
9. August 1995, „Sony Music Studios“, New York. Keine Nebelmaschine, kein Blutspucken, keine meterhohen Plateaustiefel, nur ein paar Akustikgitarren, ein karg beleuchtetes Studio und vier Männer, die sich seit sechzehn Jahren nicht mehr gemeinsam auf einer Bühne gesehen hatten. Was an diesem Abend für ´MTV Unplugged´ mitgeschnitten wurde, sollte die Geschichte von KISS für immer verändern, und das Paradoxe daran, es geschah ausgerechnet in dem Moment, in dem die Band ihre komplette Identität ablegte. Keine Masken, kein Make-up, kein Feuer, dafür das einzige Mal in der gesamten Bandgeschichte, dass die vier Originalmitglieder überhaupt öffentlich ohne ihre Schminke zusammen auftraten, und trotzdem, oder gerade deshalb, einer der legendärsten Abende, die die Band je hingelegt hat.
Paul Stanley und Gene Simmons hielten die aktuelle Besetzung mit Bruce Kulick an der Gitarre und Eric Singer am Schlagzeug fest im Griff, bühnenerprobt, durchtrainiert, tourgestählt bis in die Fingerspitzen. Und dann griffen sie zum Telefon und luden zwei Männer ein, die seit Jahren durch kleinere Clubs zogen und finanziell alles andere als auf Rosen gebettet waren, Ace Frehley und Peter Criss. Kein Vertrag, keine Zusage auf irgendeine Zukunft, nur ein vorsichtiges Antasten nach dem Motto, schauen wir mal, ob wir uns überhaupt noch riechen können. Dass es überhaupt so weit kam, verdankt die Band den eigenen Fanconventions, wo die Anhänger die obskursten Songs verlangten, Stücke, die seit fünfzehn, zwanzig Jahren oder noch nie live gespielt worden waren. KISS büffelten brav nach, was gewünscht wurde. Diese Ernsthaftigkeit blieb nicht unbemerkt und MTV lud die Band für das offizielle Unplugged-Format ein. Den letzten Ausschlag gab aber ein einzelner Moment auf einer dieser Conventions, wo Peter Criss spontan zu den damaligen Tourmitgliedern auf die Bühne kam und ein paar Songs mitsang, laut Criss brachte erst dieser kurze Gastauftritt Gene Simmons auf die Idee, sowohl ihn als auch Ace Frehley für die Unplugged-Aufnahme einzuladen, als unangekündigte kleine Reunion mitten in der großen.
Hinter den Kulissen der Proben in den New Yorker „SIR Studios“ ging es alles andere als harmonisch zu. Zwei Lager standen sich gegenüber, Stanley und Simmons leiteten mit eiserner Disziplin, während Frehley und Criss als Gäste anreisten und das Machtgefälle sofort spürten, manche Tage blieben sie den Proben sogar fern, weil im Hintergrund zähe Verhandlungen zwischen Anwälten liefen. Und doch, kaum saßen die beiden alten Haudegen wieder zusammen im Raum, war die alte Chemie sofort da. „Wir behandelten uns gegenseitig mit Respekt“, erinnerte sich Peter Criss später, „es war, als wäre nie etwas passiert.“ Dabei hatten beide mit einem ganz eigenen, sehr menschlichen Problem zu kämpfen, Criss‘ Timing am Schlagzeug war eingerostet, Eric Singer musste bei den Proben leise hinter ihm mitklopfen, um ihn im Takt zu halten, und Frehleys Finger waren für die schnellen Läufe seines Signature-Songs ´Shock Me´ auf der Akustikgitarre nicht mehr geschmeidig genug. Also sang er lieber das rhythmisch schlichtere Cover ´2,000 Man´ und niemand nahm es ihm übel, im Gegenteil, das Stück wurde zu einem der Höhepunkte des Abends, rotzig, stampfend, mit der charmant limitierten Stimme, für die man Ace Frehley liebt.

Musikalisch ist das, was die Band aus ihrem eigenen Katalog herausholte, streckenweise atemberaubend. ´Goin‘ Blind´ verliert seinen fast psychedelischen Studio-Schleier, getragen vom Zusammenspiel von Bruce Kulick und Paul Stanley, und bekommt durch Kulicks spanisch angehauchtes Akustiksolo eine Zerbrechlichkeit, die dem Thema von Alter und Einsamkeit viel gerechter wird als das Original. ´A World Without Heroes´, ausgerechnet von jenem 1981er-Album, das die Band selbst bis heute am liebsten verleugnet, wird bis auf Simmons‘ Stimme, sanft gezupfte Akustikgitarren und minimale Percussion heruntergebrochen und wirkt plötzlich wie die reifste Songwriting-Leistung des ganzen Abends.
Bei ´Beth´ sitzt Peter Criss ganz allein vorne am Mikrofon, ohne das wuchtige Klavier und das Streichorchester des Originals, nur Stanley und Kulick auf zwei Akustikgitarren im Hintergrund, und seine raue, angeschlagene Stimme trifft dadurch direkter als je zuvor. Bei ´Every Time I Look At You´ holt sich die Band ein kleines, von Jon Grindstaff geleitetes Streicherensemble auf die Bühne, und Kulick reproduziert sein eigenes, legendäres Gitarrensolo Note für Note auf der Akustikgitarre, was live unglaublich zerbrechlich wirkt. Und ´Domino´ verwandelt sich aus einem tief gestimmten Riff-Monster in eine perkussive Akustik-Nummer, die an Aggression nichts verliert, aber massiv an Groove gewinnt.
Der emotionale Gipfel liegt trotzdem in den Momenten, in denen alle sechs Musiker gemeinsam auf der Bühne stehen, etwas, das vorher nie und danach nie wieder passierte. Bei ´Nothin‘ To Lose´ übernehmen ausnahmsweise Eric Singer und Peter Criss gemeinsam den Leadgesang, während Frehley seine typischen, leicht stolpernden, aber hochmelodischen Blues-Licks beisteuert, aus einem schweren Klavier-Rocker wird eine ausgelassene Probenraum-Party. Und zum großen Finale, ´Rock And Roll All Nite´, teilen sich alle sechs die Mikrofone, ohne Pyrotechnik, ohne Konfettiregen, nur pure Freude über eine Band, die sich gegen alle Widerstände wiedergefunden hat.

Die Kritik, die KISS in den frühen Neunzigern oft nur noch als Relikt der Siebzigerjahre abgetan hatte, musste ihre Meinung an diesem Abend gründlich revidieren, plötzlich nahm man das starke, klassische Songwriting wahr, das die ganze Zeit unter all dem Feuerwerk gesteckt hatte, und Paul Stanley erntete für seine gesangliche Leistung bei ´I Still Love You´ besonderen Respekt, schließlich sang er mit einer angeknacksten Rippe, die er sich wenige Tage vor der Aufzeichnung bei den Proben zugezogen hatte, bis hinauf in ekstatische, markerschütternde Schreie. Kommerziell war der Abend ohnehin ein Volltreffer, das Album stieg im März 1996 bis auf Platz 15 der US-Billboard-Charts und erreichte in kürzester Zeit Gold-Status, während MTV die Sendung in Heavy Rotation laufen ließ.
Damals galt all das vor allem als historisches Medienereignis, der Schock- und Nostalgiefaktor der Reunion überstrahlte fast die Musik selbst, und für Band und Management war der Abend ein risikofreies Abtasten, ob sich eine ganze Welttournee in Originalbesetzung überhaupt noch tragen würde. Heute, mit jahrzehntelangem Abstand, hat sich der Blick verschoben. Gefeiert wird längst nicht mehr nur das Spektakel der Wiedervereinigung, sondern das nackte, von Schminke und Pyrotechnik befreite Songwriting-Talent einer Band, der man das kaum noch zugetraut hatte. In Rückblicken wird das Konzert gerne in einem Atemzug mit den Unplugged-Sessions von NIRVANA oder ALICE IN CHAINS genannt, nur dass dort düstere Melancholie herrschte, während KISS ein intimes, aber zutiefst feierliches Rock’n’Roll-Fest daraus machte.
Die 30th-Anniversary-Vinylausgabe holt sich das bunte Kostüm nun wenigstens fürs Cover zurück, das die Musik selbst nie getragen hat. Die Premium-2LP-Edition kommt im gelb-rot marmorierten Farbvinyl und erstmals überhaupt in einem Klappcover mit metallisch glänzender Reliefprägung, dazu unveröffentlichte Proben- und Backstage-Fotos und ein exklusives Poster. Für Sammler mit tieferen Taschen gibt es zusätzlich eine auf 1.000 Stück limitierte Picture-Disc-Variante mit Silberfolien-Cover. Klanglich schlägt die neue Pressung die vielkritisierte Version von 2014 deutlich, die Nuancen der Akustikgitarren, Simmons‘ pumpender Akustikbass und vor allem Eric Singers feine Besenarbeit am Schlagzeug kommen so transparent zur Geltung wie nie zuvor, wärmer und näher am analogen Original-Master der „Sony Studios“ als jede frühere Ausgabe.
Am Ende bleibt die schönste Ironie dieses Albums, dass die Band, die wie keine andere für Maske und Inszenierung steht, ihre vielleicht ehrlichste Stunde ausgerechnet dann erlebte, als sie beides ablegte.



