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CHARLIE BYRD – The Guitar Artistry Of Charlie Byrd

1960/2026 (Analogue Productions/Riverside Records) - Stil: Acoustic Jazz / Bop / Latin Jazz / Bossa Nova

Man gießt sich einen rauchigen Bourbon in das Kristallglas, dimmt das Licht auf ein samtenes Glimmen herunter und spürt, wie die dicke Nadel flüsterleise in die Rille sinkt. Was der Ausnahmegitarrist Charlie Byrd im März 1960 in den “Edgewood Studios” in Washington, D. C. auf Band zauberte, ist reinste Magie aus Holz und purer Leidenschaft. Während die US-Jazzszene der späten Fünfziger von peitschendem Bebop und elektrisch verstärkten Archtop-Gitarren beherrscht wurde, trat Charlie Byrd der gesamten Branche mit blanker Brust gegenüber. Völlig unbeeindruckt vom Lärm der Zeit greift er zur unverstärkten, klassischen spanischen Konzertgitarre mit Nylonsaiten. Keine Effekte, keine künstliche Lautstärke. Ein waghalsiger Drahtseilakt am offenen Herzen der Improvisationskunst! Wer damals dachte, eine Nylongitarre tauge nur für steife klassische Etüden, wurde von dieser tour de force eines Albums eines Besseren belehrt.

Sechs Jahrzehnte nach diesem geschichtsträchtigen Wendepunkt serviert das Edellabel “Analogue Productions” die ultimative Reissue: Eine makellose Doppel-LP auf 180g-Vinyl, geschnitten auf 45 U/min.

Die Szene im Jahr 1960 stand am Scheideweg. Der Rock ‘n’ Roll forderte die Vormachtstellung der Nachtclubs heraus, und im Jazz regierten Giganten wie Miles Davis, Wes Montgomery oder Grant Green mit massivem, verstärktem Sound. Inmitten dieser Ära wirkte Charlie Byrd wie ein eleganter Querschläger. Er hatte Ende der 1940er Jahre in Paris gelebt, saugte dort den Gypsy-Swing von Django Reinhardt auf und studierte direkt beim klassischen Gitarren-Gott Andrés Segovia. Diese zwei musikalischen Seelen verschmolz er zu einer revolutionären Waffe. Zusammen mit seiner eingespielten Hausband aus dem berühmten Nachtclub „Showboat“ – Keter Betts am Kontrabass und Buddy Deppenschmidt an den Drums – schuf er ein organisches Kammerfeuerwerk, das seiner Zeit meilenweit voraus war. Im „Showboat“ hatte der Besitzer Charlie Byrd zwar absolute Freiheit garantiert, allerdings unter der Bedingung, keine schrägen Free-Jazz-Experimente aufzuführen. Charlie Byrd hielt sich daran, wendete die Spielregeln aber auf seine ganz eigene, kühne Art an.

Der geschichtliche Nährboden dieser Sessions brennt vor Brisanz. Das Album erschien ursprünglich 1960 unter dem Titel ´Charlie’s Choice: Jazz At The Showboat, Vol. 4´ auf dem winzigen Label “Washington Records”. Es war ein rares Juwel unter Sammlern. Nur ein Jahr später reiste das Trio im Auftrag des US-Außenministeriums auf Kultur-Tournee nach Südamerika. Es war der Bassist Keter Betts, der Charlie Byrd dort eine Platte von João Gilberto vorspielte und ihn monatelang bekniete, diese Rhythmen aufzugreifen. Charlie Byrd weigerte sich zunächst stur, lenkte dann aber ein, holte Stan Getz ins Boot und spielte den Weltbestseller ´Jazz Samba´ ein. Als “Riverside Records”-Produzent Orrin Keepnews das gigantische Potenzial erkannte, kaufte das Label die alten Masterbänder auf, verpasste der Scheibe ein edles Artwork und benannte das Werk um in ´The Guitar Artistry Of Charlie Byrd´. Es war der direkte Vorbote der weltweiten Bossa-Nova-Explosion.

Die Klangarchitektur dieses Meilensteins sprengt jede gewöhnliche Jazz-Rastlosigkeit. Schon der beschwingte Opener ´Taking A Chance On Love´ fackelt nicht lange und jagt in unter zwei Minuten mit purem Bop-Groove durch die Lautsprecher. Charlie Byrd verzichtet komplett auf das Plektrum. Mit virtuoser Fingerstyle-Technik – geleitet durch eine Kombination aus Fingerkuppe und Fingernagel – verleiht er den Saiten eine unnachahmliche Intimität. Beim verträumten ´Moonlight In Vermont´ fängt er eine schwebende, pastorale Sehnsucht ein. In ´Speak Low´ spürt man bereits das feurige rhythmische Zucken Lateinamerikas.

Das spritzige ´Makin’ Whoopee´ wiederum zeigt Charlie Byrds Humor. Mit der angelegten Anschlagstechnik (Apoyando) verleiht er den Tönen im Solo einen fetten, schmatzenden Charakter und imitiert perfekt die Phrasierung eines rauchigen Jazz-Sängers. Mit dem grandiosen Django-Reinhardt-Cover ´Nuages´ setzt Charlie Byrd seinem großen Idol ein Denkmal. Er wandelt den feurigen Manouche-Swing in eine melancholische, impressionistische Miniatur um, die an Claude Debussy erinnert. Dicht darauf folgt die tief bewegende John-Lewis-Hymne ´Django´, auf der Charlie Byrd zwischen barockem Trauermarsch und peitschendem Up-Tempo-Swing changiert.

Das absolute Meisterstück der Polyphonie heißt jedoch ´The House Of The Rising Sun´. Lange bevor THE ANIMALS den Song zum Welt-Hit machten, zupft Charlie Byrd hier düster rollende Tirando-Arpeggios komplett solo. Durch die simultane Führung von Daumen-Basslinie, Akkorden und Klagemelodie klingt es, als stünden zwei Gitarristen im Raum. Das von Keter Betts komponierte ´Ring Them Harmonics´ ist hingegen eine Bass-Sensation, auf der der Kontrabass mit glockenhellen Flageoletttönen auf dicken Darmsaiten Geschichte schreibt.

Die extrem kurzen, blitzschnellen Glanzlichter ´Ev’rything I’ve Got´ und ´Nice Work If You Can Get It´ fordern Charlie Byrds linker Hand auf dem breiten Griffbrett absolute Höchstleistungen ab. Den hochenergetischen Afro-Cuban-Höhepunkt markiert das fast zehnminütige ´Taboo´ mit rasenden Rasgueado-Abschlägen, ehe die zärtliche Eigenkomposition ´To Ginny´ – eine Liebeserklärung an seine Ehefrau Ginny Byrd – das Epos wie ein intimes, spanisches Schlaflied friedvoll abrundet.

Für die Toningenieure im Studio war die Aufnahme der unverstärkten Nylongitarre ein absoluter Albtraum. Um die feinen Nuancen einzufangen, mussten die Mikrofone extrem nah platziert werden, während Bass und Schlagzeug in millimetergenauer Dynamik agieren mussten. Das Mastering-Duo Kevin Gray und Steve Hoffman hat für “Analogue Productions” aus den originalen Masterbändern ein audiophiles Wunder vollbracht. Gepresst bei “Quality Record Pressings” auf schwerem 180g-Vinyl und rotiert mit 45 U/min, bietet diese Scheibe eine Dynamik, die einem die Haare zu Berge stehen lässt. Die Saiten klingen holzig, warm und greifbar nah. Man hört das feine Zupfen der Finger und das Atmen des Raumes vor einem pechschwarzen, vollkommen knisterfreien Hintergrund. Verpackt in ein luxuriöses Tip-On-Old-Style-Klappcover von Stoughton Printing mit mattiertem Finish, hält man ein Meisterwerk der Tonträgerkultur in den Händen.

Dieses Album zeigt mit zeitloser Eleganz, warum echter Jazz keine Elektrizität braucht, um die Seele in Brand zu setzen. Ein unumstößlicher Klassiker für die Ewigkeit!

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