
JOSEPH THOLL – It Might Be Art
2026 (High Roller Records) - Stil: Melodic Rock / Dark AOR / Post Punk Rock
Wenn irgendwo im modernen Melodic Rock noch dieser alte Funke aus Rauch und echtem Studioleben glimmt, dann auf Joseph Tholls neuem Schlag ´It Might Be Art´. Das hier ist kein glattpoliertes Genre-Produkt, sondern ein vibrierendes, warmblütiges Stück nordischer Rock-Seele, aufgenommen zwischen Humbucker Studio, späten Nächten und dem ganz normalen Chaos eines Musikers, der sein Leben zwischen Baustelle, Familie und Bühne balanciert.
Joseph Tholl, vielen noch als früherer Gitarrist von ENFORCER in Erinnerung und aktuell bei TRIBULATION aktiv, zieht hier sämtliche stilistischen Zügel locker. Was dabei entsteht, ist ein Album, das sich ständig zwischen Melodic Rock, AOR, dunklem Post Punk und schimmerndem 80s-Gothic bewegt.
Der Einstieg mit ´New Dawn´ ist ein hymnischer, fast euphorischer Start, der mit offenen Armen in Richtung Hörer marschiert und diesen typisch skandinavischen Hang zu großen Melodien ausspielt. Danach verändert sich das Ganze immer wieder in schattigere Gefilde: ´Oh The Madness´ trägt diesen raueren, post-punkigen Unterton, während ´I’m In A Darkness´ plötzlich die Nacht aufzieht – kühl, melancholisch, mit einer Intensität, die eher an THE SISTERS OF MERCY oder frühe THE CURE erinnert als an klassischen Metal.
Dazwischen öffnet sich immer wieder Raum für diesen typisch nordischen Melodic Rock-Spirit: große Refrains, klare Melodien, dieser bittersüße Glanz, der irgendwo zwischen AOR-Radiohit und einsamem Mitternachtsdrive hängt. Besonders der Titeltrack ´It Might Be Art´ wirkt wie ein Fixpunkt dieser Platte, synthetisch angehaucht, fast schwebend, als würde er bewusst aus der Zeit fallen wollen.

Das ist auch der Trick dieses Albums. Es nimmt sich Zeit für Stimmungen, für diese Momente, in denen ein Song plötzlich mehr Gefühl transportiert als Struktur. Selbst die direkteren Nummern wie ´Rebirth´ funktionieren weniger als klassische „Hits“, sondern als emotionale Ausbrüche, kurz und intensiv.
Dass hier Musiker aus dem Umfeld von THE HELLACOPTERS, TRIBULATION, TYRANN und SERPENT OMEGA mitwirken, hört man eher aus der unterschwelligen Energie. Alles wirkt organisch, handgemacht, lebendig. Kein steriler Studio-Glanz, eher ein warmer, leicht rauer Sound, der die Songs atmen lässt.
´It Might Be Art´ ist kein Album, das sich aufdrängt. Es zieht dich rein, Stück für Stück, bis du merkst, dass du längst drinstehst in dieser Mischung aus Melancholie, Melodie und nordischer Ehrlichkeit. Ein Werk, das genauso gut 1987 in einer verrauchten Rockbar funktionieren würde wie heute auf Kopfhörern im nächtlichen Regen.
Ein berührendes, herrlich unperfektes Stück nordischer Rock-Seele, das ohne Berechnung direkt ins Herz trifft.
(8,5 Punkte)
https://www.facebook.com/josephthollmusic
Pic: Joanna Bagge



