PlattenkritikenPressfrisch

MARVIN GAYE – Let’s Get It On

1973/2026 (UMe/Motown) - Stil: Funk / Soul

Drei Jahre vorher hatte Marvin Gaye mit ´What’s Going On´ die Welt dazu gebracht, über Krieg, Armut und Rassismus nachzudenken. Jetzt, im Sommer 1973, bittet er sie ins Schlafzimmer. ´Let’s Get It On´, veröffentlicht am 28. August 1973 bei „Tamla Records“, ist das zwölfte Studioalbum des Soul-Sängers und gehört bis heute zu den sinnlichsten Platten, die je gepresst wurden. Kerzenschein statt Straßenlärm, Flüstern statt Parolen, und doch brodelt unter der samtigen Oberfläche dieselbe Entschiedenheit wie im Vorgänger, nur anders ausgerichtet.

Nach dem Erfolg von ´What’s Going On´ und dem Soundtrack zu ´Trouble Man´ saß Marvin Gaye monatelang vor leeren Blättern, ausgestattet mit einem Millionen-Dollar-Vertrag, der ihn zum bestverdienenden Soul-Künstler seiner Zeit machte, aber ohne neues Lied. Dazu kamen der Umzug von Detroit nach Los Angeles, wohin „Motown“-Chef Berry Gordy sein Studio verlegte, und die zerbrechende Ehe mit dessen Schwester Anna Gordy Gaye. Marvin Gaye grub in dieser Zeit tief in seiner eigenen Geschichte, in der strengen, von harter Hand geprägten Erziehung durch seinen Vater, einen Prediger, und in der Scham, die ihm diese Erziehung rund um Sexualität eingeprägt hatte. Sein Biograf David Ritz beschrieb Gayes Verhältnis zu Sex später als verunsichert und voller Schmerz. Mit diesem Album wollte Marvin Gaye diese Wunde heilen und Körper, Geist und Sexualität als Teil derselben Sehnsucht nach Nähe zu Gott zusammenführen.

Der Titelsong ´Let’s Get It On´ nahm einen kuriosen Umweg, bis er zur bekannten Fassung wurde. Gaye schrieb ihn ursprünglich als eine Art religiöse Ode ans Leben, bis der „Motown“-Songwriter Kenneth Stover daraus einen politischen Text machte. Ed Townsend, Gayes Co-Autor und Co-Produzent, war empört, verwarf Stovers Fassung und bestand darauf, dass es um echte, körperliche Liebe gehen müsse. Gaye und Townsend schrieben den Text gemeinsam neu, und übrig blieb jener schwelende, dreitönige Wah-Wah-Einstieg, der bis heute sofort erkennbar ist. Gespielt hat ihn der Sessionmusiker Don Peake, dessen erster Ton eigentlich ein Spielfehler war, der aber so gut klang, dass Gaye ihn einfach drinließ. Der Song ist seitdem ein Motown-Klassiker, den man hundertmal hören kann, ohne dass er sich abnutzt.

Direkt danach folgt ´Please Don’t Stay (Once You Go Away)´, ein fast schüchternes Flehen mit üppigen Streichern und Doo-Wop-Harmonien. ´If I Should Die Tonight´ bremst das Tempo radikal, Falsett und dramatische Streicherarrangements tragen eine hingebungsvolle Romantik, die als frühe Blaupause für das „Quiet Storm“-Genre gilt. Zum Abschluss der ersten Seite dreht ´Keep Gettin‘ It On´ den Titelsong noch einmal auf, rauer und Gospel-getriebener, fast wie eine kleine Ekstase.

Die zweite Seite ändert die Richtung. ´Come Get To This´ holt den beschwingten Swing der frühen Motown-Duette zurück, fast nostalgisch. ´Distant Lover´ steigert sich von sanftem Schmachten zu einem verzweifelten Schrei nach einer weit entfernten Frau, mit weinenden Gitarren und sehnsüchtigen Harmonien, und wurde bei Gayes späteren Konzerten zum festen Höhepunkt. ´You Sure Love To Ball´ geht am weitesten, mit echtem, zweistimmigem Seufzen und Atmen im Hintergrund der Spur, so unverblümt, dass sich 1973 reihenweise US-Radiosender weigerten, den Song überhaupt zu spielen. Den Schlusspunkt setzt ´Just To Keep You Satisfied´ mit jazzigen Akkordfolgen, ursprünglich für THE ORIGINALS geschrieben, von Gaye komplett neu vertextet zu einer bittersüßen Abrechnung mit seiner zerbrechenden Ehe.

Für die Aufnahmen trafen in Los Angeles zwei Welten aufeinander. THE FUNK BROTHERS aus Detroit, Motowns legendäre Hausband, bekamen endlich offiziellen Credit, dazu gesellte sich die Session-Elite der Westküste. Bassist James Jamerson hatte den Motown-Sound am E-Bass mitbegründet, und weil er zu dieser Zeit mit Alkoholproblemen kämpfte, sprang der Jazzmusiker Wilton Felder von THE CRUSADERS ein. Dessen Bandkollege Joe Sample steuerte am Piano die eleganten Jazz-Akkorde bei, während Gitarrist David T. Walker, Schlagzeuger Uriel Jones und Perkussionist Eddie Brown den Puls der Platte lieferten. Fast den gesamten Hintergrundgesang sang Marvin Gaye selbst ein, Spur für Spur auf 16-Spur-Bändern übereinandergeschichtet, bis aus einer Stimme ein ganzer Chor aus Lead, Falsett und geflüsterten Ad-libs wurde, ein intimes Zwiegespräch mit sich selbst, technisch seiner Zeit weit voraus.

Die Reaktionen damals waren gespalten. Die Musikpresse feierte die Reife der Platte, konservative Hörer und Radiosender reagierten geschockt. Verkauft hat sich ´Let’s Get It On´ trotzdem wie kein Album zuvor in Marvin Gayes Karriere bei „Motown“, erreichte Platz 2 der US-Album-Charts und brachte ihm mehr kreative Freiheit ein. Heute steht es auf der Liste der 500 besten Alben aller Zeiten, wurde in die „Grammy Hall of Fame“ aufgenommen und gilt als Blaupause für „Quiet Storm“ und eine ganze Generation sinnlicher R&B-Musik von Prince bis D’Angelo.

Wer dem Original heute noch näherkommen will, kann das jetzt mit der neuen „Definitive Sound Series“ tun. Die „One-Step-Pressung“ ist weltweit auf 3.000 nummerierte Exemplare limitiert, die Pressmatrize entsteht bei „Record Technology, Inc.“ in den USA direkt aus dem originalen Lack-Master, ohne die galvanischen Zwischenschritte. Das analoge Mastering davor übernahm Chris Bellman bei Bernie Grundman Mastering, und das Ergebnis überzeugt. Marvin Gayes übereinandergeschichtete Gesangsspuren trennen sich klarer als je zuvor, und ausgerechnet ´You Sure Love To Ball´ gewinnt am meisten, weil der früher recht dominante, dumpfe Bass jetzt straffer sitzt und Bläsern wie Streichern mehr Raum lässt. Im Vergleich liegt die neue DSS-Pressung bei Klarheit, Dynamik und Rauschfreiheit klar vorn, und wer kein tadelloses Original besitzt, bekommt ohnehin die sauberste Version, die es derzeit gibt.

Über fünfzig Jahre nach seiner Veröffentlichung bleibt ´Let’s Get It On´ das Album, an dem sich jede gewagte R&B-Platte seither messen muss, und mit dieser Pressung klingt diese Herausforderung so unverschämt gut wie nie.

Klassiker.

https://www.facebook.com/MarvinGaye

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"