
GEBHARD ULLMANN – Schattenspiele
2026 (Fineline) - Stil: Avantgarde Kammermusik / Zeitgenössischer Jazz
Wenn der Berliner Holzbläser und Komponist GEBHARD ULLMANN seine Werke entfesselt, hat das rein gar nichts mit steriler Akademiker-Kälte zu tun. Es ist das pulsierende Herzblut eines Unbeugsamen, der durchkomponierte Strenge und freie Improvisation in einem atemberaubenden Schmelztiegel verbrennt. Das Album ´Schattenspiele´ vereint über Jahre gereifte Fragmente und wuchtige Ensemblewerke zu einer dreidimensionalen Klangkathedrale. Wer meint, zeitgenössische Musik müsse spröde sein, wird hier eines Besseren belehrt. Dieser Reigen aus Avantgarde und kammermusikalischer Präzision brennt mit einer Intensität, die tief unter die Haut geht.
Gleich zu Beginn fordert die fast 30-minütige ´Kleine Symphonie für Kammerensemble´ dem Hörer alles ab – und schenkt ihm im selben Atemzug unvergessliche Momente. Entstanden aus einem Funken der Zusammenarbeit mit dem renommierten Berliner Ensemble LUX:NM, wuchs der Vierteiler zu einem echten Koloss heran. GEBHARD ULLMANN greift hier kurzerhand selbst zur Bassklarinette und führt das Oktekt durch spukhafte Klanglandschaften. Das Eröffnungsdoppelstück ´I. Schattenspiele 1/2´ sucht und jagt sich selbst, während Trompete, Posaune, Akkordeon, Schlagwerk, Klavier und Cello ineinandergreifen. Rike Huy, Ruth Velten, Florian Juncker, Silke Lange, Zoé Cartier, Vitalii Kyianytsia und Adam Weismann erschaffen gemeinsam mit ULLMANN ein atemberaubendes Spannungsfeld aus Luftgeräuschen, mikrotonalen Reibungen und plötzlichen Eruptionen. In ´II. Dunkle Schattierungen teilweise überlagert von rötlichen Pastelltönen´ verschmelzen lyrische Farben mit furchterregenden Resonanzen, gefolgt von den mathematisch vertrackten, aber spielerisch leichten Rhythmen in ´III. Schattenspiele 3´, ehe das dramatische Finale ´IV. Schattenspiele 4´ mit erschütternder Dynamik zwischen Ausbruch und intimster Stille wandelt.
Als faszinierende Gegenpole fungieren die beiden Solo-Eruptionen ´Für Bassklarinette Alleine´ und das abschließende ´Gospel´. Ganz auf sich allein gestellt, entlockt GEBHARD ULLMANN seinem Instrument perkussive Klappen-Geräusche, tiefes Atmen und gutturale Überblastechniken, die in einer tiefschürfenden, fast mystischen Meditation über Raum und Zeit gipfeln. Dazwischen erstrahlt der Fünfteiler ´Hell und Bunt (Fünf Farben für Saxophonquartett)´, eingespielt vom großartigen ADUMÁ SAXOPHONQUARTETT. Irina Yudaeva, Christian Schilf, Yunxi Cheng und Kathrin von Kieseritzky lassen ein strahlendes Klangfeuerwerk abbrennen. Über die kühle, impressionistische Eleganz bis zum treibenden Satzabschluss jagt das Quartett durch vielschichtige Harmonien und Big-Band-artige Schichtungen.
Auch audiophil ist dieses Werk mustergültig. Die Aufnahmen fangen die beiden unterschiedlichen Aufnahmeräume in vollendeter Brillanz ein. Die im Berliner “Bonello Studio” nahezu komplett live festgehaltene Symphonie sprüht vor knisternder Raumenergie. Die Solo-Tracks und das Saxophonquartett entstanden wiederum im “Low Swing Studio” von Guy Sternberg. Das Herzstück der Produktion, ein liebevoll restauriertes Neve-Vintage-Mischpult, verleiht den Holzbläsern eine beispiellose analoge Wärme, seidige Transparenz und eine greifbare Plastizität, die jede Nuance von ULLMANNs Atemtechnik spürbar macht. Ein vielschichtiges Meisterwerk der schattierten Töne.
(9 Punkte)
https://www.facebook.com/gebhard.ullmann/
(VÖ: 18.09.2026)



