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AUDREY LECRONE – The Uptown Divorcée

2026 (Audrey LeCrone Music) - Stil: Vaudeville Jazz

Ein French-75 auf der Theke, Zigarettenrauch, der sich träge unter der Deckenlampe verfängt, und dann betritt eine Frau im cremeweißen Spitzenkleid die kleine Bühne im “d.b.a.” auf der Frenchmen Street, Champagnerglas in der einen, Publikum längst in der anderen Hand. Audrey LeCrone hat gerade ihre Scheidung hinter sich, und aus diesem schmerzhaften Kapitel macht sie mit ihrem Debütalbum ´The Uptown Divorcée´ die beste Party seit Langem.

New Orleans hat seit jeher ein Faible für Musik, die gleichzeitig elegant und anrüchig sein darf, und in diese Tradition stellt sich Audrey LeCrone mit vollem Bewusstsein. Ihre Inspiration sind die Frauen, die schon vor hundert Jahren als Erste mit einem Augenzwinkern über Lust und Unabhängigkeit sangen, lange bevor das gesellschaftlich irgendwie akzeptiert war. Wo moderne Vintage-Revival-Acts aktuelle Hits in altes Gewand stecken, geht Audrey LeCrone den umgekehrten Weg, sie gräbt echte, teils skandalumwitterte Songs aus dieser Ära aus und lässt sie so klingen, als wären sie nie weg gewesen.

Was ´The Uptown Divorcée´ von einer reinen Coverplatte unterscheidet, ist Audrey LeCrones Hintergrund als Schauspielerin. Sie behandelt jeden Song wie eine kleine Rolle, mit eigener Stimme, eigenem Timing, eigenem Charakter, von der betrogenen Ehefrau bis zur unverschämten Verführerin. Produziert wurde das Album von Sasha Masakowski, aufgenommen von Rick Nelson in den „Marigny Studios“, gemischt und gemastert von Mack Major, und das Ergebnis klingt nicht nur warm und lebendig, sondern erstaunlich zeitlos, nie wie ein verstaubtes Museumsstück.

Der Opener ´I Wish You Love´ startet sanft und nostalgisch, samtige Stimme, bittersüße Trennungsstimmung, bevor mit ´My Girl’s Pussy´ sofort klar wird, worum es hier wirklich geht. Der Song von 1931, im Original von Harry Roy, handelt vordergründig von einer Hauskatze und tatsächlich von so ziemlich allem anderen. Audrey LeCrone singt das mit einem Lächeln, das man förmlich hören kann.

´Hot Nuts´ schwingt mit schnellen Bläsersätzen und treibendem Dixieland-Rhythmus durch den Raum, während ´That’s My Mailman´ und ´Long John Blues´, letzterer auch bekannt als der Zahnarzt-Song, tief in schleppenden, lasziven Blues eintauchen, mit einer Phrasierung, die ihre komplette Schauspielausbildung durchscheinen lässt. ´The Pop Up Song´ bringt danach frischen, modernen Pop-Appeal in den Sound, ohne den Old-School-Swing der Band zu verraten, ein echter Brückenschlag zwischen den Jahrzehnten.

Mit ´I Fall In Love Too Easily´ wechselt die Stimmung komplett. Mahmoud Choukis Oud verleiht dem melancholischen Gershwin-Nachbarn eine fast mediterrane, sehnsüchtige Note, bevor ´Do It Again´ als flüsternd-verführerische Interpretation des Gershwin-Klassikers folgt. ´There’ll Be Some Changes Made´ bleibt optimistisch, nur Piano Begleitung, textlich die eigentliche Hymne des Albums für den Neuanfang.

´Don’t You Feel My Leg´, ein Klassiker von Blue Lu Barker direkt aus New Orleans, mischt Charme und deutliche Zurückweisung zu einer perfekt federnden Nummer, und ´A Guy What Takes His Time´, einst durch Mae West berühmt geworden, sitzt Audrey LeCrones lasziver Vortragsweise wie angegossen. Zum Schluss reißt ´The Sheik Of Arabi´ noch einmal alles auf, ein wilder, energetischer Rausschmeißer im Stil von Django Reinhardt, bei dem die gesamte Band ihr technisches Können zeigen darf.

Audrey LeCrones eigener Weg zur Musik ist selbst eine Geschichte wert. Aufgewachsen im kleinen Bennington, Kansas, in einer Musikerfamilie in dritter Generation, studierte sie zunächst Schauspiel, bevor sie in Hollywood eine zweite Karriere als gefragte Dialekt-Coach aufbaute. Zu ihren bekanntesten Arbeiten zählt die Vorbereitung von Daniel Kaluuya auf seine Rolle als Fred Hampton in ´Judas And The Black Messiah´, für die er 2021 den Oscar gewann, sie ließ ihn dafür sogar Opern-Gesangsstunden nehmen, um Hamptons volle, präsente Stimme zu treffen. Erst nach einer persönlichen Krise, einer Scheidung, die dem Album seinen Titel und sein Cover gab, fand sie zurück zu ihrer eigenen Stimme und gründete in New Orleans ihre Live-Band, THE CRAWZADDIES.

Die sogenannten “Naughty Tunes”, auf die sich Audrey LeCrone spezialisiert hat, wurden zu ihrer Zeit oft im Radio zensiert oder ganz verboten, zu unverblümt war ihr Spiel mit sexuellen Anspielungen. Audrey LeCrone holt diese Songs nun bewusst zurück ins Licht, als Erinnerung daran, wie selbstbestimmt Frauen schon vor einem Jahrhundert über Lust und Unabhängigkeit sangen.

Physisch erscheint ´The Uptown Divorcée´ als 180g-Vinyl, gemastert von Matthew Lutthans im legendären Mastering Lab und gepresst bei “Quality Record Pressings”, in bester audiophiler Gesellschaft. Wer hinschaut, bemerkt einen kleinen Unterschied zur digitalen Fassung, auf der Schallplatte fehlt ´My Handyman´, der einzige Song, der es nicht auf die zwölf Vinylseiten-Plätze schaffte.

Zur Release-Party im “d.b.a.” war das Vinyl übrigens noch gar nicht fertig, Audrey LeCrone musste ihren Fans kurzfristig beichten, dass die Platten sich verspäteten, in bester chaotischer Künstlerinnen-Manier, wie sie es selbst nannte, und vertröstete alle auf Vorbestellungen. Das Cover selbst passt perfekt zum Chaos drumherum, mal posiert sie im weißen Spitzenkleid, mal dramatisch mit einer Weinflasche mitten in einer ganz normalen Küche, frech, sexy, ein bisschen albern, ganz wie das Album selbst.

´The Uptown Divorcée´ ist eine echte Wiederentdeckung, wie viel Witz und Frechheit schon vor hundert Jahren in dieser Musik steckte. Audrey LeCrone bringt als Schauspielerin, Dialekt-Trainerin und jetzt Sängerin drei Karrieren in eine einzige Stimme, und das Ergebnis ist so unterhaltsam wie musikalisch makellos. Wer New Orleans, alten Jazz und ein bisschen frechen Humor liebt, kommt an diesem Debüt nicht vorbei.

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