
SYKOFANT – Red Sun Leaves
2026 (Sycophantastic Records/Just For Kicks Music) - Stil: Progressive Rock / Heavy Psychedelic / Folk Prog
Dunkler Nebel steigt über den skandinavischen Wäldern auf, während aus der Tiefe des Osloer Untergrunds ein gewaltiger Tonkomplex emporsteigt. Die norwegische Ausnahmeformation SYKOFANT liefert zwei Jahre nach ihrem fulminanten Debüt ihren zweiten Streich ab und fegt wieder jegliche Genregrenzen eiskalt hinweg. Mit ´Red Sun Leaves´ schmelzen die vier Musiker ihre beiden zuvor erschienenen EPs ´Red Sun´ und ´Leaves´ zu einem Sechstracker zusammen, der auf knapp sechsundvierzig Minuten den dramatischen Wandel von brennender Wüstenhitze hin zu mystischer Waldromantik vollzieht.
Gleich zu Beginn entlädt sich auf der A-Seite eine rohe, ungezähmte Riff-Gewalt. Frontmann Emil Moen schleudert dem Hörer im Eröffnungsstück ´Ashes´ seinen emotional aufgeladenen Gesang entgegen, während Sindre Haugen am Bass eine tonnschwere Frequenz durch die Lautsprecher jagt. Leadgitarrist Per Semb lässt die Saiten in schwindelerregenden Höhen aufheulen, während Melvin Treider am Schlagzeug wie ein Besessener zwischen meisterhafter Jazz-Dynamik und knochenharten Rock-Salven wechselt.
Der Titeltrack ´Red Sun´ entführt den Hörer in schwebende, psychedelische Welten. Die cineastische Dichte der hallenden Gitarren beschwört augenblicklich den Geist von PINK FLOYD herauf. Das anschließende neunminütige Schwergewicht ´Embers´ lässt wiederum die majestätische Riff-Eroberung von LED ZEPPELIN und RUSH mit düsterer Neunziger-Atmosphäre kollidieren, ehe unheimliches Hundegebell und orientalische Töne eine spürbare Gänsehaut erzeugen.
Mitten im Album vollzieht das Quartett eine verblüffende Häutung. Auf ´Roots And Canopy´ übernehmen feingliedrige Akustikgitarren das Zepter, verbreiten ein wohliges, folkiges Gefühl und verneigen sich ehrfurchtsvoll vor den Siebzigerjahren. Ehe man sich versieht, bricht das kurze Intermezzo ´Mycelium March´ aus dem Gestrüpp hervor und lässt den Hörer mit einer überraschend dreckigen Funk-Basslinie staunen.
Das unangefochtene Glanzstück der Platte bildet das über sechzehnminütige Epos ´Heart Of The Woods´. Hier bündeln SYKOFANT ihre gesamte musikalische Strahlkraft. Sanfte Akustik-Arpeggios, epische Gitarrensoli im Stile klassischer SCORPIONS-Heldentaten und ein erhabener Sakralchor – getragen von Mina Storrud, Marie Luren, Helga Tenold Fridtun, Jørgen Johan Stykket und Tormod Foldøy Hageberg – lassen die Grenzen zwischen Natur und Mensch vollends verschwimmen.
Dieses Album verlangt nach Dunkelheit und Lautstärke – und natürlich nach einer sich drehenden Nadel auf schwarzem Gold.
(8,5 Punkte)



