
TIM BUCKLEY – Happy Sad
1969/2025 (Rhino Reserve) - Stil: Psychedelic Folk, Jazz Fusion
1969 dreht ein Zweiundzwanzigjähriger dem Folk-Erfolgsrezept den Rücken zu und nimmt sein drittes Album fast wie eine Jazz-Session auf. Heute gilt ´Happy Sad´ als eines der schönsten Missverständnisse seiner Zeit.
Die Techniker bei “Elektra Sound Recorders” lassen im Dezember 1968 einfach das Band laufen. Tim Buckley spielt mit seiner kleinen Besetzung live im Studio, ohne Overdubs, ohne Netz. Wenn ein Song ausufert, lässt man ihn ausufern, bis Tim Buckley die Luft ausgeht. Auf diese Weise entsteht ´Happy Sad´, sein drittes Album, im April 1969 veröffentlicht.
Vor ´Happy Sad´ verließ sich Tim Buckley auf seinen Schulfreund und Texter Larry Beckett, mit dem er die beiden Vorgänger ´Tim Buckley´ und ´Goodbye And Hello´ geschrieben hatte. Für dieses Album schreibt er zum ersten Mal jeden Text allein, denn Larry Beckett wird mitten im Vietnamkrieg zum Militärdienst eingezogen und steht schlichtweg nicht zur Verfügung. Der erzwungene Bruch wird zum Glücksfall. Ohne Becketts literarische, politisch grundierte Texte findet Buckley zu einer nackteren, verletzlicheren Sprache und beginnt, seine eigene Stimme vollends zu finden.

Eröffnet wird das Album mit ´Strange Feelin’´, das Rhythmus und Basslinie unverhohlen von Miles Davis’ ´All Blues´ borgt. Buckley machte nie ein Geheimnis daraus – er war zu dieser Zeit besessen vom modalen Jazz und wollte dessen Freiheit in den Folk übersetzen. Klassische Strophe-Refrain-Muster gibt es hier nicht mehr, stattdessen ein hypnotischer Groove, über dem David Friedmans Vibraphon die Rolle übernimmt, die im Jazz sonst dem Klavier zufällt.
Direkt danach schlägt ´Buzzin’ Fly´ einen wärmeren, zugänglicheren Ton an, getragen von seiner geschrammelten Zwölfsaitigen und Lee Underwoods jazzig eingefärbten Gitarrenlicks. Kurioserweise ist der Song eigentlich älter als der Rest der Platte und stammt noch aus Buckleys Highschool-Band.
Auch ´Love From Room 109 At The Islander (On Pacific Coast Highway)´ trägt eine kuriose Entstehungsgeschichte in sich. Das über zehnminütige Stück setzt sich aus zwei separaten Demos zusammen, und weil die Bandqualität stellenweise mangelhaft war, kaschierten die Produzenten ein technisches Brummen kurzerhand mit Meeresrauschen im Hintergrund. Aus einer Notlösung wurde eines der atmosphärischsten Details des ganzen Albums.
Emotional wird es auf der B-Seite mit ´Dream Letter´, einem nie abgeschickten Brief an seine Ex-Frau Mary Guibert und den gemeinsamen, damals zweijährigen Sohn. Voller Reue fragt Buckley, ob der Junge sich überhaupt an ihn erinnert. Erst Jahre später sollten sich Vater und Sohn wiedersehen. Der Junge hieß Jeff Buckley und sollte selbst zu einem der bedeutendsten Sänger seiner Generation werden.
´Gypsy Woman´ ist im Anschluss fast zwölf Minuten lang und wird von der wilden Congas-Percussion von Carter C.C. Collins und Buckleys stimmlichen Extremen getragen. Buckley schreit, jault, scatet und verlässt jede konventionelle Gesangslinie.
Den Schlusspunkt setzt ´Sing A Song For You´ – nach den wilden Improvisationen der Platte ein überraschend sanftes, traditionelles Wiegenlied, das noch einmal den Folk-Geist von ´Goodbye And Hello´ streift, bevor sich Buckley endgültig ins Experimentieren stürzt.

Produziert wurde das Album von Zal Yanovsky und Jerry Yester, beide ehemalige Gitarristen der LOVIN’ SPOONFUL. Yanovsky musste die Band 1967 verlassen, ausgerechnet Yester wurde sein Nachfolger. Dass die beiden trotzdem harmonisch zusammenarbeiteten, um Buckleys Jazz-Vision zu verwirklichen, galt in der Szene als kleine Sensation. Bei “Elektra Records” sorgte das Ergebnis dennoch für lange Gesichter. Nach dem Erfolg von ´Goodbye And Hello´ hatte man auf mehr Airplay gehofft, bekam aber sechs sperrige Jazz-Suiten. Ironischerweise wurde ´Happy Sad´ mit Platz 81 in den US-Billboard-Charts trotzdem zur kommerziell erfolgreichsten Platte seiner Karriere.
Heute steht ´Happy Sad´ in einem Atemzug mit Van Morrisons ´Astral Weeks´ und gilt als die Geburtsstunde jener Gesangstechnik, die Buckley später bei ´Starsailor´ bis zum Äußersten treiben sollte. Als Jeff Buckley in den Neunzigern selbst berühmt wurde, entdeckte eine neue Generation auch die schwebende Melancholie seines Vaters wieder.
Passend zum 75-jährigen Jubiläum von “Elektra Records” erschien ´Happy Sad´ im Jahr 2025 als Teil der audiophilen „Rhino Reserve”-Reihe: frisch von den Original-Analogbändern geschnitten durch Mastering-Legende Chris Bellman bei Bernie Grundman Mastering, gepresst auf 180g-Vinyl bei “Fidelity Record Pressing” in Oxnard.
Die absolute Stille zwischen den Rillen sticht sofort heraus, bei einem so leise instrumentierten Album mit Vibraphon, Kontrabass und Akustikgitarre der entscheidende Faktor. Daher ist ´Happy Sad / Rhino Reserve´ für alle, die kein makelloses Original mehr auftreiben können, derzeit schlicht die beste verfügbare Version.
´Happy Sad´ ist kein Album für den schnellen Konsum, aber ein zeitloser Kult-Klassiker des Folk-Jazz. Wer sich Zeit nimmt, hört einem jungen Sänger dabei zu, wie er seine eigene Stimme neu erfindet.



