
JON IRABAGON & DAN OESTREICHER – Saturday’s Child
2026 (Irabbagast Records) - Sti: Avantgarde-Jazz
Auf den ersten Blick sieht das Cover von ´Saturday’s Child´ mit zwei krakeligen Strichmännchen und scheinbar riesigen Instrumenten aus wie eine naive Kinderzeichnung, die man sich arglos an den Kühlschrank pinnt. Doch wer glaubt, hier handzahmen Jazz für den Sonntagnachmittag auf den Plattenteller zu legen, wird bereits nach wenigen Takten eines Besseren belehrt. Was sich hinter der kindlichen Fassade verbirgt, ist ein unbarmherziger, markerschütternder Ritt durch die tiefsten Frequenzen des Avantgarde-Jazz.
Die Rahmenbedingungen dieses Mitschnitts vom “Instigation Festival” im Chicagoer Club “Hungry Brain” grenzen an eine mutige Wahnsinnstat. Zwei Musiker, die sich zuvor persönlich noch nie begegnet sind, betreten am 24. September 2023 ohne eine einzige gemeinsame Probe die Bühne. Kein Plan, keine abgesprochenen Akkordfolgen, kein Sicherheitsnetz. Jon Irabagon, New Yorker Free-Jazz-Derwisch und Gewinner des renommierten Thelonious-Monk-Wettbewerbs, trifft auf Dan Oestreicher, der vielen als mächtiges Tiefton-Fundament aus der Funk-Maschine von TROMBONE SHORTY bekannt sein dürfte.
Dazu kommt das Instrumentarium mit dem seltenen, massiven Bass-Saxophon in B. Wo das gängige Baritonsaxophon in Es noch drahtig knurrt, wälzt sich das Bass-Saxophon mit einer orchestralen Urgewalt durch den Raum. Für Jon Irabagon ist die Session Teil seiner Mission, die gesamte Saxophon-Familie auf Tonträger zu bannen, und Dan Oestreicher erweist sich als kongenialer Sparringspartner.
Der Opener ´Mood Swings´ tastet sich noch wie ein vorsichtiger Gedankenaustausch heran, ehe ´Daycare Infantry´ das Tempo drastisch anzieht. Die beiden Bläser jagen sich in halsbrecherischen Läufen durch das tiefe Register, als gäbe es kein Morgen.
Doch dann folgt das absolute Herzstück der Platte, das knapp 17-minütige ´Medley: Molasses Candyland/Tag/Gripe´. Die Suite startet zähflüssig und dunkel, wechselt in ein Call-and-Response voller perkussiver Überblastechniken und mündet in ein tief grollendes Finale. Für den nötigen Ruhepol sorgt ´Waking Dreams´, bei dem Dan Oestreicher zur Bassflöte wechselt und zusammen mit Jon Irabagons sonorem Brummen einen dichten Klangteppich webt.
Nach dem rasanten Taumel von ´Sugar Rush´ wartet am Ende noch eine kleine Überraschung. Für den sogenannten ´Sugar Rush (Radio Edit)´ setzt sich Schlagzeuger Mike Pride an die Kessel. Mit stoischen, mechanischen Grooves verwandelt er das Duell in einen dadaistischen Punk-Jazz-Bastard, der klingt wie New Wave auf einem wilden Drogentrip.
´Saturday’s Child´ ist schwere Kost für Weichspüler-Ohren, belohnt abenteuerlustige Hörer aber mit purer, unfiltrierter Spielfreude. Zwei Meister ihres Fachs beweisen eindrucksvoll, wie viel Leben, Witz und rohe Energie in einem vermeintlich unhandlichen Blechungetüm stecken können.
(8,5 Punkte)



