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AL STEWART – Year Of The Cat

1976/2026 (Rhino) - Stil: Rock / Soft Rock

Wenn das kalte Licht der Studio-Scheinwerfer auf abgewetzte Instrumentenkoffer trifft und der Geruch von feuchtem Tonband durch die Flure der legendären „Abbey Road Studios“ zieht, entsteht etwas, das jede Ära überdauert. 1976 war ein schicksalhaftes Jahr. Die Musikwelt stand vor den Scherben des alten Jahrzehnts, gespalten zwischen der opulenten Arroganz des übergroßen Progressive Rock und dem zornigen Rotz des aufkeimenden Punk.

Inmitten dieses musikalischen Vakuums erschuf ein schottischer Barde gemeinsam mit einem besessenen Sound-Genie ein zeitloses Meisterwerk. Al Stewart, bis dato ein geschätzter Geheimtipp der britischen Folk-Szene, schlug gemeinsam mit Produzent Alan Parsons ein Kapitel auf, das die Grenzen des Songwritings für immer verschieben sollte. Wer dieses Werk heute auf den Plattenteller legt, spürt sofort diesen feinen, magischen Schauer, der nur echten Klassikern innewohnt.

Die Entstehungsgeschichte grenzt dabei an schierem Wahnsinn. Al Stewart hatte die Marotte, gigantische Orchesterarrangements von Andrew Powell, komplexe Rhythmusspuren und filigrane Gitarrenläufe vollständig einzuspielen, bevor auch nur eine einzige Zeile Text auf dem Papier stand. Wie ein Besessener fügte er Satz für Satz in die bereits fertigen Klangteppiche ein.

Beim Opener ´Lord Grenville´ trieb Produzent Alan Parsons den Sänger an den Rand des physischen Zusammenbruchs. Über zwei Stunden lang musste Al Stewart eine extrem hohe Note wiederholen, während Parsons hinter der Regie-Scheibe stumm den Kopf schüttelte. Der Aufwand hat sich letztendlich gelohnt. Getragen vom sanften Klavier von Peter Wood, besingt die melancholische Seefahrer-Ballade das Schicksal des historischen Kapitäns Sir Richard Grenville und geht mit ihren schwebenden Streichern durch Mark und Bein.

Gleich darauf brennt mit ´On The Border´ eine regelrechte Riff-Fata-Morgana ab. Inspiriert von einer echten Spionage-Festnahme, als Al Stewart an der spanischen Grenze beim Fotografieren einer alten Burg vom Militär abgeführt wurde, verschmelzen hier die präzisen Basslinien von George Ford mit dem feurigen, atemberaubenden Flamenco-Spiel von Gitarrist Peter White auf der Nylonsaiten-Gitarre.

Der absolute Höhepunkt der ersten Hälfte schleicht sich hingegen leise an. In ´Midas Shadow´ verarbeitet Al Stewart die dunklen Abgründe der schillernden L.A.-Rockstar-Welt im “Continental Hyatt House”, verpackt in warm schimmernde E-Piano-Akkorde und das seidenweiche Schlagzeugspiel von Stuart Elliott.

Das beschwingte, unter Plattenfirmendruck entstandene und mit Dylan-Orgel garnierte ´Sand In Your Shoes´ sowie das mit brillanten Soli nach vorne treibende ´If It Doesn’t Come Naturally, Leave It´ schließen hernach die A-Seite ab.

Auf der B-Seite offenbart sich schließlich die ungezähmte Seele dieses Meisterwerks. Das fantastische ´Flying Sorcery´ hebt auf einem Schimmer aus hell gestimmten Akustikgitarren, seelenvoller Mundharmonika von Graham Smith und den Wurlitzer-Tasten von Don Lobster ab, um der Flugpionierin Amy Johnson ein Denkmal zu setzen.

In ein verrauchtes Pariser Varieté entführt uns der im Dreivierteltakt gehaltene Zigeuner-Jazz-Walzer ´Broadway Hotel´, wo die wehmütige Violine des Gastmusikers Bobby Bruce jeden Winkel der Seele ausleuchtet. Ehe das unheimliche, von Synthesizern durchzogene Space-Folk-Stück ´One Stage Before´ den Hörer in eine psychedelische Zwischenwelt aus Theatergeistern, Reinkarnation und samtweichen Refrain-Harmonien von David Pack entführt.

Und dann entlädt sich das schiere Epos. Der legendäre Titelsong ´Year Of The Cat´ baut sich über das weltberühmte Piano-Intro von Co-Autor Peter Wood auf, bevor eine schier unbegreifliche Instrumentalschlacht entbrennt. Ursprünglich wollte Al Stewart den Song über den britischen Comedian Tony Hancock schreiben (´Foot Of The Stage´), ehe er den Text frustriert auf Prinzessin Anne ummünzte (´Horse Of The Year´). Erst der Blick in ein vietnamesisches Horoskop und das flackernde Fernsehbild von “Casablanca” brachten die Erleuchtung. Was Alan Parsons schlussendlich daraus webte, ist schlichte Perfektion. Tim Renwick zaubert erst ein wundervolles Akustik-Solo auf Al Stewarts Guild-Gitarre, ehe er auf seiner 62er Fender Stratocaster ein E-Gitarren-Feuerwerk abbrennt. Das mündet nahtlos in den wohl berühmtesten Saxophon-Moment der Rockgeschichte. Studiomusiker Phil Kenzie marschierte ins Studio, blies das Solo in nur zwei haarsträubenden Takes ein und zementierte damit ein Stück Ewigkeit.

Die Reissue aus der exklusiven “Rhino Reserve”-Reihe im Vertrieb von “Rhino Records” unterstreicht diesen Mythos auf beeindruckende Weise. Das Gatefold-Cover bringt die ikonische Katzen-Illustration von Hipgnosis und Colin Elgie in gestochen scharfer Pracht zurück. Die bei “Fidelity Record Pressing” auf 180g schweres Vinyl gepresste Scheibe liegt absolut plan und nebengeräuschfrei auf dem Teller. Klanglich wurde das analoge Masterband von Matthew Lutthans völlig ohne digitale Zwischenschritte direkt in die Rille geschnitten (AAA). Das Ergebnis spaltet zwar die Sammlerwelt, entfaltet aber eine eigene Faszination. Wer den extrem spitzen, höhenbetonten Mix der 70er Jahre sucht, wird überrascht sein, denn diese Fassung setzt auf ein erdig-warmes, sehr voluminöses Bass-Fundament. Das Zusammenspiel der Akustikgitarren, der samtige Gesang und die orchestrale Wucht besitzen dennoch eine Räumlichkeit, die selbst verwöhnte High-End-Ohren zum Zittern bringt.

Ein Meilenstein voller Poesie, Magie und unsterblicher Eleganz!

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