
KADAVAR – I Just Want To Be A Sound
2025 (Clouds Hill) - Stil: Psychedelischer Indie-Space-Rock
Der Aschenbecher auf dem Mischpult im Hamburger “Clouds Hill”-Studio quillt über. Dicker, blauer Rauch steht so dicht im Raum, dass die glühenden Röhren der alten Orange-Verstärker nur noch wie mürrische Augen durch den Nebel glimmen. Es riecht nach abgestandenem Filterkaffee, heißgelaufenem Analogband und Nikotin. Wer gedacht hätte, dass KADAVAR nach ihren stahlharten Fuzz-Epen ewig im dröhnenden Schatten von BLACK SABBATH verharren würden, reibt sich sprichwörtlich die Augen. Als KADAVAR am 16. Mai 2025 über “Clouds Hill” ihr siebtes Studioalbum ´I Just Want To Be A Sound´ unters Volk brachten, war das ein gewollter, farbenfroher Faustschlag ins Gesicht der verstaubten Retro-Polizei.
Der radikale Wandel war kein Zufall, sondern das Resultat einer völlig neuen Studio-Dynamik. Zum ersten Mal holte sich das Berliner Trio mit Produzent Max Rieger (sonst Kopf der Post-Punk-Institution DIE NERVEN) einen externen Kopf an die Regler, der die eingewohnten Stoner-Muster gezielt aufbrach. Zudem wuchs die Band mit Multiinstrumentalist Jascha Kreft offiziell zum Quartett. Er rückte als festes viertes Mitglied an Gitarre und Keyboards nach. Der Albumtitel entsprang dabei einer herrlich trockenen Anekdote. Als Bassist Simon Bouteloup in einer Pause gefragt wurde, warum er sich konsequent von allen sozialen Medien fernhalte, murmelte er nur den Satz: “I just want to be a sound.” Ein Zitat, das sofort zum Credo für die gesamte Produktion wurde, ein Manifest für digitale Entgiftung und musikalische Freiheit.
Wie weit sich die Band von ihrem alten Fuzz-Image gelöst hatte, zeigte sich auch abseits der Tonspur. Im Zuge der Promotion luden KADAVAR den deutschen Schlager-Kultstar Guildo Horn zu einem denkwürdigen Video-Interview ein, um stundenlang über den schmalen Grat zwischen Rock’n’Roll, Schlager und das harte Tourleben zu philosophieren. In der Hardcore-Stoner-Szene sorgte das für ungläubiges Kopfschütteln.

Doch sobald die Nadel in die Rille schnallt, weht einem sofort dieser luftige, fast meditative Wind entgegen. Der Opener ´I Just Want To Be A Sound´ eröffnet das Spektakel als leichtfüßige, bittersüße Alternative-Hymne mit einer Hookline, die sich ohne Umwege im Gehirn festfrißt. Christoph Lindemann singt dazu mit einer erstaunlichen, klaren Gelassenheit.
Auf ´Hysteria´ beißen knurrende, rotzige Garage-Gitarren durch den dichten Nebel, ehe ´Regeneration´ als schimmernde Stadion-Rock-Ode das neue Zeitalter der Band als Quartett feiert. ´Let Me Be A Shadow´ taucht tief in melancholischen 80er-Dark Wave ab, unterlegt mit dichten Synthesizer-Teppichen. Wer hingegen den verkaterten Sonntagmorgen im Berliner Club-Sumpf sucht, findet ihn in ´Sunday Mornings´. Wabernde analoge Synthies treffen auf den torkelnden Bass von Simon Bouteloup und beschwören den Geist später PINK FLOYD herauf.
Die zweite Seite legt noch eine Schippe Schimmer nach. Die Single ´Scar On My Guitar´ kommt fast ohne Zerrung aus und setzt ganz auf warme, bunte Gitarrenfarben. Bei ´Strange Thoughts´ blinzeln kurz die Beatlesque-Harmonien der späten 60er durch die Jalousie, bevor ´Truth´ unaufgeregt und trocken nach vorne marschiert.
Weitere Schönheiten warten auch im letzten Drittel. ´Star´ ist ein trippiger Space Rock-Epos, hallbeladen und schwebend wie eine einsame Kapsel im Orbit. Das explosive Finale ´Until The End´ wirft schließlich sämtliche klassischen Songstrukturen über Bord und löst sich in einer epischen, krautrockigen Soundwand auf.
Sicher, mancher Fuzz-Fanatiker verfluchte die Platte zum Release als Verrat an den harten Wurzeln. Doch KADAVAR haben sich mit diesem mutigen Schritt freigeschwommen. Ein zeitloses, psychedelisches Rock-Juwel voller Herzblut, Schweiß und glühender Röhren.
(8,5 Punkte)
https://cloudshill.bandcamp.com/album/i-just-want-to-be-a-sound
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