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EDGAR WALLACE – Music From The Original Movie (Revised)

2024 (Allscore) - Stil: Soundtrack / Filmmusik

Mit den Edgar-Wallace-Verfilmungen der Rialto Film entstand zwischen 1959 und 1972 eine der langlebigsten und prägendsten Krimireihen des deutschen Kinos. Was als Adaption britischer Spannungsromane begann, entwickelte sich schnell zu einem eigenständigen Universum aus Nebel, Schwarzweißästhetik und präzise gesetzter Unterhaltung. Einen entscheidenden Anteil daran hatte die Musik, die weit mehr war als bloße Begleitung. Sie setzte Akzente, verschob Erwartungen und verlieh den oft bewusst überhöhten Geschichten eine zusätzliche Ebene zwischen Spannung und stilisierter Absurdität.

Für einen Großteil dieser Klangwelt steht Peter Thomas, der zwischen 1961 und 1971 fast die Hälfte der Reihe musikalisch prägte. Seine Arbeit für 18 der insgesamt 38 Filme zeigt ein erstaunlich freies Verständnis von Filmmusik, das sich nie an konventionellen Krimi-Klischees orientierte. Stattdessen entstehen kompakte musikalische Szenen, in denen Jazz, Beat, orchestrale Zuspitzungen und bewusst eingesetzte Geräusche ineinandergreifen. Schreie, Schüsse oder das charakteristische Klacken von Waffen werden Teil der Komposition und nicht bloß Effekt.

Die nun vorliegende Edition bündelt erstmals sämtliche Titelmusiken sowie zusätzliche Stücke aus diesem kreativen Kosmos und erweitert das Material um mehrere Erstveröffentlichungen. Damit entsteht ein geschlossenes Panorama, das die musikalische Entwicklung dieser Filmreihe über ein ganzes Jahrzehnt hinweg nachvollziehbar macht und gleichzeitig zeigt, wie konsequent Peter Thomas seinen Stil über Jahre hinweg weiterentwickelte.

Bereits ´Die seltsame Gräfin´ findet den passenden Ton mit einer klaren, fast lakonischen Krimi-Geste, die sofort in die typische Welt der Reihe führt. ´Das Rätsel der roten Orchidee´ arbeitet stärker mit jazzigen Farben und einer eleganten Spannungslinie, während ´Der Zinker´ und das daraus entnommene ´Walking Dandy´ den spielerischen, leicht schrägen Charakter der frühen Wallace-Phase betonen. Mit ´Das indische Tuch´ und ´Zimmer 13´ konzentriert sich der Sound auf kurze, prägnante Motive, die eher angedeutet ihre Wirkung entfalten.

´Die Gruft mit dem Rätselschloß´ und ´Der Hexer / Neues vom Hexer´ zeigen Peter Thomas in seiner vielleicht radikalsten Form, wenn er Swing, Sprechfragmente und rhythmische Zuspitzungen zu einer fast überdrehten Krimi-Ästhetik verschmilzt. Gerade der ´Hexer´ gehört bis heute zu den markantesten Beispielen dieser Phase, in der Musik und Filmton nahezu ineinander übergehen. Mit ´Der Bucklige von Soho´, ´Das Geheimnis der weißen Nonne´ und ´Der Hund von Blackwood Castle´ verschiebt sich der Schwerpunkt stärker in Richtung klassischer Spannungsdramaturgie, ohne die typische Verspieltheit zu verlieren.

Besonders auffällig ist der Umgang mit Rhythmus und Klangfarbe in Stücken wie ´Twisting Monk´ oder ´The Space Of Today´ aus ´Im Banne des Unheimlichen´, wo sich zeittypische Einflüsse von Beat und leichter elektronischer Experimentierfreude bemerkbar machen. ´Der Gorilla von Soho´ bringt schließlich eine fast schon ironische Leichtigkeit ins Spiel, während Titel wie ´Der Mann mit dem Glasauge´ oder ´Die Tote aus der Themse´ die düstere Seite dieser Klangwelt wieder stärker betonen und den kriminalistischen Kern der Reihe konsequent in den Vordergrund rücken.

Diese Sammlung wirkt wie ein akustisches Archiv einer Ära, in der deutsche Filmmusik mutiger war als viele ihrer internationalen Vorbilder. Die Zusammenarbeit mit Produzent Horst Wendlandt prägte dabei nicht nur die finanzielle Realität der Produktionen, sondern auch die kreative Freiheit, innerhalb klarer Grenzen ungewöhnliche Lösungen zu finden. Gerade dieser Spagat zwischen Budget und Einfallsreichtum führte zu jenem unverwechselbaren Sound, der die Edgar-Wallace-Filme bis heute trägt.

Diese Edition präsentiert das Material mit großer Sorgfalt und in einer Form, die den historischen Charakter respektiert und gleichzeitig die Klangdetails deutlich hervorhebt. Was hörbar wird, ist kein nostalgisches Abbild, sondern ein lebendiger Einblick auf eine Musik, die sich früh von klassischen Krimi-Konventionen gelöst hat und ihren eigenen Weg ging. Peter Thomas zeigt sich dabei als Komponist, der Unterhaltung nie unterschätzte und gerade im scheinbar Leichten das Überraschende suchte.

Am Ende bleibt ein geschlossenes Klangbild einer Filmreihe, die das deutsche Kino über Jahre hinweg geprägt hat und ohne ihre Musik kaum denkbar wäre. Diese Veröffentlichung führt all diese Facetten zusammen und macht hörbar, wie konsequent, verspielt und zugleich präzise Peter Thomas diesen Kosmos aufgebaut hat.

https://www.facebook.com/peterthomassoundorchester

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