
ALICE IN CHAINS – Unplugged
1996/2026 (Columbia/Sony Music/Legacy) - Stil: Alternative Rock, Acoustic, Grunge
Über zwei Jahre lang hatten ALICE IN CHAINS davor keine einzige Show gespielt. Seit Januar 1994 stand die Band nicht mehr auf einer Bühne, ihr letzter Auftritt in dieser Zeit war ein kleines Benefizkonzert für John Norwood Fisher von FISHBONE, der mit Anwaltskosten zu kämpfen hatte, und schon dieser erste eigene Versuch, akustisch zu spielen, hatte die eigenen Fans eher enttäuscht als überzeugt. Ein halbes Jahr später musste die Band sogar ihre komplette Teilnahme an der „Shit Hits The Sheds“-Tour von METALLICA absagen, einen Tag vor dem ersten Termin, weil Frontmann Layne Staleys Heroinsucht jeden Auftritt unmöglich machte. Die Band trennte sich für etwa sechs Monate. Staley ging erstmal zur Supergroup MAD SEASON und nahm mit ihr das Album ´Above´ auf. Bassist Mike Inez tauchte auf Slashs Soloalbum auf. Gitarrist Jerry Cantrell schrieb an eigenem Solomaterial, und zusammen mit Schlagzeuger Sean Kinney steuerte er noch etwas zum Willie Nelson-Tribut ´Twisted Willie´ bei. Erst Anfang 1995 fanden sie sich wieder, um neues Material zu schreiben, und noch im selben Jahr war ihr drittes, selbstbetiteltes Album fertig, inoffiziell auch ´Tripod´ genannt, wegen des dreibeinigen Hundes auf dem Cover. Die Aufnahmen waren von Staleys Sucht geprägt, er erschien oft tagelang nicht im Studio, und Cantrell musste einen Großteil des Gesangs übernehmen.
An diesem 10. April 1996 passten dann nur 400 Menschen ins „Majestic Theater“ in Brooklyn, heute als „Harvey Theater“ bekannt, während draußen Tausende auf Einlass hofften. Drinnen war es dunkel, fast andächtig dunkel. Kerzen, die Staley eigens in seiner Heimatstadt Seattle am Pike Place Market gekauft hatte, säumten die Bühne, die Wände hatte man absichtlich verwittert aussehen lassen, mit echten Schüssen in den Putz und von Hand abgeblättertem Lack. Dazu Lava-Lampen, die man zu spät eingeschaltet hatte, sodass das Wachs darin kaum in Bewegung kam, ein Zufall, der die ganze Schwere des Abends nur noch unterstrich.
MTV hatte die Band schon jahrelang für die Unplugged-Reihe angefragt, und ALICE IN CHAINS lehnten ebenso lange ab. Cantrell befürchtete, der raue, kratzige Sound der Band lasse sich kaum zufriedenstellend umsetzen, und ein TV-Publikum würde für ihre Härte ohnehin wenig Verständnis haben, trotz der eigenen Erfahrung mit akustischen EPs wie ´Sap´ und ´Jar Of Flies´. Produzent Alex Coletti, der die Reihe leitete, sah das anders und war überzeugt, dass PEARL JAM, NIRVANA und ALICE IN CHAINS aus jener Grunge-Generation einfach die richtigen drei Bands für das Format waren, weil sie die Songs, die Tiefe und die Emotion hätten, die beim Entkleiden des Sounds erst richtig zum Vorschein kämen. Paradoxerweise half der Band gerade das Fehlen jeder Tourverpflichtung, sich 1996 vollständig auf dieses ungewohnte akustische Format vorzubereiten.
Für die Show holte sich die Band Verstärkung. Gitarrist Scott Olson von der befreundeten Seattle-Band HEART komplettierte die Besetzung und ließ ALICE IN CHAINS zum ersten Mal überhaupt als Quintett auftreten. Die Verbindung zwischen beiden Bands bestand schon länger, HEART-Sängerin Ann Wilson hatte Jahre zuvor Backing-Vocals für ´Brother´ von der EP ´Sap´ eingesungen, jenen Song, den ALICE IN CHAINS als zweite Nummer des Abends spielen sollten. Die Band stimmte ihre Gitarren wie gewohnt einen Halbton tiefer, Schlagzeuger Sean Kinney griff hingegen zu weichen Rutensticks, um das Set intim und gedämpft zu halten.

Als es am Abend selbst losging, kämpfte Cantrell mit einer Lebensmittelvergiftung, ausgelöst von einem Hotdog an einem New Yorker Straßenstand. Vor der Show musste er sich ununterbrochen übergeben, ein Mülleimer stand griffbereit neben ihm auf der Bühne. Später erklärte er, als die Kameras liefen und das grüne Licht anging, habe ihm sein Körper genug Adrenalin und Dopamin gegeben, um durchzuhalten, kaum sei es vorbei gewesen, sei er sofort wieder in das elende Gefühl zurückgefallen. Auch Staley wirkte sichtlich geschwächt, seine Stimme zitterte hörbar, wenn er zwischen den Songs sprach, und er hatte sich kurz vor dem Auftritt noch Heroin gespritzt. Trotzdem sang er diesen Abend mit einer Intensität, die niemand im Saal erwartet hatte. Die Aufzeichnung selbst zog sich über drei Stunden, weit länger als geplant, weil Kameraführung, Licht und etliche Patzer in der Performance mehrere Anläufe nötig machten.
Eröffnet wurde der Abend mit ´Nutshell´, einer kargen Version des Songs, getragen von Cantrells sanftem Zupfen und einem schluchzenden kurzen Gitarrensolo am Ende, während Staleys Stimme jede Zeile wie ein Geständnis klingen ließ. Nach ´Brother´ und ´No Excuses´, beide schon im Original akustisch gehalten, folgte mit ´Sludge Factory´ die erste echte Verwandlung eines schweren Songs ins akustische Gewand, perkussiv, fast bedrohlich, mit Inez‘ Bass, der im Hintergrund wummerte. ´Down In A Hole´ geriet zur vielleicht intensivsten Nummer des Abends, ein Song über Isolation, Schuld und das Gefühl, unten festzustecken, geschrieben von Cantrell, aber an diesem Abend klang jede Zeile wie ein Spiegel von Staleys eigener Lage.
Es folgten ´Angry Chair´, bei dem Staley selbst zur Akustikgitarre griff, ´Rooster´ mit seinem Wechsel zwischen fast lautloser Strophe und einem Refrain, in dem Cantrell und Olson so hart in die Saiten griffen, dass die fehlende elektrische Verzerrung kaum auffiel, dann ´Got Me Wrong´ und ´Heaven Beside You´. Bei ´Would?´ trug Inez‘ finsteres Bass-Intro die gesamte erste Strophe allein, bevor Staleys beschwörender Gesang das dramatische Finale hinaufzog. Mit ´Frogs´, dem längsten und düstersten Stück des Abends, sprach Staley seine letzten Zeilen fast tranceartig, wie im Halbschlaf, bevor ´Over Now´ mit dem Trommelwirbel des militärischen Trauermarsches „Taps“ begann und das Konzert in eine fast tröstliche, zutiefst wehmütige Klangfarbe tauchte. Zum Schluss stand ´The Killer Is Me´, ein Song, dessen Riff und Refrain Cantrell über ein Jahr zuvor geschrieben hatte. Staley wollte damals noch etwas ergänzen, kam aber nie dazu, und Kinney drängte kurz vor der Show darauf, das Stück endlich fertigzustellen. Cantrell schrieb es in den letzten Stunden vor dem Auftritt zu Ende, und so wurde ausgerechnet das unfertigste Stück des Abends zu seiner rohesten Weltpremiere.
Zwei Wochen nach dem Konzert schickte MTV der Band den ersten Rohschnitt. Staley war empört. Ihm kam es so vor, als würde das Material ihn absichtlich wie einen abgehalfterten Star wirken lassen, in mehreren Einstellungen saß er mit geschlossenen Augen da, und sobald er zu singen begann, schnitt die Kamera sofort zu jemand anderem, sodass es aussah, als würde er quer durch sein eigenes Konzert schlafen. Toby Wright, der die Aufnahme produziert hatte, sichtete das Material erneut und schickte MTV konkrete, zeitgestempelte Änderungswünsche, die der Sender tatsächlich umsetzte. Die finale, von Joe Perota inszenierte Fassung lief am 28. Mai 1996 im Fernsehen, allerdings ohne ´Angry Chair´, ´Frogs´ und ´The Killer Is Me´, die aus der Sendung komplett herausgeschnitten wurden und erst auf den physischen Veröffentlichungen zu hören waren.

Was danach geschah, wird bis heute oft falsch erzählt. Viele halten dieses Unplugged für Staleys allerletzten Auftritt überhaupt, dabei war es nur sein letzter Auftritt als Headliner. Im Sommer 1996 spielten ALICE IN CHAINS noch vier weitere Shows im Vorprogramm der Reunion-Tour von KISS, der wirklich letzte gemeinsame Auftritt der klassischen Besetzung fand am 3. Juli 1996 in Kansas City statt. Nur wenige Wochen später, kurz vor der Veröffentlichung des Albums, kam die Überdosis, Staley landete im Krankenhaus. Danach war im Grunde Schluss. Er zog sich fast vollständig zurück, stand nie wieder auf einer Bühne. Im April 2002 starb er allein, in seiner Wohnung in Seattle.
Als das Album im Juli 1996 erschien, stand es im gewaltigen Schatten des legendären Unplugged-Auftritts von NIRVANA aus dem Jahr 1993. Die Kritik reagierte gemischt. Immerhin stieg das Album auf Platz 3 der Billboard-200-Charts ein, für eine Band, die kurz zuvor noch als nicht mehr bühnenfähig galt, schon ein kleines Wunder. Heute hat sich das Bild komplett gedreht, mit Doppel-Platin ausgezeichnet gilt das Konzert vielen längst als das musikalisch anspruchsvollste und emotional tiefste der gesamten Unplugged-Reihe. KORN-Sänger Jonathan Davis nannte diesen Auftritt später öffentlich als direkte Inspiration für das eigene MTV-Unplugged seiner Band.
Aktuell veröffentlicht „Sony Legacy“ die 30th Anniversary Vinyl-Ausgabe des Albums, als Doppel-LP, verteilt auf vier Plattenseiten, was angesichts der enormen Dynamik eines rein akustischen Konzerts auch nötig ist. Neben der klassischen schwarzen Standard-Pressung erscheinen limitierte Farbvarianten über ausgewählte Independent-Plattenläden. Da ältere Pressungen jahrelang vergriffen waren und auf dem Gebrauchtmarkt absurde Summen erzielten, zählt dieser Release zu den meist erwarteten Vinyl-Ereignissen des Jahres. Klanglich profitiert die Aufnahme besonders von einer ausgeprägten Kanaltrennung, Cantrells filigranes Zupfen liegt rechts, Scott Olsons Rhythmusgitarre links, was dem intimen Saal des „Majestic Theater“ eine beeindruckende Tiefenstaffelung verleiht. Die Pressungen sind bemerkenswert laufruhig, entscheidend gerade für die sehr leisen Passagen von Songs wie ´Frogs´ oder ´Nutshell´.
Dreißig Jahre später bleibt dieses Unplugged kein gewöhnliches Live-Album. Es ist das letzte große Vermächtnis einer Band, die an diesem einen Abend keine einzige Sekunde lang etwas vorgab, sondern einem Menschen beim Kämpfen zuhörte, der trotzdem weitersang. Diese schonungslose Ehrlichkeit, nicht die Perfektion, ist es, die das Album bis heute so eindringlich macht.



