
YES – Live At The Rainbow, London, England 12/16/1972
2025 (Rhino) - Stil: Prog Rock
Kalter Nebel wabert im Dezember 1972 durch das Londoner “Rainbow Theatre”, dichter Kunstrauch, der sich zwischen den bizarren, freischwebenden Felsformationen von Roger Dean staut und sich in den ersten Sitzreihen so massiv niederschlägt, dass manche Zuschauer die Band zeitweise nur noch erahnen können. Mehrere Abende in Folge spielen YES vor restlos ausverkauften Rängen, das Finale einer Welttournee, die die Band an die Grenze ihrer eigenen Virtuosität getrieben hat.
Was in dieser einen Nacht auf Band landet, muss über fünfzig Jahre auf seine eigentliche Bestimmung warten. Als 1973 das offizielle Livealbum ´Yessongs´ erscheint, wählt Produzent Eddie Offord nur einzelne Fragmente dieses Abends aus, den Schluss von ´Starship Trooper´, den Kern von ´Close To The Edge´, der Rest verschwindet für Jahrzehnte im Archiv. Fans, die ausschließlich diese eine Nacht hören wollten, blieben auf mittelmäßig klingenden Bootlegs sitzen. Erst mit der ´Close To The Edge´-Super-Deluxe-Edition und der eigenständigen 3-LP-Box ´Live At The Rainbow, London, England 12/16/1972´ bekommt dieser Abend endlich sein eigenes, vollständiges Denkmal.

Wenige Monate vor der „Rainbow“-Show hatte die Band mit ´Close To The Edge´ ein Album veröffentlicht, das im Studio buchstäblich aus Dutzenden Tonbandschnipseln zusammengesetzt wurde, weil die Titelsuite als unspielbar am Stück galt. Live im „Rainbow Theatre“ widerlegen YES diese Einschätzung Note für Note. Die hochkomplexen Gesangsharmonien und Taktwechsel laufen fehlerfrei durch, rauer als im Studio, mit einer Portion Adrenalin, die keine Bandschere je hätte einfangen können. Wo das Studioalbum aus der Distanz komponiert wirkt, lebt die „Rainbow“-Aufnahme im selben Moment, in dem sie entsteht.
Den Auftakt macht keine Band, sondern ein Tonband. Seit 1971 lassen YES das fulminante Finale aus Igor Strawinskys Ballett ´Der Feuervogel´ einspielen, ein majestätisches Orchesterstück, das die Halle in beinahe sakrale Stille taucht, bevor es nahtlos in den ersten echten Live-Moment des Abends übergeht. ´Siberian Khatru´ übernimmt als Opener, und wo die Studioversion kontrolliert und diszipliniert wirkt, feuert Alan White die Band live mit spürbar aggressiverem Schlagzeugspiel an, während Steve Howe seine Gitarren-Fills freier improvisiert, als es sich das Studio je erlaubt hätte.
´I’ve Seen All Good People´ beginnt als akustischer Folk-Pop mit Satzgesang, bevor er sich in einen stampfenden Blues-Rock-Jam verwandelt. Auf der Studiofassung verklingt der zweite Teil sauber ausgeblendet, live singt das Publikum die Friedenshymne im ersten Teil lautstark mit, und Steve Howe treibt das Finale mit seiner elektrischen Sitar-Gitarre zu einem deutlich härteren, abrupteren Schluss. ´Heart Of The Sunrise´ lebt live vom unbarmherzigen Zusammenspiel zwischen Chris Squires verzerrtem Bass und Alan Whites Drums, ohne Brufords klinische Studiopräzision gewinnt das Intro eine erdige, fast schwermetallische Wucht, die auf der Studioversion in dieser Rohheit nie zu hören war.

´And You And I´, das emotionale Herzstück von ´Close To The Edge´, bekommt live eine neue Farbe. Rick Wakeman ersetzt die sanften Mellotron-Streicher des Mittelteils durch schneidende analoge Minimoog-Synthesizer, während Steve Howe seine Steel-Gitarren-Parts hörbar emotionaler spielt als auf Platte. Die größte Prüfung des Abends bleibt danach der Titeltrack selbst. Wo ´Close To The Edge´ im Studio aus einzelnen Takes zusammengesetzt werden musste, spielt die Band die siebzehnminütige, vierteilige Suite am „Rainbow“-Abend fehlerfrei am Stück durch, ein technisches Wagnis, das damals als kaum realistisch galt.
Danach gehört die Bühne für einen Moment allein Rick Wakeman. Sein Soloauftritt ´Excerpts From The Six Wives Of Henry VIII´ nimmt Stücke seines eigenen, damals bald erscheinenden Soloalbums vorweg, live improvisiert er hinter seiner Burg aus Moogs, Hammond-Orgel und Mellotron freier und wilder als auf Platte und schmuggelt passend zur Jahreszeit die Melodie von ´Jingle Bells´ in seine klassisch inspirierten Orgel-Kaskaden.
´Roundabout´ öffnet mit einem noch freier ausformulierten Akustikgitarren-Intro als auf Platte, Chris Squires Bass dominiert die Live-Aufnahme ungleich härter, und die Band dehnt den funkigen Schlussteil für ausgiebige Keyboard- und Orgel-Duelle aus. Wo die Studioversion von ´Yours Is No Disgrace´ kaum die Zehn-Minuten-Marke knackt, explodiert der Song live zu einem über elfminütigen Improvisations-Monstrum, Steve Howe liefert hier eines der brillantesten und ausgedehntesten Gitarrensoli seiner gesamten Karriere. Zum Abschluss steigert sich ´Starship Trooper´ über seine drei Teile ´Life Seeker´, ´Disillusion´ und ´Würm´ zu einem monotonen, sich stetig aufschaukelnden Drei-Akkorde-Rondo. Das Finale wird live deutlich schneller gespielt, Steve Howe liefert ein wildes, verzerrtes Solo, während Rick Wakeman die Orgel bis an ihre Grenzen treibt, um den Abend spektakulär zu beenden.

Möglich wird die Aufnahme nur, weil Toningenieur Eddie Offord die „Rainbow“-Abende akribisch auf Band festhielt, während Regisseur Peter Neal mit wenigen Kameras parallel filmte, ursprünglich nur als privates Erinnerungsstück gedacht. Erst als klar wurde, wie magisch das Material wirkte, entschied man sich für eine Kinoauswertung, der Konzertfilm ´Yessongs´ läuft 1975 in amerikanischen Kinos an, beworben mit Quadrophonie-Sound, einer damaligen Sensation für Musikfilme.
Die Wahrnehmung dieses einen Abends hat sich über fünfzig Jahre komplett gedreht. Vom stiefmütterlich behandelten Archivmaterial, das ´Yessongs´ nur in Bruchstücken verwertete, zum gefeierten Kronjuwel der Bandgeschichte. Wer die Lücke schließen will, die ´Yessongs´ mit seiner zusammengestückelten Natur hinterlassen hat, findet in dieser einen, ungeschnittenen Nacht endlich die fehlenden Puzzleteile.

Wer diese Nacht als physisches Objekt besitzen will, hat zwei Wege. Die aufwendigere Variante steckt in der ´Close To The Edge´-Super-Deluxe-Edition, einer Box aus fünf CDs, einer Blu-ray und einer LP, in der das komplette Rainbow-Konzert erstmals überhaupt zugänglich wurde, ergänzt um neue Abmischungen von Steven Wilson. Wer ausschließlich diesen einen Abend will, greift zur eigenständigen 3-LP-Box ´Live At The Rainbow, London, England 12/16/1972´, exklusiv zum „Record Store Day 2025“ über „Rhino“ veröffentlicht und auf 3500 Exemplare limitiert. Das Set kommt auf schwerem 180g-Vinyl, alle drei Platten stecken in einer gemeinsamen Tasche, das Artwork bricht bewusst mit den cleanen Roger Dean-Illustrationen jener Ära und ahmt stattdessen die raue Optik eines alten Bootlegs nach. Da sich das Konzert nicht ohne unschöne Schnitte auf sechs Plattenseiten verteilen ließ, bleibt die sechste Seite unbespielt und trägt stattdessen ein aufwendig eingestanztes YES-Logo als Sammlerstück. Gemastert wurde die Vinylfassung von Bernie Grundman.
Diese eine Nacht musste über fünfzig Jahre warten, um vollständig gehört zu werden. Was jetzt auf Band überlebt hat, ist keine nachträglich geglättete Bestleistung, sondern eine Band mitten im eigenen Wagnis, technisch beinahe unfehlbar und trotzdem hörbar am Limit. Wer je verstehen wollte, warum Progressive Rock in seiner besten Stunde wie Magie klingen konnte, findet in dieser einen „Rainbow“-Nacht die Antwort.
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