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LEO PARKER – Rollin’ With Leo

1980/2025 (Blue Note) - Stil: Jazz

Als Leo Parker im Oktober 1961 im “Van Gelder Studio” in Englewood Cliffs sein Baritonsaxophon ansetzte, lag über diesen Sessions bereits jener schwer greifbare Schatten, den man bei späteren Aufnahmen verstorbener Musiker immer wieder zu spüren meint. Leo Parker wusste vermutlich nicht, dass ihm kaum noch vier Monate bleiben würden. Die Musik wusste es erst recht nicht.

´Rollin’ With Leo´ klingt deshalb keineswegs wie ein Abschied, eher wie eine Tür, die mit voller Wucht aufgestoßen wird. Das Baritonsaxophon kommt nicht aus irgendeiner staubigen Jazzvitrine, sondern schiebt sich mit einem bulligen Ton nach vorn, der nach verrauchten Clubs, nächtlichen Straßen und einer Zeit klingt, in der ein Saxophon noch ordentlich Luft zum Brennen bekam.

Leo Parker war ein Mann mit einer kurzen, von Drogenproblemen schwer gezeichneten Karriere, doch auf diesen Aufnahmen spielt er, als wolle er jede verlorene Minute zurückholen. Sein Instrument ist gewaltig und beweglich zugleich; tief unten grollt es, dann schnellt es plötzlich nach oben, mit einer Behändigkeit, die dem schweren Messingkoloss beinahe widerspricht. Wer das Baritonsaxophon bislang vor allem mit dem sonoren Gewicht eines GERRY MULLIGAN oder der rauchigen Wucht eines PEPPER ADAMS verbunden hat, bekommt hier eine andere Spezies zu hören. Leo Parker bringt den Biss des Bebop, die Hüftbewegung des Rhythm & Blues und die Erdigkeit des Blues unter einen Hut, der ziemlich gut aussieht.

´The Lion’s Roar´ fackelt keine langen Einleitungen ab. Das Stück springt aus den Lautsprechern wie ein Raubtier aus einer dunklen Gasse, getragen von einer federnden Rhythmusgruppe und Parkers kernigem Bariton, das jede Melodie mit erstaunlichem Druck aus dem Bauch heraus zu formen scheint. Dave Burns an der Trompete und Bill Swindell am Tenorsaxophon sorgen für weitere Farbschichten, während Johnny Acea am Klavier, Al Lucas am Bass und Wilbert Hogan am Schlagzeug das Fundament mit jener lässigen Präzision legen, die man bei den großen “Blue Note”-Sessions jener Epoche so liebt.

´Bad Girl´ taucht anschließend tiefer in den Blues, wobei Parker eine wärmere, fast verschmitzte Seite zeigt. Sein Ton bleibt kräftig; während Johnny Aceas Piano soulige Akzente in die Zwischenräume tupft und Dave Burns mit gedämpfter Trompete eine kleine Rauchfahne über den Raum zieht. Das ist jener Moment, in dem aus Hard Bop plötzlich Clubmusik mit gefährlich gutem Geschmack wird.

Der Titeltrack ´Rollin’ With Leo´ bringt wieder Bewegung in die Bude. Der Groove schiebt, ohne zu hetzen, und Parker spielt mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit über den Harmonien. Dass ein Baritonsaxophon derart flink und bissig klingen kann, gehört zu den kleinen Offenbarungen dieser Platte. Parker war ursprünglich Altsaxophonist und wechselte 1944 in die Baritonlage, als Billy Eckstine für seine Big Band einen Baritonspieler benötigte. Aus der Notlösung wurde eine Lebensentscheidung. Der Spitzname „Mad Lad“, den Parker nach einer Aufnahme mit Sir Charles Thompson erhielt, passt im Rückblick geradezu unverschämt gut, denn sein Spiel besitzt diese eigentümliche Mischung aus Kontrolle und entfesselter Energie, als würde ein Schwergewichtler plötzlich anfangen zu tanzen.

´Music Hall Beat´, eine Komposition von Illinois Jacquet, führt diese R&B-Schlagseite noch weiter aus. Der Song federt und swingt. Parker setzt sein Bariton tief an, während Burns und Swindell darüber ihre Melodien ziehen. Das Ganze besitzt mehr Substanz als viele angeblich „groovende“ Jazzproduktionen späterer Jahrzehnte.

Auf Seite B wird der Motor wieder hochgedreht. ´Jumpin’ Leo´ gehört zu den Stücken, bei denen Parker seine technische Beweglichkeit besonders eindrucksvoll unter Beweis stellt. Das Bariton jagt durch die Harmonien. Dave Burns antwortet mit einem flinken Trompetensolo, Johnny Acea setzt perkussive Akzente, und Wilbert Hogan hält das Ganze mit federnder Härte zusammen.

Danach wird es mit ´Talkin’ The Blues´ langsamer und inniger. Parker muss nichts beweisen. Er lässt Töne stehen und erinnert daran, dass Virtuosität im Jazz nicht immer darin besteht, möglichst viele Noten in möglichst kurzer Zeit unterzubringen. Manchmal reicht ein einzelner Ton, wenn er das richtige Gewicht besitzt.

´Stuffy´, die Coleman-Hawkins-Komposition, schlägt anschließend eine Brücke zurück zu jener Generation, aus der Parker selbst hervorgegangen war. Hawkins war einer der Musiker, die Parker früh förderten; auf ´Rollin’ With Leo´ wird aus der Reverenz kein ehrfürchtiges Niederknien, sondern ein munteres Weiterreichen der Fackel.

Und dann kommt ´Mad Lad Returns´. Parker lässt zum Schluss noch einmal die Ketten rasseln, das Bariton grummelt und schiebt die gesamte Band vor sich her. Ein würdiger Abgang – und im Wissen um Parkers nahenden Tod ein beinahe schmerzhaft prophetischer.

Die Geschichte hinter dieser Musik macht ihre Wirkung noch intensiver. Nach vielversprechenden Jahren in den Big Bands von Billy Eckstine und Illinois Jacquet war Leo Parker in den Fünfzigern durch seine Drogensucht weitgehend aus dem öffentlichen Blickfeld verschwunden. Der “Blue Note”-Produzent Alfred Lion wollte ihm dennoch eine zweite Chance geben, unterstützt von Ike Quebec, der Parker wieder ins Studio brachte. Im Herbst 1961 entstanden ´Let Me Tell You ‘Bout It´ und ´Rollin’ With Leo´. Parker war zurück. Und wie. Er spielte mit einer Energie, die nicht nach Wiedereinstieg klang. ´Let Me Tell You ‘Bout It´ erschien noch zu seinen Lebzeiten; ´Rollin’ With Leo´ blieb nach seinem Tod zunächst im Archiv. Parker starb am 11. Februar 1962 in New York City an einem Herzinfarkt. Er war 36 Jahre alt.

Dann wurde es still. Neunzehn Jahre lang lagen diese Aufnahmen bei “Blue Note”, bevor ´Rollin’ With Leo´ 1980 erstmals veröffentlicht wurde. Was damals wie ein vergessenes Archivstück wirken konnte, entwickelte sich über die Jahrzehnte zum Kultobjekt für Jazzsammler und Liebhaber des kernigen Hard Bop. Und heute besitzt die Platte eine eigentümliche Frische. Sie klingt nicht wie ein Relikt, das man aus Gründen historischer Pflichterfüllung auflegt. Sie lebt. Das Schlagzeug knistert vor Energie, der Bass arbeitet unter der Oberfläche, die Trompete setzt glühende Farbtupfer und Parkers Bariton sitzt mitten im Raum wie ein schwerer Ledersessel, der plötzlich anfängt zu marschieren.

Die aktuelle “Tone Poet”-Ausgabe von “Blue Note” macht aus diesem ohnehin starken Werk eine ausgesprochen reizvolle Vinyl-Erfahrung. Kevin Gray fertigte bei “Cohearent Audio” das analoge Mastering von den Originalbändern an; gepresst wurde bei “Record Technology Incorporated” auf 180g-Vinyl. Dazu kommt die für die Reihe typische aufwendige Aufmachung mit hochwertigem Tip-On-Gatefold und antistatischer Innenhülle. Das Entscheidende bleibt allerdings in den Rillen. Parkers Bariton bekommt Raum und diesen leicht körnigen Körper, der bei gutem Vinyl plötzlich nicht mehr wie eine historische Aufnahme wirkt, sondern wie ein Musiker, der irgendwo zwischen den Lautsprechern sitzt und einem direkt ins Gesicht spielt. Wer bei audiophilen Neuauflagen stets befürchtet, historische Musik könne durch übertriebene Politur ihren Charakter einbüßen, darf hier aufatmen. ´Rollin’ With Leo´ bleibt rau genug, um nach 1961 zu klingen.

Was diese Platte überdies so faszinierend macht, ist ihre Stellung zwischen mehreren Jazzwelten. Parker kommt aus dem Bebop, besitzt die bluesige Erdung des Rhythm & Blues und steht zugleich mit beiden Füßen im Hard Bop der frühen Sechziger. Wer den späteren Druck eines RONNIE CUBER liebt, wird hier die Quelle mancher späterer Baritonwucht erkennen; wer die “Blue Note”-Klassiker von ART BLAKEY AND THE JAZZ MESSENGERS, HORACE SILVER oder LEE MORGAN schätzt, findet dieselbe Lust am Groove, dieselbe körperliche Direktheit, nur mit einem besonders tiefen, rauen Mittelpunkt.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Tragik von ´Rollin’ With Leo´. Diese Musik klingt nach Anfang, während die Biografie längst auf das Ende zuläuft. Parker war zurück, hatte seine Stimme wiedergefunden und spielte, als wäre die lange Pause lediglich eine besonders finstere Einleitung gewesen. Dann riss das Leben den Faden ab. Was blieb, sind diese acht Stücke – kein sentimentales Vermächtnis, sondern eine höllisch lebendige Momentaufnahme eines Musikers, der viel zu wenig Zeit bekam. ´Rollin’ With Leo´ gehört deshalb zu jenen “Blue Note”-Schätzen, deren Bedeutung mit jedem Jahrzehnt eher wächst. Die Platte bewahrt einen Klang, eine ganze musikalische Welt, und sie tut das ohne Patina aufzutragen.

Nadel drauf, Lautstärke hoch, Licht runter: Dann steht Leo Parker wieder da. 1961 oder heute – sein Bariton macht keinen Unterschied.

Klassiker.

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