PlattenkritikenPressfrisch

RADAKKA – Malice and Tranquility

1996/2026 (Jolly Roger Records) - Stil: Progressive/Power Metal

Chicago, 1995. In einem Übungsraum an der South Side stapeln sich sieben Jahre Arbeit, gebrannt auf Kassetten, die außerhalb der Stadtgrenze kaum jemand kennt. Draußen regiert der Flanellhemd-Sound aus Seattle. Mit anspruchsvollem, klassischem Heavy Metal lässt sich in Amerika kein Geschäft mehr machen. Aus dieser Kälte heraus entsteht ´Malice And Tranquility´, das Debütalbum von RADAKKA. Und erst drei Jahrzehnte später ist es endlich das geworden, was es immer hätte sein sollen: eine Platte, die man mit spitzen Fingern aus der Hülle zieht und ehrfürchtig auflegt.

Die Geschichte beginnt 1988, als John Dobbs, Michael Posch, Randy Jostes und Dean Maltese aus den Trümmern ihrer vorigen Band PARADOXX etwas Neues formen. RADAKKA nennen sie sich, und schon mit den ersten drei Demos – ´Radakka´, ´Vicious Raditude´ und ´Masquerade´ – sorgen sie in der Chicagoer Szene für Aufsehen. Support-Slots für MEGADETH, QUEENSRŸCHE und KANSAS folgen, das Tape-Trading-Netzwerk trägt ihren Namen quer durchs Land. Zeitzeugen erinnern sich noch an eine Band mit Feuer im Bauch sowie Technik in den Fingern – und bereit für den großen Deal.

Dann kommt 1991, und mit NIRVANA und PEARL JAM bricht eine Lawine los, die den amerikanischen Metal unter sich begräbt. Fünf Jahre lang bleibt es still um RADAKKA, fünf Jahre, in denen sie im Proberaum weiterschreiben, während die Plattenfirmen keinen Blick für sie übrighaben. Der aufgestaute Frust über eine Industrie, die ihnen eine Maske aufzwingt, unter der sie kaum noch atmen können, bricht sich 1996 endlich Bahn. Nicht zufällig eröffnet ´Masquerade´ das Album. Es ist die Abrechnung mit fünf verlorenen Jahren, roh und mit voller Kraft ins Mikrofon geschrien.

Als “Century Media Records” die Band 1995 unter Vertrag nimmt, bekommt sie etwas, das Newcomern jener Zeit selten zugestanden wird: die volle künstlerische Kontrolle. Gemeinsam mit Toningenieur Chris Sheppard produzieren RADAKKA ihr Debüt in Eigenregie. Und sie haben die Qual der Wahl, aus über 35 fertigen Songs die passenden Stücke auszusuchen. Wochenlang wird gestritten, verworfen, neu sortiert, bis am Ende elf Stücke übrig bleiben, die zwischen kraftvollem Hard Rock und vertracktem Progressive Metal das ganze Spektrum der Band abbilden.

Und was für ein Spektrum das ist. John Dobbs singt mit einer kristallinen Kraft, die sofort Vergleiche zu den großen Stimmen des US Metal weckt. Mit Michael Posch webt er auf dem epischen ´Sacrifice´ vertrackte Gitarrenlinien zwischen ruhigen und wuchtigen Passagen, während das melancholische ´I`ll Walk Alone´ zur US Metal-Hymne erwächst und das melodische ´Beautiful Thing´ mit zweistimmigen Leads eine fast majestätische Weite aufbaut.

Demgegenüber warten auf der Platte auch geradlinigere Nummern wie ´Thinking Of You´ oder das herrlich unverschämt eingängige ´Rainy Daze´, die beweisen, dass diese Band auch simplen Arena-Rock beherrscht, ohne dabei ihre Substanz zu verlieren. Selbst ´Saint’s Addiction´ ist kerniger Riff-Metal und ´End Of The Line´ ein klassischer Rocker.

Andererseits besitzen sie aber auch eine dunklere Seite. ´Out Of The Dark´ zeigt sich dementsprechend als stimmungvoller, beinahe hypnotischer Metal-Song. ´Solitude´ beginnt als intime Ballade und wächst zu einem schweren Brocken heran, bevor ´In These Chains´ das Album mit einer schwermütigen, fast andächtigen Note schließt.

Der endgültige Ritterschlag kommt, als “Century Media Records” die Band für einen Tribute-Sampler zu Ehren von JUDAS PRIEST anfragt. RADAKKAs Version von ´Night Crawler´ schlägt derart hohe Wellen, dass sich Glenn Tipton und K.K. Downing öffentlich zu Wort melden und die Coverversion loben. Für vier Musiker aus dem Chicagoer Underground ein Moment, den man nicht mehr vergisst.

Zunächst nur für Europa gepresst, da der traditionelle Metal in den USA auf dem Boden liegt, sorgt das Album in den Staaten für einen kuriosen Import-Boom. Amerikanische Fans bestellen sich die teure Import-CD zurück in ihre Heimat und machen ´Malice And Tranquility´ zu einem Mitauslöser des kleinen US Metal-Revivals jener Jahre. Nebenbei sorgt das Cover-Schriftbild, das dem Logo der schwedischen Melodic-Death Metal-Truppe DARK TRANQUILLITY verblüffend ähnelt, in so manchem Plattenladen für hübsche Fehlkäufe. Wer schwedischen Death Metal sucht, geht plötzlich mit feinstem US Power Metal nach Hause.

Zumindest der eine oder andere der Fachpresse mit feinem Gehör überschlägt sich 1996 vor Begeisterung und feiert RADAKKA als große Hoffnung des US Metal. Verkauft hat sich ´Malice And Tranquility´ trotzdem kaum. Grunge regiert den Mainstream, die Szene spaltet sich Richtung Death und Black Metal, für reifen Power Metal bleibt schlicht kein Platz. Ein zweites Album, ´Requiem For The Innocent´, folgt 1998, doch dann ist Schluss. Enttäuschende Verkaufszahlen kosten RADAKKA den Vertrag, 1999 lösen sie sich auf.

Umso verdienter kommt 2026 die erste Vinyl-Veröffentlichung der Bandgeschichte. Das italienische Kultlabel “Jolly Roger Records” bringt ´Malice And Tranquility´ über sein Sub-Label “Black Beard” heraus – wahlweise auf klassisch schwarzem Vinyl oder in limitierter Silber-Auflage für Sammler. Sogar das zweite Album erscheint parallel erstmals auf Schallplatte.

Ob in Schwarz oder Silber – wer diese Platte auflegt, hört eine Band, die 1996 ihrer Zeit voraus war und vielleicht heute endlich das Publikum bekommt, das sie verdient hätte. ´Malice And Tranquility´ ist eine Platte, die noch immer zündet, sobald die Nadel aufsetzt.

Hidden Gem.

Pflichtkauf.

 

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"