
SATOKO FUJII ORCHESTRA KOBE – After The Storm
2026 (Libra Records) - Stil: Jazz/Avantgarde
Manche Freigeister scheren sich nicht um bequeme Konsens-Floskeln, und wenn Satoko Fujii den Taktstock hebt, zittern die Grundfesten konventioneller Hörgewohnheiten. Wer geglaubt hatte, die letzten Jahre hätten den unbändigen Tatendrang dieser japanischen Ausnahmekünstlerin gebrochen, sieht sich anno 2026 eines Besseren belehrt. Die Dirigentin und Komponistin meldet sich im Rahmen eines schier wahnwitzigen Fünf-Alben-Marathons zurück an der Front. Auf dem frischen Rundling ´After The Storm´ verzichtet sie selbst komplett auf den Platz am Pianohocker, um ihr 14-köpfiges Ensemble vor dem Publikum des Clubs Big Apple in Kobe in den puren Abgrund zu peitschen. Was die Truppe an diesem einzigen Abend im Februar auf Band brüllte, besitzt die rohe, ungeschminkte Gewalt einer Live-Eruption ohne jeden doppelten Boden.
Der Sechzehnminüter ´After The Storm 1´ schleicht sich wie ein finsterer Schatten an. Bassist Keishiro Saito zupft verstreute, karge Noten in die Dunkelheit, während andere die düstere Ruhe vor dem Orkan imitieren. Man wähnt sich fast im Reich des Dark Ambient, ehe das Orchester urplötzlich wie eine gewaltige Schallmauer zusammenbricht. Posaunist Yuichiro Tamagaki setzt zu leuchtenden Phrasen an, ehe Drummer Hiromasa Sadaoka das Geschehen vollends aus den Angeln hebt. Wenn dann Tenorsaxofonist Tsutomu Takei seine Seele aus dem Leib kreischt und Gitarrist Takumi Seino verzerrte Saitenattacken durch den Raum prügelt, bleibt kein Stein auf dem anderen. Das ist kein sanftes Plätschern, sondern ein tonales Inferno, das in einer majestätischen Wiederkehr des Hauptthemas seinen triumphalen Abschluss findet.
Im anschließenden ´After The Storm 2´ zieht Satoko Fujii dem Hörer eiskalt den Teppich unter den Füßen weg. Die Truppe setzt mit beinahe klassischem Big-Band-Swing an, nur um die vermeintliche Ordnung Sekunden später in Trümmer zu legen. Baritonsaxofonist Keizo Nobori, Trompeter Natsuki Tamura und Klampfer Takumi Seino werfen sich wilde Riff-Fetzen zu. Es knallt an allen Ecken und Enden. Trompeter Natsuki Tamura feuert glühende Salven ins Getümmel, woraufhin Schlagzeuger Hiromasa Sadaoka nahtlos den Staffelstab übernimmt und ein rasant peitschendes Solo im Höllentempo auf das Parkett legt. Das Orchester agiert wie eine Naturgewalt auf dem Scheitelpunkt zwischen Art Ensemble of Chicago und der monumentalen Strahlkraft eines DUKE ELLINGTON.
Das kürzere ´After The Storm 3´ brettert im Eiltempo los, um unvermittelt in düstere, kammerartige Texturen abzutauchen. Posaunistin Yasuko Kaneko und Gitarrist Takumi Seino werden im rasenden Tempo zu halsbrecherischen Läufen getrieben, während das Schlagzeug-Duo aus Yoshikazu Isaki und Hiromasa Sadaoka unermüdlich neue Rhythmus-Kaskaden aufschichtet.
Das finale Epos ´After The Storm 4´ setzt dem Spektakel die Krone auf. Trompeter Rabito Arimoto brennt ein schieres Wunderwerk an Solokunst in das Gehirn des Hörers, ehe Takumi Seino endgültig im vollendeten Sonny-Sharrock-Modus am Rad dreht. Seine Gitarre spuckt Gift und Galle, kreischt und rotiert wie eine Säge durch das Gebälk, während das gesamte Ensemble dahinter ein episches, feierliches Abschlussthema aufbaut. Dieser schroffe Bastard aus freier Improvisation, metallischer Härte und schwelgerischer Harmonie fordert absolute Hingabe. Ein wuchtiges Monument aus Schweiß und Risikobereitschaft, erschienen auf “Libra Records”.
(9,5 Punkte)



