
DIVINE REGALE – Horizons
1994/2026 (M-Theory Audio) - Stil: US Prog Metal
Sensationeller US Progressive Metal aus Dover, New Hampshire: ´Horizons / Window´ wäre der absolut unanfechtbare Jahreshighlight-Anwärter des Jahres 2026 im Bereich des anspruchsvollen Untergrund-Stahls, handelte es sich hierbei nicht um die physische Aufarbeitung längst Legende gewordener Tondokumente aus den Jahren 1992 und 1994. Das Label “M-Theory Audio” spendiert den beiden Demos von DIVINE REGALE nun endlich eine wahnwitzig edle Vinyl-Aufarbeitung in Form der auf 200 Exemplare limitierten “Wake of Dawn Edition”. Inklusive zweiseitigem Einleger, archivierten Bandfotos und mitreißenden Liner Notes wird hier ein vergessenes Juwel dem Staub der Geschichte entrissen.
Während sich hinter diesen neun Kompositionen eines der feinsinnigsten und poetischsten Kapitel des US-amerikanischen Untergrunds verbirgt, stehen dahinter die Namen bislang unbesungener Helden: Sänger Dwight Hill, das explosive Twin-Gitarren-Gespann Daniel Elliott und Gary Leighton, Schlagzeuger Chris Anderson, Bassist Shawn Marcotte sowie Keyboarder Jason Keazer. Dieses Kollektiv besaß jene seltene, magische Balance aus intellektueller Schärfe und majestätischer Melodieführung, die den klassischen 90er-Prog-Metal in seinen Sternstunden auszeichnete.
Die Historie dieser Aufnahmen liest sich wie ein Märchen aus der goldenen Tape-Trading-Ära. Bereits das als rohes Quartett eingespielte 1992er Demo ´Window´ schlug in der regionalen Szene dermaßen ein, dass die Truppe ohne Plattenvertrag direkt den begehrten Anheizer-Slot für DREAM THEATER auf deren epochaler ´Images And Words´-Tournee durch Neuengland ergatterte. Zwei Jahre später schickten DIVINE REGALE das im Sound deutlich erweiterte Epizentrum ´Horizons´ über weltweite Postwege auf die Reise. Ohne Internet oder Major-Budget trudelten plötzlich begeisterte Fanzines und Fanpost aus Japan und Europa bei den Jungs ein. Es folgte ein regelrechter Hype an US-amerikanischen College-Radiosendern, der schließlich dazu führte, dass “Metal Blade Records” aufmerksam wurde, die Band auf dem legendären Sampler ´Metal Massacre XII´ platzierte und ihnen den Deal für das spätere, 1997er Kult-Debüt ´Ocean Mind´ zusteckte.

Dreht man das edle Farbwachs auf den Teller, offenbart sich eine faszinierende klangliche Zeitreise. Die A-Seite bildet das gewachsene 1994er Meisterwerk ´Horizons´ ab. Nach dem schwebenden, majestätischen Intro-Prolog ´Dawn´ bricht der Titeltrack ´Horizon´ in ein atemberaubendes Wechselspiel aus treibenden Riffs, filigranen Taktverschiebungen und feinsinnigen Gesangslinien aus. Hier treffen die erhabene Theatralik der späten QUEENSRŸCHE auf die intellektuelle Tiefe von FATES WARNING zu ´Perfect Symmetry´-Zeiten. Im düsteren, technisch brachialen ´Underworld´ regieren drückende Bassläufe von Shawn Marcotte und peitschende Riff-Kaskaden, während die Keyboard-Teppiche von Jason Keazer eine beklemmende Atmosphäre erzeugen.
Mit dem Gänsehaut-Stück ´Missing´ zelebriert Dwight Hill eine gesangliche Sternstunde, die an die verletzliche Epik eines Geoff Tate rührt. Das unbestrittene, über achtminütige Monument der A-Seite hört jedoch auf den Namen ´Fear The Storm´. Hier brennen Daniel Elliott und Gary Leighton ein feuriges Soli-Feuerwerk ab, das sich harmonisch mit den Tasten-Eskapaden duelliert und den Hörer mitten in den heranrollenden Orkan saugt.
Wendet man die Scheibe zur B-Seite, betritt man das Terrain des 1992er ´Window´-Demos – und der Unterschied im Sound-Gewand verleiht dieser Wiederveröffentlichung einen ganz besonderen Reiz. Wo die A-Seite mit breitem Stereobild, voluminösen Hallräumen und orchestraler Dichte glänzt, knackt die B-Seite rau und ungeschminkt aus den Boxen. Das Remastering minimierte das Grundrauschen der alten Analogbänder, ließ den feurigen “In-Your-Face”-Vibe jedoch komplett unangetastet.
Der Opener ´Into Your Wings´ prescht mit klassischer US Power Metal-Kante nach vorne, ehe das vertrackte, von atemberaubender Schönheit getragene ´Tomorrow Is Today´ aufspielt. Den Mittelpunkt bildet das meisterhafte ´Window´ – eine fast achtminütige Komposition, die Härte, technische Raffinesse, schwelgerische Hooks und am Ende sogar MAYFAIR’sche Tonkunst in perfekter Symmetrie vereint. Den hochgradig dynamischen Schlusspunkt setzt das groovende, mit trockenem Drive nach vorne peitschende ´Awakening´.

Was DIVINE REGALE mit ´Horizons´ und ´Window´ hinterlassen haben, ist der lebendige Beweis für die poetische Strahlkraft und den handwerklichen Stolz einer goldenen Ära, deren Faszination über Jahrzehnte hinweg kein bisschen Anziehungskraft eingebüßt hat. Wer wissen möchte, wie magisch der amerikanische Metal-Untergrund der 90er Jahre brannte, kommt an diesem monumentalen Reissue nicht vorbei. Ein Pflichtkauf für jeden ernsthaften Liebhaber anspruchsvoller Tonkunst.



