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KRIS DAVIS TRIO – Lost In Geneva

2026 (4166 records) - Stil: Stil: Contemporary Jazz / Avantgarde / Post-Bop

Man setzt die Kopfhörer auf, macht die Augen zu – und hängt sofort drin. Dieser Moment, wenn der Lärm der Stadt draußen bleibt, aber die Musik im Kopf einfach weiterschlägt. Dieses Gefühl fängt Kris Davis hier ein. Tourneestress, Jetlag, irgendwo zwischen zwei Flughäfen den Kopf verlieren. Wer viel unterwegs ist, kennt das. Zusammen mit Robert Hurst am Kontrabass und Johnathan Blake am Schlagzeug verwandelt die Pianistin diese Orientierungslosigkeit in elf Stücke, die absolut unter die Haut gehen. Eingespielt in den “Oktaven Audio Studios” in Mount Vernon, NY, klingt die Scheibe unfassbar nah und organisch.

Das Schöne daran ist, dass die drei sich nicht verzetteln. Schon beim Opener ´The Subtext´ flirren die Klavierläufe ungebremst. Robert Hurst zieht eine tief brummende Spur, während Johnathan Blake am Schlagzeug die verrücktesten Sachen macht. Direkt danach schaukelt sich ´Congestion Pricing´ – eine augenzwinkernde Abrechnung mit dem New Yorker Verkehrschaos – aus einem ruhigen Bass-Solo hoch, bis die Tasten knallen und das Schlagzeug wie eine Hupkonzert-Kaskade durchs Zimmer walzt. Der anschließende Titeltrack ´Lost In Geneva´ bringt das Gefühl von Verlorensein auf den Punkt, ohne dass die Musik auseinanderfällt.

Bei ´Where Does That Tunnel Go?´ klinkt sich Kris Davis dann kurz aus und überlässt Hurst und Blake das Feld für ein wildes Duo. Ganz anders danach ´The Ballerina´, denn das tänzelt auf einem ganz schmalen Grat zwischen Notenblatt und freier Improvisation.

Überhaupt steuert das Album in der zweiten Hälfte immer wieder Richtung Natur und freiere Formen. Das melancholische ´Mourning Dove´ und der dekonstruierte Blues bei ´The Bluesy Bird In Bob’s Backyard´ ebnen den Weg für das heimliche Highlight, nämlich die Bearbeitung von Morton Feldmans ´Nature Piece 5´. Kris Davis nimmt hier einfach den allerhöchsten Ton des Klaviers und nutzt ihn gar nicht als Melodie, sondern als trockenen Backbeat. Verrückte Idee, aber es funktioniert genial. Das vertrackte, detektivische ´Clues´ und das zappelige, fast aggressive ´The Deer Fly´ treiben die Spannung noch einmal hoch, ehe das schwebende ´Northern Flicker´ den Hörer ganz leise wieder in die Realität entlässt.

Eine Platte zum Durchatmen und Immer-wieder-Hören. Absoluter Pflichtstoff für jeden, der offenen Akustik-Jazz mit Seele liebt.

(9 Punkte)

https://www.facebook.com/krisdavismusic

 

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