
RUSH – Fly By Night
1975/2026 (Mobile Fidelity Sound Lab) - Stil: Hard Rock / Progressive Rock
Sommer 1974, ein Vorsprechen wie aus einem Rockmärchen. Alex Lifeson und Geddy Lee sitzen mit ihrem komplexen neuen Riff im Proberaum, ein Stück, an dem sich schon ihr alter Schlagzeuger die Zähne ausgebissen hatte. Dann setzt sich ein schlaksiger junger Typ aus Ontario hinter die Drums, ein gewisser Neil Peart, und spielt das vertrackte Muster beim ersten Versuch fehlerfrei durch. In diesem Moment, so erzählt man sich bis heute, wussten RUSH, dass sich gerade alles verändert hatte.
1975 klingt Rockmusik noch nach LED ZEPPELIN oder eben gar nicht. RUSH selbst hatten ihr Debütalbum in diesem Korsett aufgenommen, geradliniger Blues-Rock mit ordentlich Schmackes, aber ohne echtes Alleinstellungsmerkmal. Mit Neil Peart an Bord kam plötzlich, was KING CRIMSON und YES längst für sich beanspruchten, komplexe Taktarten, literarische Ambition, der Mut zur Länge. Nur dass RUSH diesen Anspruch mit der Wucht einer Hardrock-Band versahen, statt mit Samtvorhängen und Mellotron-Nebel. Ihre erste US-Tour bestritten sie im Vorprogramm von URIAH HEEP und MANFRED MANN’S EARTH BAND, drei Kanadier aus Toronto, die niemand kannte, und die trotzdem jeden Abend das Publikum auf links drehten.
Terry Brown übernahm bei ´Fly By Night´ zum ersten Mal die Produktion, ein Job, den er bis weit in die Achtziger behalten sollte, und man hört sofort, warum. Der Sound wirkt aufgeräumter, transparenter, jeder Musiker bekommt seinen Platz im Mix. Neil Peart selbst spielte so schnell und so komplex, dass ihn andere Produzenten wahrscheinlich einfach zugeschüttet hätten. Terry Brown tat das Gegenteil. Er gab dem Schlagzeug Raum, ohne die Songs zu erdrücken, und legte damit den Grundstein für den Sound, der RUSH über Jahrzehnte tragen sollte.

Der Opener ´Anthem´ gilt als thematischer Vorläufer ihres späteren Meisterwerks ´2112´ und ist ein reiner Adrenalinstoß, ein messerscharfes Riff von Alex Lifeson, dazu verschiedene, extrem vertrackte Rhythmen, lautstark von Neil Peart betont. Neil textete hier zum ersten Mal für die Band, inspiriert von Ayn Rands gleichnamiger Novelle, und man spürt förmlich, wie sehr ihn der radikale Individualismus dieser Philosophie damals gepackt hatte.
´Best I Can´ und ´Beneath, Between And Behind´ zeigen die beiden Gesichter des Albums nebeneinander. Ersterer noch ein Überbleibsel aus der Zeit mit John Rutsey, geradliniger Arena-Rock mit treibendem Bass über das Klischee-Leben eines Rock’n’Roll-Musikers auf der Straße. Letzterer bereits völlig anders, hyperaktiv, abgehackt, mit Akzenten auf den unmöglichsten Zählzeiten, dazu Neil Pearts allererster eigener Songtext für die Band, eine finstere Abrechnung mit dem amerikanischen Traum.
Dann, mittendrin, das Monster. ´By-Tor And The Snow Dog´, über acht Minuten Fantasy-Epos in vier Teilen, mit einem regelrechten musikalischen Duell in der Mitte, Alex Lifesons Wah-Wah-Gitarre knurrt wie ein Schäferhund, Geddy Lees verzerrter Bass fährt als Gegenangriff wie der Snow Dog dazwischen. Das Label soll die Stirn gerunzelt haben, als die Band diesen Song ablieferte. Denn für eine junge Hardrock-Band war das ein Wagnis sondergleichen, doch dieses Wagnis machte RUSH am Ende unverwechselbar.
Seite zwei eröffnet mit dem Titelsong. ´Fly By Night´ ist der Song, der das Album am Leben hielt, mit einem kreisenden Riff, das sich sofort einprägt. Der Radio-Hit erzählt dabei von Neal Pearts Trip nach London. ´Making Memories´ atmet hingegen lockeren Folk-Rock, zwölfsaitige Akustikgitarren, entspannt bis in die letzte Note – und wurde unterwegs zwischen den Konzertauftritten geschrieben.
´Rivendell´ zieht sich fast ganz zurück, kein Schlagzeug, nur gezupfte Gitarre und ein fast geflüsterter Gesang. Benannt nach Tolkiens Elbenstadt, zeigt diese mystische Stimmung bereits Neal Pearts tiefe Verwurzelung in der Fantasy-Literatur, bevor ´In The End´ mit sanfter Akustikgitarre beginnt und nach knapp zwei Minuten in ein wuchtiges, fast Led Zeppelin-schweres Riff explodiert. Ein Abschied, der noch einmal alles zeigt, was diese Band kann.

Selbst das Cover hat bei diesem Album seine eigene Geschichte. Die schneeweiße Eule mit den durchdringend gelben Augen, die seither untrennbar mit diesem Album verbunden ist, war Neil Pearts eigene Idee, ein Vogelliebhaber seit Kindertagen, der sich an eine Illustration einer herabstürzenden Schnee-Eule erinnerte und das Motiv seinen neuen Bandkollegen vorschlug.
Fünfzig Jahre später ist ´Fly By Night´ längst kein Übergangswerk mehr, sondern die wahre Geburtsstunde von RUSH, wie sie heute jeder Fan kennt. Dabei tat sich das Album anfangs schwer, in den USA reichte es nur zu Platz 113, während es in der kanadischen Heimat immerhin Platz 9 erreichte. Doch ohne dieses Album kein ´2112´, kein ´Moving Pictures´, keine der Platten, die RUSH in den Rock-Olymp katapultierten. Und dass diese Musik auch heute noch pulsiert, beweist die Band gerade selbst auf spektakuläre Weise. Im Sommer 2026, über zehn Jahre nach ihrem letzten Auftritt und sechs Jahre nach Neil Pearts viel zu frühem Tod, stehen Geddy Lee und Alex Lifeson wieder gemeinsam auf einer Bühne, an ihrer Seite die deutsche Ausnahme-Drummerin Anika Nilles. Mit dem Segen von Neil Pearts Familie feiert die “Fifty Something”-Tour das Erbe, das mit ´Fly By Night´ einst begann. Wer das für unmöglich gehalten hätte, wurde eines Besseren belehrt.
Passend zu diesem Comeback bringen “Mobile Fidelity Sound Lab” 2026 eine komplette audiophile Neuauflage der frühen RUSH-Ära auf den Markt, und ´Fly By Night´ macht mit einer nummerierten 180g-Doppel-LP bei 45 Umdrehungen pro Minute den Anfang. Die breiteren Rillen bringen deutlich mehr Dynamik und Detailtreue, gemastert von Krieg Wunderlich direkt von den analogen Original-Bändern, über eine Kette aus Bandmaschine, DSD-256-Wandlung und analoger Konsole bis zum Schneidestichel. Gepresst wird bei “Fidelity Record Pressing”, verpackt in einem stabilen Stoughton-Gatefold, dazu ein exklusiver Fotodruck der Band als Beigabe. Das Album besitzt längst Platin-Status, und diese Pressung ist der bislang würdigste Rahmen dafür.
´Fly By Night´ ist der Moment, in dem aus einer guten Band eine der wichtigsten Rockformationen aller Zeiten wurde. Man hört noch die Unsicherheit einer jungen Gruppe heraus, aber auch den unbändigen Mut, alles anders zu machen als erwartet. Fünfzig Jahre später erbringt dieses Album den Beweis, warum diese Band für so viele Fans einfach die beste der Welt ist.



