
Ein kurzer Blick auf das Cover von ´Sahara´ genügt und plötzlich riecht die Luft wieder nach Lederjacken, Chrom, Haarspray und nächtlichen Autobahnfahrten. Diese Platte stammt aus einer Zeit, als Melodic Rock noch mit offenen Armen empfangen wurde und ein großer Refrain wichtiger war als jeder Trend.
Dass das selbstbetitelte Debüt von SAHARA heute zu den gesuchtesten AOR-CDs der frühen 2000er zählt, überrascht keinen, der dieses kleine Juwel jemals gehört hat. Umso schöner, dass “Pride & Joy Music Classixx” dieses Ausnahmewerk als auf 500 Exemplare limitierte Neuauflage zurück ins Rampenlicht holt – remastert von Harry Hess, dessen Gespür für große Melodien seit Jahrzehnten außer Frage steht.
SAHARA standen damals mitten in einer schwedischen Melodic Rock-Welle, aus der auch Größen wie STREET TALK, BAD HABIT oder RADIOACTIVE hervorgingen. Gitarrist Peter Lidström und Sänger Ulrick Lönnqvist erschufen allerdings keinen gewöhnlichen Genrebeitrag. Ihr Sound besitzt diese schwer greifbare Eleganz, die zwischen TOTO, JOURNEY und klassischem Westcoast-AOR schwebt. Alles wirkt edel, geschmackvoll und mit einer Leichtigkeit gespielt, die viele Bands ein Leben lang suchen.
Das Herzstück bleibt Ulrick Lönnqvist. Seine warme, ausdrucksstarke Stimme erinnert immer wieder an Steve Lukather, ohne dabei zur bloßen Kopie zu werden. Jeder Ton klingt ehrlich, jede Zeile besitzt Gefühl. Peter Lidström liefert dazu Gitarren, die nie protzen müssen. Sie glänzen mit Geschmack, feinen Melodiebögen und Soli, die den Songs dienen. Keyboarder Kaspar Dahlqvist färbt das Klangbild mit seidigen Flächen ein, während Fredrik Winero am Schlagzeug und Magnus Eliasson beziehungsweise Hazze Wazzén am Bass das stabile Fundament legen.
Der Opener ´Stranger´ entfaltet eine Magie, der man sich kaum entziehen kann. Ein Refrain wie aus Gold gegossen, dazu Gitarren, die direkt ins Herz treffen. ´Time Is A Healer´ verbindet sanfte Westcoast-Vibes mit kraftvollen Hooks, während ´Over And Over´ pure Gänsehaut erzeugt. Diese Melodie setzt sich fest und begleitet einen noch Stunden später.
In ´Silent Rain´ fließt alles zusammen, was skandinavischen AOR so besonders macht: Gefühl, Klasse und dieses unbeschreibliche Strahlen, das große Songs umgibt. ´Deep Inside´ schaltet einen Gang zurück und überzeugt als wunderschöne Ballade voller Wärme. Den krönenden Abschluss bildet ´The Night´, eine sanfte, fast schwebende Halbballade, die den Vorhang langsam schließt und den Hörer mit einem zufriedenen Lächeln zurücklässt.
Dass SAHARA nie den ganz großen Durchbruch schafften, gehört zu den kleinen Ungerechtigkeiten der Melodic Rock-Geschichte. Ulrick Lönnqvist machte sich später als Songwriter für zahlreiche Szenegrößen einen Namen, doch dieses Album bleibt sein vielleicht schönstes Vermächtnis. Es transportiert jene Magie, die den melodischen Rock über Jahrzehnte so liebenswert gemacht hat.
Diese Platte wirkt frisch, ausgewogen und voller Leben. Diese limitierte Wiederveröffentlichung ist weit mehr als nostalgische Archivpflege. Sie erinnert daran, weshalb wir uns einst Hals über Kopf in diese Musik verliebt haben. Wer AOR liebt, wird an ´Sahara´ kaum vorbeikommen. Solche Melodien altern nicht. Sie warten geduldig darauf, wiederentdeckt zu werden.
(8 Punkte)
P.S.: Nicht zu verwechseln mit der deutschen Prog Rock-Legende der 70er (´Sunrise´), der LA-Melodic-Metal-Band um Liz Vandall (´Going Crazy´) oder den schwedischen Garagen-Rockern Sahara Hotnights!



