
John Robb: Punk Rock – Die ganze Geschichte
„Punk war wie loszufahren, ohne Straßenkarte, ohne Adresse. Es war, als hätte jemand ein Auto geklaut und gerufen: ‚Wer kommt mit?‘“- Jimmy Pursey, SHAM 69
Viel besser lässt sich kaum beschreiben, was John Robb in „Punk Rock – Die ganze Geschichte“ auf mehr als 500 Seiten zusammengetragen hat. Denn Punk war keine Bewegung mit Gebrauchsanweisung. Niemand hatte eine Straßenkarte, niemand kannte das Ziel – und vermutlich war gerade das der entscheidende Punkt. Was später zur Musikgeschichte werden sollte, begann mit einer überschaubaren Zahl von Leuten, wenig Geld, viel Wut und dem ziemlich radikalen Gedanken, dass man nicht darauf warten musste, bis irgendjemand einem die Erlaubnis gab, selbst etwas auf die Beine zu stellen.
Zum 50. Punk-Jubiläum erscheint Robbs lange vergriffener Klassiker der Punk-Geschichtsschreibung nun endlich wieder auf Deutsch – in einer überarbeiteten Neuauflage, übersetzt von Martin Büsser und Chris Wilpert und mit einem Vorwort von Glen Matlock von den SEX PISTOLS. Das ist mehr als ein hübscher Anlass für eine Neuauflage. Denn beim Lesen wird schnell klar, warum dieses Buch nach all den Jahren noch immer etwas zu erzählen hat.
Robb versucht gar nicht erst, Punk im Nachhinein ordentlich zu sortieren und ihm eine hübsche historische Schublade zu verpassen. Kein Urknall, kein Höhepunkt, kein sauberer Tod, fertig. Stattdessen lässt er die Leute erzählen, die damals mittendrin waren. Musiker, Manager, Journalisten, Roadies, DJs, Künstler und Fans kommen zu Wort, und aus diesen vielen Erinnerungen entsteht ein glaubwürdiges Bild. Jeder hatte seinen eigenen Punk, seine eigene Geschichte, seine eigene erste Platte, seinen eigenen Laden, seinen eigenen Club und natürlich auch seine eigene Wahrheit darüber, was das alles eigentlich sollte.
Damit ist man ziemlich schnell mitten in einer Zeit, in der noch niemand wusste, dass er gerade Geschichte schreibt. Das ist vielleicht der größte Unterschied zu vielen späteren Punk-Büchern. Wir wissen heute, wer die PISTOLS waren, wir kennen THE CLASH, THE DAMNED, BUZZCOCKS, SIOUXSIE, THE SLITS und all die anderen Namen, die inzwischen fest zum Kanon gehören. Damals waren das keine Ikonen. Es waren junge Leute mit wenig Geld, merkwürdigen Klamotten, kaputten Verstärkern, selbstgemachten Platten und ziemlich viel Wut im Bauch. Die Szene war klein, die gesellschaftliche Isolation groß und niemand konnte wissen, dass aus diesem kurzen, hässlichen, lauten Moment einmal eine der einflussreichsten Bewegungen der Popgeschichte werden würde.
Robb macht deshalb etwas sehr Richtiges. Er beginnt nicht erst bei ´Anarchy In The U.K.´, sondern gräbt tiefer und verfolgt die Spuren zurück bis zu den Wurzeln, die zwischen Rock’n’Roll, Mod-Kultur, Glam Rock und den frühen Siebzigern liegen. Malcolm McLaren und Vivienne Westwood gehören selbstverständlich dazu, aber auch die Klamottenläden, die Kunstszene, die alten Mods und die Frage, wie wichtig Kleidung überhaupt für diese neue Jugendkultur war. Eine Erinnerung von Marc Pirroni bringt dabei wunderbar auf den Punkt, wie anders die Welt damals war. Ein schwarzes T-Shirt war Anfang der Siebziger in England offenbar keineswegs selbstverständlich zu bekommen. Heute klingt das beinahe lächerlich. Damals konnte schon ein Kleidungsstück eine Haltung markieren.
Überhaupt ist es diese Detailversessenheit, die das Buch immer wieder aus der üblichen Punk-Erzählung herauszieht. Robb interessiert sich für die großen Platten und die großen Namen, vor allem aber für die Atmosphäre, aus der das Ganze entstanden ist. Für die Orte, die Menschen, die kleinen Szenen und die erstaunlich geringe Distanz zwischen Zuschauer und Musiker. Punk war zunächst kein großes Geschäft und keine professionelle Industrie. Er war eine Angelegenheit von Leuten, die sich kannten, die sich auf Konzerten trafen, Platten austauschten, Bands gründeten und ihre eigenen Wege suchten. Gerade weil es keine fertige Anleitung gab, konnte beinahe alles daraus werden.
Das macht auch die Frage so spannend, was Punk überhaupt gewesen ist. Robb liefert darauf keine bequeme Antwort, und seine Zeitzeugen tun es ebenfalls nicht. War es Klassenkampf? Das Auffangbecken für die Wütenden? Dada? Situationismus? Eine neue Form von Anti-Mode? Ein Angriff auf Geschlechterrollen? Nihilismus? Der Versuch, die angestaute Wut der Jugend in einer „No Future”-Attitüde zu kanalisieren? Oder mit möglichst viel Lärm aus den Erwartungen auszubrechen, die einem die Gesellschaft vor die Füße gelegt hatte? Die Antwort lautet wahrscheinlich ein bisschen von allem und manchmal auch gar nichts davon.
Je weiter man liest, desto deutlicher wird außerdem, dass Punk nie eine geschlossene Bewegung war. 1976 und 1977 wirken in der Rückschau wie ein großer Knall, doch kaum war die erste Explosion vorbei, begannen die Splitter in alle Richtungen zu fliegen. 1979 ist das besonders deutlich zu spüren. Aus Punk entwickeln sich Post-Punk, Two-Tone, Mod Revival, Psychobilly und die frühen Formen dessen, was später Gothic werden sollte. In London, Manchester, Liverpool und Sheffield entstehen eigene Szenen, eigene Sounds und eigene Regeln. Jeder nimmt sich aus dem ursprünglichen Punk-Impuls das heraus, was er gebrauchen kann, und macht daraus etwas Neues.
Hier liegt eine der interessantesten Erkenntnisse dieses Buches. Punk verschwindet nicht einfach. Er zerlegt sich. Er wird größer, indem er aufhört, eine einzige Sache sein zu wollen. THE CLASH können auf ´London Calling´ Rockabilly, Soul, Reggae, Jazz und Punk miteinander vermischen, während anderswo Bands entstehen, die mit dem klassischen Punk-Sound kaum noch etwas zu tun haben. Was zunächst wie das Ende einer Bewegung aussieht, ist in Wahrheit deren Ausbreitung. Punk hat sich selbst überlebt, indem er seine eigene Form immer wieder zerstört hat.
Natürlich hat diese Methode auch ihren Preis. „Punk Rock – Die ganze Geschichte” ist mit seinen mehr als 500 Seiten kein Buch, das man mal eben zwischen zwei Platten durchliest. Die vielen Stimmen, Erinnerungen und Schauplätze können gelegentlich überwältigen, und wer eine streng chronologische Geschichte mit klaren Übergängen erwartet, wird sich mitunter etwas verloren fühlen. Aber vielleicht ist das angemessen. Ein Buch über Punk, das sich vollkommen ordentlich liest, wäre schließlich beinahe verdächtig. Robbs Oral-History-Ansatz sorgt dafür, dass man neben den nackten Fakten auch spürt, wie widersprüchlich die Erinnerungen daran geblieben sind.
Das ist vielleicht das Schönste an diesem Buch. Die Beteiligten behandeln ihre eigene Vergangenheit keineswegs wie einen goldenen Schrein. Viele haben wenig Interesse daran, Punk nachträglich zur besseren Zeit ihres Lebens zu verklären. Gerade der alte „No Future”-Gedanke steht einer solchen Nostalgie ziemlich im Weg. Trotzdem wird deutlich, wie tief diese kurze Phase das Leben vieler Menschen geprägt hat. Wer damals in diese Szene geriet, nahm etwas davon mit, manchmal eine Band, manchmal einen Beruf, manchmal eine ganze Lebenseinstellung.
Vielleicht liegt darin auch die eigentliche Bedeutung von John Robbs Buch. Es erzählt, wie Punk entstanden ist, und mehr noch, warum Punk für diejenigen, die ihn erlebt haben, nie einfach wieder verschwunden ist. Man kann die Platten irgendwann ins Regal stellen, die Lederjacke in den Schrank hängen und den alten Club gibt es längst nicht mehr. Aber die Idee, dass man nicht darauf warten muss, dass irgendjemand einem die Erlaubnis gibt, etwas zu machen, bleibt. Eine Band gründen. Ein Konzert organisieren. Eine Platte aufnehmen. Einen Flyer drucken. Einen Laden aufmachen. Eine eigene Zeitung schreiben. Einfach anfangen.
An diesem Punkt wird dieses alte Punk-Buch plötzlich wieder ziemlich gegenwärtig. Nicht weil wir noch einmal 1977 spielen müssten. Das wäre ohnehin nur Karneval. Sondern weil Robb daran erinnert, dass Punk nie wirklich davon gelebt hat, dass drei Akkorde möglichst schnell gespielt wurden. Punk lebte davon, dass jemand irgendwann eine einfache Frage stellte. Warum eigentlich nicht?
John Robbs „Punk Rock – Die ganze Geschichte” ist deshalb kein Denkmal für Punk und schon gar kein nostalgischer Abgesang. Es ist ein ziemlich wilder Haufen Erinnerungen an eine Zeit, in der niemand wusste, wohin die Reise gehen würde. Deshalb sollte man dieses Buch nicht lesen, um die Vergangenheit ordentlich abzuhaken. Man sollte es lesen, um sich daran zu erinnern, wie sich eine Welt anfühlt, in der plötzlich jemand ein Auto klaut, den Motor startet und einfach losfährt.
Ohne Straßenkarte. Ohne Adresse. Aber mit verdammt viel Lärm im Kofferraum.
Punk Rock
Die ganze Geschichte
John Robb
Broschur, mit Abb.
Ca. 528 Seiten
15 × 22 cm
Erscheint 18. September 2026
28,00 € (inkl. MwSt.)
ISBN 978-3-95575-262-0



