
KALAMATA – Zenosyne
2026 (Copper Feast Records/Made of Stone Recordings) - Stil: Psychedelic/Stoner Rock
2017 ergaben die fünf Songtitel von ´Disruption´ hintereinandergelesen den Satz „My Erection Shows Me The Direction“, pubertär und zum Grinsen. Neun Jahre später ergeben die fünf Songtitel des Nachfolgers den Satz „There Is No Coming Back“, und keine Zeile könnte deutlicher zeigen, was mit einer Band in neun Jahren passieren kann. KALAMATA aus Hildesheim melden sich mit ´Zenosyne´ zurück, und wer das Trio seit den Anfängen kennt, hört in diesem einen Satzwechsel schon fast die ganze Platte.
Gitarrist Peter Jaun, Bassist Niki Hosseinian-Sereshki und Schlagzeuger Olly Opitz haben diese neun Jahre nicht im Proberaum verschlafen. Europatourneen, Besetzungswechsel, persönliche Tiefpunkte, nichts hat die Band von ihrem Sound abgebracht. ´Zenosyne´ ist das, was übrig bleibt, wenn man all das durch drei Instrumente presst, ohne eine einzige gesungene Zeile. Gitarre, Bass und Schlagzeug erzählen hier die ganze Geschichte allein, und das klingt reifer als alles, was KALAMATA vorher gemacht haben, und trotzdem absolut nach KALAMATA. Der Titel ist kein Zufallswort, Zenosyne beschreibt das Gefühl, dass die Zeit umso schneller durch die Finger rinnt, je älter man wird, und die fünf Tracktitel ´There´, ´Is´, ´No´, ´Coming´, ´Back´ lassen jeder Hörerin und jedem Hörer die eigene Zeile daraus lesen. Ein Konzeptalbum ist das trotzdem nicht.
Auch das Cover, gestaltet von Flora Karger, trägt die Handschrift der Heimatstadt. Es greift die alte Hildesheimer Jungfrauen-Legende auf, die Geschichte einer Braut, die ihren vom Blitz erschlagenen Bräutigam im Wald findet, sich dort verirrt und erst durch das ferne Läuten einer Abendglocke zurück ins Leben findet. Der Turm, von dem diese Glocke einst erklang, heißt bis heute Kehrwiederturm, und Verlust, Orientierungslosigkeit, der Ruf zurück ins Licht schwingen in jedem Riff mit, auch ohne Nacherzählung.

Musikalisch beginnt alles mit ´There´, einem Opener, der sich richtig viel Zeit lässt, schwebende Post Rock-Gitarrenbögen, feine Ambient-Flächen, eine latente Spannung, die sich erst im letzten Drittel entlädt, wenn die typisch schweren, hypnotischen Riffs einsetzen. ´Is´ schiebt die psychedelische Seite ganz nach vorne, ein tranceartiger Groove aus Bass und Schlagzeug, während sich die Gitarre aus starren Riff-Strukturen löst und fast jamartig soliert. Dann kommt ´No´, jetzt tief gestimmt, schlammig verzerrt, im Tempo gedrosselt, mit einer Schwere, die fast ins Doom-Metal-Territorium umschwenkt, hier spürt man die Verzweiflung und Orientierungslosigkeit der Plattenthematik am deutlichsten. ´Coming´ zeigt KALAMATA von ihrer verspieltesten Seite, treibende Rhythmen im Stil von Bands wie KYUSS, dazwischen unerwartete Taktwechsel, trotzdem bleibt der rohe Jam-Charakter der frühen Bandtage spürbar. Am Ende steht ´Back´, fast zehn Minuten lang, das Finale, das alle Fäden zusammenzieht, eine gewaltige Klangwand, abwechselnd leise und zerbrechlich, dann metallisch explosiv, bis sich der Song in ausfasernden Loops verliert und das Album so endet, wie sein letztes Wort es verspricht, endgültig.
In früheren Tagen wurden KALAMATA für massive Stoner-Riffs und psychedelische Soundlandschaften gefeiert. ´Zenosyne´ zeigt eine Band, die all das längst beherrscht und trotzdem komplett frisch aufspielt. Wer MONKEY3, LONG DISTANCE CALLING, KARMA TO BURN oder MY SLEEPING KARMA im Plattenregal stehen hat, kommt an diesem Album nicht vorbei, und wie es die Kehrwiederturm-Glocke Hildesheim schon vor Jahrhunderten zeigte, muss man manchmal nur durch den Wald, um den Weg zurück zu finden. Zurück gibt es auf dieser Platte allerdings tatsächlich keinen.
(8 Punkte)



