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GRAM PARSONS – Grievous Angel

1974/2026 (Analogue Productions) - Stil: Cosmic American Music

Wally Heider Studios, Hollywood, Sommer 1973. Ein junger Mann mit zerzaustem Haar und brüchiger Stimme sitzt inmitten von Musikern, die eigentlich Elvis Presley zur Seite stehen, James Burton, Glen D. Hardin, dazu Al Perkins an der Pedal-Steel. Gram Parsons hat sie alle für sein zweites Solo-Album engagiert und traut sich kaum, ihnen etwas zu sagen, so ehrfürchtig ist er von ihrem Können überzeugt.

“Cosmic American Music”, so nennt Gram Parsons seine eigene Erfindung, eine Verschmelzung aus Country, Soul und Rock, die damals noch niemand so richtig einordnen kann. Wenige Jahre später stürmen die EAGLES mit einem ganz ähnlichen Rezept die Charts, doch 1973 steht Gram Parsons mit seiner Vision noch weitgehend allein da. Kein Zufall, dass ihn spätere Generationen als heimlichen Architekten des gesamten Country-Rock-Genres feiern. Kommerziellen Erfolg hat er selbst nie erlebt.

Musikalisch pendelt ´Grievous Angel´ zwischen zwei Polen. Auf der einen Seite Songs mit echtem Drive, ´I Can’t Dance´ hat den losen, leicht angetrunkenen Swing einer Samstagabend-Session, bei der niemand mehr auf die Uhr schaut, und ´Ooh Las Vegas´ orientiert sich hörbar am härteren, gitarrenlastigen Bakersfield Sound, der kalifornischen Antwort auf das glatte Nashville-Establishment. James Burton legt dazu ein rasantes Gitarrensolo hin, plötzlich besitzt das Album Tempo.

Auf der anderen Seite stehen die Balladen, die das Album eigentlich tragen. ´$1000 Wedding´ verlässt komplett das klassische Strophe-Refrain-Schema und wird stattdessen von Glen D. Hardins elegischem Klavier zu einer regelrechten Erzählung, und ´Love Hurts´ verlangsamt das Tempo so radikal, dass Parsons’ und Harris’ Stimmen förmlich zu einer einzigen emotionalen Einheit verschmelzen.

Und dann der kleine Trick mitten im Album. Das vermeintliche Live-Medley aus ´Cash On The Barrelhead´ und ´Hickory Wind´ klingt nach einem verrauchten Club irgendwo in Nordkalifornien, Publikumslärm inklusive, dabei wurde keine Note davon live eingespielt. Gram Parsons und sein Manager Phil Kaufman mischen Bar-Geräusche und Applaus erst später im Studio darüber.

Das große Finale, ´In My Hour Of Darkness´, ist als Country-Gospel angelegt, Mundharmonika inklusive, mit einer Abschiedszeile für verstorbene Freunde, darunter der Byrds-Gitarrist Clarence White.

Wie sehr Gram Parsons zwischen zwei Welten pendelt, zeigt sich auch abseits der Musik. Er liebt die extravaganten, mit Pailletten besetzten Anzüge des Promi-Schneiders Nudie Cohn und lässt sich für diese Zeit ein Stück maßschneidern, das von Weitem wie klassische Countrymode aussah. Erst aus der Nähe bemerkt man die eingestickten Marihuanablätter, Mohnblumen und brennenden Pillen, eine stille Botschaft an das konservative Nashville-Establishment.

Auch der Text zum Opener ´Return Of The Grievous Angel´ hat eine Geschichte, die im Trubel um das Album lange unerzählt blieb. Ein junger Dichter aus Boston, Tom Brown, hatte Gram Parsons das Gedicht während einer Tour gegeben, in der Hoffnung auf ein wenig Feedback. Parsons war begeistert, änderte ein paar Zeilen, fügte eine Hommage an Elvis Presley ein und vertonte das Stück, vergaß dabei aber völlig, Brown zu erwähnen. Erst nach Gram Parsons’ Tod erfuhr der Dichter durch Zufall, dass sein Gedicht zum Titelgeber eines Country-Rock-Meilensteins geworden war, später wurde er nachträglich als Co-Autor eingetragen.

Wie tief Gram Parsons zu dieser Zeit bereits im Chaos steckte, zeigt eine Episode kurz vor den Aufnahmen. Er war eng befreundet mit Keith Richards von den ROLLING STONES und lebte zeitweise sogar bei ihm in Frankreich. Bei einer dieser Gelegenheiten schlief er mit einer brennenden Zigarette im Bett ein und setzte das gemietete Haus, das Richards gehörte, komplett in Brand. Richards nahm es erstaunlich gelassen auf, ein Beleg dafür, wie sehr sich beide in derselben Grauzone aus Freundschaft und Selbstzerstörung bewegten.

Ursprünglich sollte das Album unter dem Namen ´Gram Parsons With Emmylou Harris´ erscheinen, mit einem gemeinsamen Foto auf dem Cover. Dann starb er, und seine Witwe Gretchen Parsons schritt ein, eifersüchtig auf die enge musikalische und vermeintlich romantische Beziehung der beiden. Harris’ Name verschwand vom Cover, sie wurde in den Credits zur reinen Background-Sängerin degradiert, das Foto retuschiert, bis am Ende nur noch Parsons allein vor blauem Hintergrund zu sehen war. Erst spätere Editionen würdigten ihren tatsächlichen Anteil angemessen.

Was danach geschah, gehört zu den berüchtigtsten Geschichten der Rockgeschichte überhaupt. Gram Parsons hatte mit seinem Manager und besten Freund Phil Kaufman einen Pakt geschlossen, wer zuerst stirbt, wird im Joshua Tree Nationalpark verbrannt. Als Gram Parsons kurz nach den Aufnahmen im Joshua Tree Inn starb, betranken sich Kaufman und ein Freund, liehen sich einen Leichenwagen und gaben sich am Flughafen von Los Angeles als Bestattungsangestellte aus. Sie stahlen den Sarg, fuhren zurück zum Felsen Cap Rock, übergossen ihn mit Benzin und zündeten ihn an. Ein Gesetz gegen Leichendiebstahl gab es damals nicht, nur gegen den Diebstahl des Sarges, beide kamen mit 750 Dollar Strafe davon.

Emmylou Harris verarbeitete den Verlust auf ihre eigene Art. Auf ihrem folgenden Solo-Debüt veröffentlichte sie ´Boulder To Birmingham´, einen der schönsten und traurigsten Abschiedsbriefe der Musikgeschichte, direkt inspiriert vom Schmerz über Gram Parsons’ Tod. Der Song machte sie über Nacht zum Star, ein Erfolg, den ausgerechnet der Mann geebnet hatte, der ihn nie miterleben durfte.

Über fünfzig Jahre nach seiner Entstehung bekommt ´Grievous Angel´ jetzt eine neue, audiophile Heimat. “Analogue Productions” veröffentlichen eine Neuauflage als Teil der “Acoustic Sounds 40th Anniversary Series”, benannt nach dem 40-jährigen Bestehen des Labels selbst. Statt der originalen Einzel-LP verteilt sich das Album jetzt auf zwei Schallplatten, abgespielt mit 45 statt der üblichen 33 Umdrehungen pro Minute, was für spürbar mehr Detail und Dynamik sorgt. Der Effekt ist hörbar. Für Sammler und Klangfanatiker ist das die bislang konsequenteste Annäherung ans Original. Mastering-Ingenieur Matthew Lutthans schnitt den Klang direkt von den analogen Original-Bändern im legendären “Mastering Lab”, gepresst wurden die schweren 180g-Scheiben bei “Quality Record Pressings”, verpackt in einem aufwendigen Tip-On-Gatefold von Stoughton Printing. Limitiert und nummeriert, 2750 Exemplare.

´Grievous Angel´ bleibt ein Album voller Widersprüche, geboren aus Chaos und Disziplin, aus Freundschaft und Verrat, aus Trauer und Aufbruch. Jede neue Ausgabe, jede neue Anekdote, die ans Licht kommt, macht nur deutlicher, wie viel Leben in diesen neun Songs steckt. Fünfzig Jahre später klingt das Album immer noch, als hätte Gram Parsons gewusst, dass er sich verabschiedete.

(Klassiker)

https://www.facebook.com/GramParsons

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