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THE CRANBERRIES – Live At The London Astoria II, 1994

2026 (Island/Universal Music Enterprises) - Stil: Alternative / Indie / Rock

Charing Cross Road, London, der 14. Januar 1994. Kalte Winterluft draußen, drinnen drängen sich kaum tausend Menschen in ein stickiges Untergeschoss, das einst als Lagerhaus der Lebensmittelfirma “Crosse & Blackwell” diente, bevor es zum Konzertsaal wurde. THE CRANBERRIES kehren an diesem Abend im Londoner “Astoria II” bewusst in eine kleine Location zurück, frisch von einer zehrenden US-Stadiontour im Vorprogramm von DURAN DURAN, gegönnt hatten sie sich dazwischen nur eine kurze Weihnachtspause. Keiner der verschwitzten Zuschauer vor der tiefen Bühne ahnt, dass diese vier jungen Iren binnen weniger Monate zu globalen Megastars aufsteigen werden.

1994 steht Irland plötzlich im Zentrum der Rockwelt, und THE CRANBERRIES tragen einen erheblichen Teil dieser Aufmerksamkeit mit. Die naheliegenden Vergleiche mit U2 trafen nie wirklich den Kern, THE CRANBERRIES agierten leiser und verletzlicher, näher an Sinéad O’Connors politischer Direktheit als an U2s Stadion-Pathos. Musikalisch bewegten sie sich zwischen dem verträumten Gitarren-Jangle von THE SUNDAYS und dem introspektiven Songwriting von R.E.M., während Dolores O’Riordans Stimme, mal engelhaft zart, mal wild aufheulend, keiner dieser Bands wirklich ähnelte.

Im Vergleich zum seidenweichen Dream-Pop des Debütalbums ´Everybody Else Is Doing It, So Why Can’t We?´ klingen die Instrumente an diesem Abend ungestümer und rauer, Noel Hogans Gitarren schroffer und unpolierter, als es die Studioaufnahmen je zuließen, während gleich sechs brandneue Songs des kommenden Albums ´No Need To Argue´ zum ersten Mal öffentlich getestet werden, Monate bevor die Platte überhaupt fertig aufgenommen ist. Fergal Lawler treibt die Songs mit einem trockenen, erdigen Punch nach vorne, während Mike Hogans Bass der gesamten Darbietung ein unerschütterliches Fundament verleiht. Was man hört, ist eine Band mit einer Selbstsicherheit, die sich viele Gruppen erst über Jahrzehnte erarbeiten.

´Pretty´ und ´Dreaming My Dreams´ eröffnen den Abend fast schüchtern, dicht und verträumt, Dolores O’Riordans Stimme steht von der ersten Sekunde an im Zentrum. Dann kommt schon Song drei, ´Linger´, und mit ihm der erste große Ausbruch des Abends. Ohne das sanfte Streichquartett der Studiofassung trägt die klassische Vierer-Besetzung den Song allein, was ihm eine deutlich intimere, verletzlichere Note gibt, und das Publikum übernimmt den Refrain so vollständig, dass man auf der Aufnahme kaum noch zwischen Band und Halle unterscheiden kann.

Mit ´Ridiculous Thoughts´ und dem über sechsminütigen ´Daffodil Lament´ betritt die Band unbekanntes Terrain, hörbar noch nicht bis ins letzte Detail durchproduziert, dafür roher und direkter als die späteren Studioversionen. ´How´ und ´Everything I Said´ zeigen die raue Indie Rock-Seite, ´Not Sorry´ und ´Waltzing Back´ ziehen die Rhythmusfraktion nach vorn, bevor mit ´Dreams´ das reguläre Set in kollektiver Ekstase endet, Dolores O’Riordan schmettert die jodelnden Schlussvocals fehlerfrei ins Mikrofon, während die Halle bereits kocht.

Dann, als elfter Song und Zugabe, folgt der Titel, der alles verändern wird. Dolores O’Riordan tritt ans Mikrofon und spricht schlicht ins Publikum, „This one is called ‘Zombie'”. Die Stille danach ist auf der Aufnahme fast greifbar, das Publikum hat den Song noch nie gehört, das Studioalbum erscheint erst sieben Monate später. Was folgt, ist ein roher, feuriger Urknall. Das Schmerzgedicht über den IRA-Bombenanschlag von Warrington entlädt sich in einer schlankeren, ungezähmteren Version, als es die später berühmt gewordene Grunge-Wand des Studios je war. Dolores O’Riordan singt sich die Seele aus dem Leib und hinterlässt ein überrumpeltes Publikum im Jubelsturm.

´Liar´, bekannt aus dem Soundtrack zum Film “Empire Records”, und die B-Seiten-Rarität ´So Cold In Ireland´ halten den Schwung, bevor das Album bei seinen stärksten Schlussmomenten landet. ´Empty´ reduziert sich auf das nackte Minimum aus Gitarre, Bass, Drums und Stimme, und ´Still Can’t´ entlässt das erschöpfte, aber glückliche Publikum mit treibendem, funkigem Gitarren-Groove in die Londoner Nacht.

Dass diese Aufnahme heute überhaupt existiert, verdankt sich einem jener glücklichen Archivfunde, die sich niemand hätte erhoffen können. Jahrzehntelang kursierte der Mitschnitt nur als schwacher VHS-Abzug, später als DVD, doch als eigenständiges Audiodokument blieb er all die Jahre unveröffentlicht, bis er für 2026 komplett neu abgemischt wurde. Fergal Lawler erinnert sich an den Abend als einen Moment purer Erleichterung, frisch zurück von der US-Tournee und einer kurzen Weihnachtspause, während Noel Hogan die Rückkehr ins Astoria als riesigen Schritt beschreibt, verglichen mit den kleinen Londoner Clubs, in denen die Band nur wenige Jahre zuvor noch spielte.

Das “Astoria II” existiert heute nicht mehr. Der Saal, in dem THE CRANBERRIES an jenem Abend spielten, war ursprünglich also jenes Lagerhaus von Crosse & Blackwell, ab 1927 zum Tanzsaal umgebaut und über Jahrzehnte eine der wichtigsten Live-Adressen Londons. Im Januar 2009 legten Bagger und ein Enteignungsbeschluss den gesamten Gebäudekomplex für den Bau der Crossrail-Bahnstrecke in Schutt und Asche, das letzte Konzert dort fand am 14. Januar 2009 statt, exakt fünfzehn Jahre nach dem Abend, den diese Platte dokumentiert.

Innerhalb der Diskografie schließt ´Live At The London Astoria II, 1994´ ohnehin eine Lücke, die lange offen blieb. Während das MTV-Unplugged-Konzert vom Februar 1995, dessen komplette Aufnahme erst 2025 offiziell erschien, die Band bereits auf dem kommerziellen Zenit im akustischen Gewand zeigt, dokumentiert die Astoria-Show den elektrischen, ungeschliffenen Moment davor, noch unberührt vom bevorstehenden Weltruhm. Im Licht von Dolores O’Riordans frühem Tod 2018 bekommt diese Aufnahme eine zusätzliche, schwer zu beschreibende Schwere. Der Saal ist verschwunden, die Stimme ist verstummt, übrig bleibt nur das Band, und darauf eine junge Gruppe voller Selbstvertrauen und Hunger, die nicht ahnen konnte, wie kurz das Fenster tatsächlich bleiben würde.

Erhältlich ist die Aufnahme als Doppel-LP, wahlweise auf klassischem schwarzem Vinyl oder in einer limitierten, rot-orange marmorierten Molten-Lava-Edition, dazu als CD und digital. Das Gatefold-Cover zeigt eine Foto-Collage aus bislang unveröffentlichten Konzert- und Backstage-Aufnahmen jener Nacht. Die Neuabmischung klingt deutlich sauberer und druckvoller, als man es einem Live-Mitschnitt dieses Alters zutrauen würde, und bewahrt dabei die raue Atmosphäre des Abends.

´Live At The London Astoria II, 1994´ ist ein ehrliches Zeitdokument einer Band im schönsten aller Übergangsmomente, zu groß für kleine Clubs, noch nicht verbraucht von der Stadionwelt, die nur Monate später auf sie wartete. Wer THE CRANBERRIES nur von den großen Radiohits kennt, hört hier, wie unfertig, hungrig und lebendig diese Songs einmal waren, bevor sie zu Klassikern wurden. Diese eine Nacht lässt sich nirgendwo mehr nachstellen, nicht einmal am selben Ort, umso wertvoller ist es, dass wenigstens das Band überlebt hat.

https://www.facebook.com/TheCranberries

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