielt mit großflächigen Clusterbewegungen, die Andrew Cyrille mit extrem präziser Schlagzeugarbeit auffängt. Sam Rivers und Jimmy Lyons treten stärker in einen direkten Dialog. Die Musik wird zu einem permanenten Wechsel aus Angriff und Antwort, aus kurzer Beruhigung und sofortiger Steigerung.

Die berühmte Intensität dieser Einheit zeigt sich besonders in den langen Passagen des Abendsets, das sich über mehr als siebzig Minuten erstreckt. Die Struktur bleibt offen und entwickelt sich aus dem Moment heraus. Jede Veränderung entsteht aus der vorherigen Bewegung, nichts wirkt vorbereitet.

Historisch betrachtet markiert diese Aufnahme eine extrem kurze Phase in der Entwicklung von Cecil Taylor. Sam Rivers war nur in diesem Jahr ein fester Teil der Unit, danach veränderte sich die Besetzung erneut. Genau diese Konstellation erzeugt jedoch eine besondere Balance zwischen struktureller Offenheit und musikalischer Präzision. Die Entscheidung, ohne Bass zu arbeiten, verstärkt diesen Effekt zusätzlich, da sich alle Stimmen gleichberechtigt begegnen.

Die Entstehungsgeschichte dieser Bänder ist eng mit der Archivarbeit des INA verbunden. Lange Zeit galten die Mitschnitte als verschollen oder nur in stark eingeschränkter Bootleg-Qualität verfügbar. Erst die jetzige Restaurierung bringt die vollständige Dimension dieser Konzerte wieder zum Vorschein. In den Begleittexten wird immer wieder auf die außergewöhnliche Intensität dieses Abends verwiesen, der auch im Kontext des Festivals auffiel, da die Unit direkt vor großen Namen wie dem Duke Ellington Orchestra oder dem Miles Davis Quintet spielte und das Publikum mit einer völlig anderen Klangsprache konfrontierte.

Auch die Probenphase im Vorfeld spielt eine Rolle im Gesamtbild. Die Musiker arbeiteten über Wochen hinweg in einer Künstlerresidenz an der französischen Riviera, was die Entwicklung dieser freien, aber strukturierten Arbeitsweise zusätzlich geprägt hat. Cecil Taylor selbst verstand seine Kompositionen weniger als klassische Partituren, sondern eher als grafische und rhythmische Vorgaben, die in der Umsetzung vollständig neu interpretiert werden mussten.

´Fragments: The Complete 1969 Salle Pleyel Concerts´ zeigt damit nicht nur zwei Konzerte, sondern einen selten dokumentierten Moment musikalischer Entwicklung, in dem sich freie Improvisation, kompositorische Struktur und kollektive Energie auf engstem Raum begegnen. Die Veröffentlichung macht diese Musik erstmals in ihrer vollen Länge und Klarheit zugänglich und gibt ihr genau jene Präsenz zurück, die sie im Originalabend hatte.

Die 2026er Vinyl-Ausgabe bringt dieses Material zusätzlich in eine physische Form, die dem Umfang und der Intensität der Aufnahme gerecht wird. Das groß angelegte Box-Set auf 180g-Vinyl unterstreicht die Bedeutung dieser Edition als erlesene Rekonstruktion eines Schlüsselmoments im Free Jazz, der hier in seiner ganzen Konsequenz hörbar gemacht wird.

(Klassiker)

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