
MARY LOU WILLIAMS – Mary Lou Williams (aka Black Christ Of The Andes)
1964/2018 (Smithsonian Folkways Recordings) - Stil: Sakraler Soul-Jazz
Paris, 1954. Mitten im Konzert steht eine Frau auf, geht vom Flügel weg und verlässt die Bühne. Drei Jahre lang wird Mary Lou Williams danach kein Klavier mehr anrühren. Als sie zurückkehrt, ist sie eine andere – konvertiert zum Katholizismus, entschlossen, den Jazz nicht länger als Broterwerb, sondern als Gebet zu verstehen. Aus dieser Verwandlung entsteht 1964 ein Album, das bis heute nachhallt: ´Black Christ Of The Andes´.
Als Mary Lou Williams dieses Album aufnimmt, hat sie längst mehr Jazzgeschichte durchlebt als fast jeder ihrer männlichen Kollegen. Geboren 1910 als Mary Elfrieda Scruggs in Atlanta, aufgewachsen in Pittsburgh, wird sie schon als Kind unter dem Namen „The Little Piano Girl” berühmt. Mit sechs Jahren finanziert sie am Klavier den Unterhalt für zehn Geschwister. Über die Kansas-City-Swing-Ära bei Andy Kirks TWELVE CLOUDS OF JOY, als gefragte Arrangeurin für Duke Ellington und Benny Goodman, bis hin zur Mentorin des Bebop, dessen junge Architekten Thelonious Monk, Charlie Parker, Bud Powell und Dizzy Gillespie in ihrer New Yorker Wohnung harmonische Experimente durchdiskutieren – Williams ist zu diesem Zeitpunkt längst eine lebende Institution in einer fast ausschließlich von Männern dominierten Szene.
Was ´Black Christ Of The Andes´ so besonders macht, ist, dass Williams hier keine reine Kirchenmusik schreibt. Sie trennt „heilig” und „weltlich” nicht, sondern nutzt den Jazz als universelle Sprache ihres Glaubens. Choräle treffen auf Gospel-Shouts, Bebop-Fingerfertigkeit auf liturgischen Gesang, Free-Jazz-Dissonanzen auf Stride-Piano-Nostalgie. Etwa ein Drittel der Platte ist im klassischen Sinn sakral, ein weiteres Drittel wurzelt in Gospel und Spiritual, der Rest ist reiner, weltlicher Jazz – und all das, ohne dass die Platte je zerfasert wirkt.

Eröffnet wird sie mit dem monumentalen Titelstück ´Black Christ Of The Andes´ aka ´St. Martin De Porres´, dessen zärtliche, seelenvolle Textzeilen von Pater Anthony Woods, S.J. stammen – gewidmet dem Sohn eines spanischen Adligen und einer versklavten Schwarzen Frau, der im Lima des 17. Jahrhunderts sein Leben den Armen widmete und 1962 heiliggesprochen wurde. Die lateinamerikanisch grundierte Melodie scheint von edler Schlichtheit, war für den Chor aber wegen Williams’ raffinierter, komplexer A-cappella-Harmonisierung eine enorme Herausforderung.
´It Ain’t Necessarily So´ und ´Miss D.D.´, gewidmet ihrer Freundin und Society-Größe Doris Duke, leben beide von einer trügerisch einfachen, hartnäckig durchgehaltenen Bassfigur: Ersteres nimmt sich Gershwins Klassiker über ein Basspattern von George Tucker vor, Letzteres pendelt als Bebop zwischen rasend schnellem Highspeed und einem lässig ausgebremsten, fast stolpernden Rhythmus – beides Paradebeispiele für Williams’ untrügliches Timing.
Auf ´The Devil´, mit witzigen Texten der Sängerin Ada Moore, erzählen die HOWARD ROBERTS SINGERS eine musikalische Geschichte über die Fallstricke der weltlichen Versuchung, im Call-and-Response mit Williams’ bluesigem Spiel zwischen düsterer Warnung und spiritueller Befreiung. Dem Jazz-Walzer ´Anima Christi´, einem traditionellen, katholischen Gebet, hauchen die GEORGE GORDON SINGERS – ein Vater-Kinder-Gesangsquartett – mit vollen, modernen Harmonien neues Leben ein, während Grant Green dezent dazwischenzupft. Kirchenmusik hatte es selten so gut.
Seite zwei eröffnet mit ´A Grand Night For Swinging´ von Pianist und Radio-DJ Billy Taylor, einer schwungvollen Nummer mit afro-kubanischem Einschlag, auf der Percy Heath – damals Bassist des MODERN JAZZ QUARTET – mit schier unwiderstehlichem Groove durch den Song wandert. ´My Blue Heaven´ erhält dagegen eine freche, zeitgemäße Frischzellenkur, leider viel zu kurz für eine Nummer, die Williams live sonst minutenlang auskostete. ´Dirge Blues´, schwer und feucht von Blues-Essenz, wirkt fast klassisch und beschwört im Geiste die großen Verstorbenen herauf: „Bird”, Lester Young, Art Tatum, Oscar Pettiford und Billie Holiday. Inspiriert wurde das Stück laut Williams vom aufstrebenden Bassisten Eustis Guillemet.
Die größte Überraschung liefert ´A Fungus Amungus´. Den Titel verdankt das Stück nicht, wie andernorts kolportiert, irgendeiner Marotte, sondern Lorraine Gillespie, die Williams die Pointe eines Predigerwitzes zutrug: Ein Geistlicher, ständig von einem Störenfried unterbrochen, ruft irgendwann entnervt sinngemäß, alle sollten aufstehen, denn hier sei ein Fungus unter ihnen. Musikalisch beschrieb Pater Anthony Woods, S.J. das Stück als so unkonventionell wie einen 13. Ton in einer Zwölftonreihe – tatsächlich klingt es wie ein modernes Gemälde, gemalt mit Klang statt Farbe.
Den fulminanten Schluss setzt ´Praise The Lord´, arrangiert und dirigiert von Melba Liston, seinerzeit eine der gefragtesten Posaunistinnen und Arrangeurinnen des Jazz, die zuvor unter anderem für Dizzy Gillespies Orchester, Milt Jackson und Art Blakey gearbeitet hatte: ein tanzendes Tamburin, Jimmy Mitchells eindringlicher Gesang, Bud Johnsons wehklagendes Saxofon, Grant Greens Gitarre und Percy Brices satter Backbeat verschmelzen zu einem Gospel-Rausch, der selbst Kirchenskeptiker in Verzückung versetzen dürfte.

Der Weg zu diesem Album führt allerdings über eine tiefe Krise. Nach ihrem Bühnenabgang in Paris 1954 zieht sich Williams komplett zurück, betet, hilft suchtkranken Musikern, rührt drei Jahre kein Klavier an. Erst ihr enger Freund Dizzy Gillespie überzeugt sie, dass ihr Talent ein Gottesgeschenk sei und sie Jazz direkt als Gebet einsetzen solle. 1962 schreibt sie ´St. Martin De Porres´ zur Heiligsprechung des gleichnamigen afroperuanischen Mönchs – Sohn einer befreiten Sklavin und eines spanischen Adligen. Dass sie das Stück 1963, mitten in den härtesten Kämpfen der US-Bürgerrechtsbewegung, aufnimmt, ist kein Zufall. Ihr späterer Manager, Pater Peter O’Brien, bestätigte, dass die Formulierung „Black Christ” bewusst gewählt wurde, um Glauben und den Kampf um Gleichberechtigung zu verschmelzen. Weil kein großes Label eine Jazz-Messe mit Chören finanzieren will, gründet Williams kurzerhand ihr eigenes Label, “Mary Records”, und wird damit eine der ersten Frauen im Jazz mit einem eigenen Plattenlabel. Nach der Veröffentlichung verteilt sie bei Konzerten eigenhändig Flyer, auf denen sie erklärt, Jazz sei Heilung für die Seele und gehöre in Kirchen genauso wie in Nachtclubs – eine Kampfansage an jene Kirchenkreise, die Jazz noch immer für Teufelsmusik halten. Dass die Platte überhaupt kirchliches Gehör findet, verdankt sie einem historischen Zufall. Mitten in der Entstehungszeit lockert das Zweite Vatikanische Konzil unter Papst Johannes XXIII. die jahrhundertealten Regeln für Kirchenmusik.
Aufgenommen in den “Nola Studios” und den “Cue Studios” in New York City im Herbst 1963, blieb die Platte 1964 zunächst ein Nischenphänomen. Radiosender ignorierten das kleine Label komplett. Die Musikwelt wusste nicht, wohin damit – zu sakral für Jazzclubs, zu bluesig für Kirchen. Erst Jahrzehnte später änderte sich das Urteil. Heute steht ´Black Christ Of The Andes´ in einem Atemzug mit Duke Ellingtons Sacred Concerts, gilt als Paradebeispiel für den „Third Stream” zwischen Jazz und ernster Musik und wird als Chor-Meisterwerk gefeiert, das seiner Zeit weit voraus war. 1975 durfte Williams als Krönung dieser Entwicklung ihre Jazz-Messe vor über 3.000 Menschen in der New Yorker “St. Patrick’s Cathedral” aufführen.
Wer die Platte heute im Original sucht, hat die Wahl zwischen zwei sehr unterschiedlichen Wegen. Die Königsklasse für Audiophile ist die deutsche SABA/MPS-Pressung von 1965. SABA/MPS war in den Sechzigern weltberühmt für seine High-Fidelity-Aufnahmen aus dem Schwarzwald, und man hört es sofort – ungemein räumlich, dynamisch, mit Klavier und Chören, die fast greifbar im Raum stehen. Doch in gutem Zustand ist sie selten. Wer stattdessen eine saubere, bezahlbare Alternative sucht, greift zur “Smithsonian Folkways”-Pressung. Das Smithsonian-Institut verwaltet das offizielle Folkways-Archiv, nutzt hervorragende Bänder, presst schweres, laufruhiges Vinyl und reproduziert das historische US-Cover von 1964 originalgetreu.
´Black Christ Of The Andes´ ist kein Album, das man einfach nebenbei hört. Es ist das Werk einer Frau, die mitten in einer der aufgewühltesten Perioden amerikanischer Geschichte beschloss, dass Glaube und Jazz keine Gegensätze sind, sondern dieselbe Sprache sprechen. Duke Ellington fand dafür die treffendsten Worte: Mary Lou Williams war immerwährend zeitgenössisch. Ihr Schreiben und ihr Aufführen waren im Laufe ihrer Karriere immer ein kleines Stück voraus. Über sechzig Jahre später stimmt dieser Satz noch immer.
Ein zeitloses Manifest, das Kirche und Jazzclub für immer näher zusammenrückte.



