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THE BEATLES – Rubber Soul (Special Edition Super Deluxe)

1965/2026 (Universal Music Group/Apple Corps LTD) - Stil: Rock/Pop

Wer heute, am Freitag, dem 2. Oktober 2026, nur zur neuen Doppel-CD von ´Rubber Soul´ greift, bekommt die halbe Geschichte. Die eigentliche Hauptattraktion zum sechzigsten Jubiläum des sechsten BEATLES-Albums ist die „Special Edition Super Deluxe“, eine Box mit fünf LPs und einer zusätzlichen 7″-Single, insgesamt 68 Songs, die aufwendigste Restaurierung, die diesem Meilenstein je zuteil wurde.

Schon die Bestückung der Box verlangt Respekt. Fünf Scheiben aus 180g schwerem, schwarzem Vinyl, drei davon im Half-Speed-Mastering-Verfahren geschnitten, ruhen in wattierten Innenhüllen, jede mit ihrem eigenen, individuell gestalteten Cover. Diese Schnitttechnik bei halbierter Geschwindigkeit erlaubt den Masteringtechnikern eine Präzision, die beim normalen Tempo schlicht verloren ginge, besonders feine Details in den hohen und tiefen Frequenzen überleben den Pressvorgang dadurch nahezu unversehrt.

Der Schlüsselbereich bleibt allerdings derselbe technologische Durchbruch wie bei der kompakteren Doppel-CD-Ausgabe. Giles Martin und Sam Okell nutzten für den neuen Stereo-Mix eine von Emile de la Rey und dem Team von Peter Jacksons „WingNut Films“ entwickelte KI-Software, die die vier Originalspuren des Bandes aus dem Jahr 1965 nachträglich voneinander trennte. Auf Vinyl entfaltet dieser entflochtene Klang noch einmal sein eigenes Gewicht, gerade über Kopfhörer wirkt die neue Tiefenstaffelung beinahe greifbar.

LP 1 versammelt das komplette britische Original in diesem neuen Klanggewand, alle vierzehn Songs von ´Drive My Car´ bis ´Run For Your Life´, mit ´Norwegian Wood´, ´Michelle´ und ´In My Life´ als den emotionalen Ankerpunkten dazwischen. Wer die Hintergründe zu diesen Songs im Detail sucht, findet sie in unserem Review zur Doppel-CD-Edition, hier soll die Box selbst im Mittelpunkt stehen, mit allem, was sie exklusiv zu bieten hat.

Die Hauptattraktion für Sammler findet sich auf LP 2 und 3. Sechsundzwanzig Aufnahmen dokumentieren hier den gesamten Weg vom ersten Kritzelkram bis zum fertigen Mastertape. Das größte Fundstück ist zweifellos ´Little Girl´, eine bislang unveröffentlichte, rein akustische Skizze von John Lennon, intim und zuckersüß im Ton, fast wie eine frühe Vorstudie zu ´I’m Only Sleeping´. Diese zuckersüße Idylle hält allerdings nicht bis zum Schluss, in der letzten Zeile wechselt Lennon unvermittelt in einen beißend-sarkastischen, unverblümt deftigen Tonfall und wirft seiner Angesprochenen eine schnoddrige Abfuhr hin. Ein Lennon-Moment wie aus dem Bilderbuch. Daneben findet sich Paul McCartneys privates Heim-Demo zu ´We Can Work It Out´ sowie ein frühes Arbeitstape zu ´Day Tripper´, auf dem Lennon und McCartney noch auf Akustikgitarren nach dem berühmten Riff tasten, das zu diesem Zeitpunkt schlicht noch nicht existierte.

George Harrison sucht bei ´Norwegian Wood´ gleich in drei verschiedenen Takes nach dem richtigen Platz und der richtigen Stimmung für seine Sitar, dazu kommt eine frühe Gitarrenprobe zu ´Michelle´, lange bevor aus Paul McCartneys Partytrick ein fertiger Song wurde. Satte drei verschiedene Fassungen von ´I’m Looking Through You´ sind ebenfalls enthalten, die kompaktere Doppel-CD-Edition enthält von diesem Song lediglich eine einzige frühe Arbeitsversion. Ein kurioser Fund außerdem, zu ´In My Life´ existiert neben einem frühen Take auch ein verworfener Ausschnitt mit einem gänzlich unbenutzten Orgel-Solo, lange bevor George Martin sein berühmtes, hochgepitchtes Klaviersolo einspielte. Abgerundet wird die Sammlung von reinen Instrumental-Backing-Tracks zu einer ganzen Reihe weiterer Songs, von ´Wait´ über ´Run For Your Life´ bis ´What Goes On´, sowie den Gesangs-Overdub-Aufnahmen zu ´Think For Yourself´, die unter dem kuriosen Titel „Beatle Talk“ geführt werden.

LP 4 schlägt einen vollständig anderen Weg ein. Sie versammelt alle vierzehn Songs des originalen britischen Mono-Masters von 1965, jener Abmischung, die THE BEATLES damals persönlich beaufsichtigt hatten. Für puristische Sammler gilt dieser Mix bis heute als der eigentlich maßgebliche, nicht die Stereoversion, mit der Generationen von Hörern aufgewachsen sind. Es handelt sich dabei um dasselbe analoge Master, das Sean Magee als Flat Transfer für die gefeierte Mono-Vinylbox von THE BEATLES aus dem Jahr 2014 geschnitten hat, die Bänder gelangten damals nahezu unverändert auf die Matrize. Daran ändert die neue Box nichts. Es gibt keine neuen EQ-Eingriffe und keine klanglichen Veränderungen am Mix, auch Half-Speed-Mastering kommt bei dieser Platte nicht zum Einsatz. Der Unterschied liegt allein in der Herstellung. Das Presswerk arbeitet 2026 mit frischen Pressmatrizen vom originalen analogen Schneidevorgang und presste die Platte auf schwerem 180g-Virgin-Vinyl, was in extrem leisen Passagen wie den Auslaufrillen und Songpausen ein minimal geringeres Grundrauschen verspricht als bei älteren Pressungen. Wer die Nadel auf LP 4 setzt, hört also das bewährte, rohe und puristische Mono-Erlebnis der älteren Box, nur eben frisch aus der heutigen Plattenpresse.

Noch ungewöhnlicher ist LP 5, ein originalgetreuer Nachdruck der amerikanischen „Capitol Records“-Pressung von 1965. Die Plattenfirma hatte das Album für den US-Markt seinerzeit eigenmächtig umgebaut und auf zwölf Songs eingedampft, gleich vier Titel flogen hinaus, ´Drive My Car´, ´Nowhere Man´, ´What Goes On´ und ´If I Needed Someone´, dafür rutschten zwei akustische Songs vom ´Help!´-Album nach, ´I’ve Just Seen A Face´ und ´It’s Only Love´. Aus heutiger Sicht liest sich dieser radikale Eingriff fast wie ein Glücksfall, in den USA gilt ausgerechnet diese eigenwillige Zusammenstellung vielen als heimliche Geburtsstunde des amerikanischen Folk-Rock. Dazu passte der Sound der Zeit. „Capitol“-Produzent Dave Dexter Jr. und seine Techniker versahen die trockenen britischen Stereomischungen aus London beim Überspielen mit zusätzlichem Hall und eigenen Klangkorrekturen, die Mitten hoch, der Bass gekappt, damit die Songs aus dem Autoradio knallten und auf billigen Plattenspielern keine Nadel sprang. Das so entstandene Band wurde zum Master für die US-Pressungen, und unter Sammlern galt das Ergebnis lange als die am schlechtesten klingende Version des Albums.

Kevin Reeves hat für die „Special Edition Super Deluxe“ die Lackfolien für die neue Platte in den „East Iris Studios“ in Nashville von eben diesem Band geschnitten. Den Hall konnte er nicht mehr entfernen, er ist fest auf das Band gebrannt, doch Kevin Reeves hat die schrillen Mitten und Höhen mit modernen Equalizern zurückgenommen und den Bass angehoben. So schreit der Hall den Hörer nicht länger an, sondern rückt in den Hintergrund und wirkt deutlich natürlicher als auf der Originalpressung. Das Ping-Pong-Stereo der Zeit bleibt bestehen, Gesang auf der einen Seite, Instrumente auf der anderen, aber der Bass bekommt ein warmes Fundament, die Höhen zischen nicht mehr, und die akustischen Gitarren klingen klarer. LP 5 bewahrt damit die historische Identität des US-Bandes und befreit sie vom billigen Plastikklang der Sechzigerjahre. In der 2024 erschienenen Box ´1964 U.S. Albums In Mono´ fehlt das Album übrigens, denn die Box endet schon im März 1965 mit dem Album ´The Early Beatles´.

Zur „Special Edition Super Deluxe“-Box liegt als Zugabe schließlich noch eine 7″-Single bei, die Doppel-A-Seite aus ´Day Tripper´ und ´We Can Work It Out´ in der Form, wie sie im Dezember 1965 erschien, mit der die Band damals parallel zum Album an die Öffentlichkeit ging. Sogar die Seitenbeschriftung bleibt dem Original treu, A und AA statt A und B, ein kleiner Gruß an das damalige Doppel-A-Seiten-Konzept, nun endlich wieder im ursprünglichen, greifbaren Format.

Das beiliegende Hardcover-Buch verdient besondere Aufmerksamkeit. Auf 88 Seiten, verstaut in einem eigenen, quadratischen 12-Zoll-Schuber, versammelt es ein Vorwort, das postum aus echten Interview-Zitaten John Lennons aus den verschiedensten Phasen seines Lebens sorgfältig zusammengesetzt wurde, fast wie eine nachträglich komponierte Zeitreise durch sein eigenes Werk. Paul McCartney steuert eine neue, persönliche Einleitung bei, dazu kommen seltene, teils gänzlich unveröffentlichte Fotografien von Robert Freeman aus den „Abbey Road Studios“ sowie trackgenaue Kommentare zu jeder einzelnen Aufnahme der Box.

Die Pressqualität der fünf Scheiben überzeugt praktisch uneingeschränkt. Die Scheiben laufen ohne jedes Höhenschlagen, der Rauschteppich bleibt angenehm dünn, und auf störende Klicks oder Pops wartet man vergeblich. Beim eigentlichen Klangergebnis der Neuabmischung auf LP 1 fällt das Urteil differenzierter aus. Der extreme Hard-Panning-Effekt des Original-Stereomixes von 1965, bei dem Gesang und Instrumente auf vielen Songs strikt auf die beiden Kanäle verteilt waren, ist hier verschwunden, Gesang und Rhythmusgruppe sitzen nun zentriert, das Klangbild wirkt moderner, wärmer und gerade über Kopfhörer beinahe plastisch greifbar. Manche Passagen erinnern außerdem klanglich spürbar an die 2023er Remixe vom „Red Album“, was dem Gefühl einer runden Neuentdeckung ein wenig Luft nimmt. Rein technisch gesehen hat die moderne, makellos saubere Variante hier die Nase vorn. Wer aber partout am Originalklang von 1965 festhalten möchte, legt in dieser Box am besten gleich die Mono-Scheibe auf.

Zwei bewusste Lücken sorgen unter Sammlern allerdings schon jetzt für Gesprächsstoff. Weder der Original-Stereomix von 1965 mit seinem extremen Links-Rechts-Panning noch George Martins digitaler Stereo-Remix aus dem Jahr 1987 sind in dieser Box enthalten. Wer diese beiden historischen Fassungen hören will, muss nach wie vor zu den alten CDs von 2009 greifen. Noch mehr Spekulation rankte sich im Vorfeld um ein 1963 entstandenes Ur-Demo von ´What Goes On´, damals noch mit völlig anderem Text und Jahre vor Ringo Starrs späterem Songwriting-Credit auf der fertigen Albumversion. Ein kurzes Fragment davon war Jahre zuvor schon einmal aufgetaucht, das komplette Band soll inzwischen sogar im Netz kursieren, dennoch entschied sich „Apple Records“ bewusst gegen eine offizielle Veröffentlichung in dieser Box.

Wer die Box direkt im offiziellen BEATLES-Store oder in den Label-Shops bestellt, erhält zudem zwei exklusive Fold-out-Poster und zwei aufwendig gestaltete Fotokarten mit seltenen Session-Motiven. Beilagen, die dem regulären Handel komplett vorenthalten werden.

Am Ende bleibt diese „Special Edition Super Deluxe“-Box ein Schmuckstück, das sich kaum mehr steigern lässt, fünf Platten, eine Single, ein ganzes Buch, und mittendrin ein sechzig Jahre altes Album, das durch Mono-Treue, amerikanischen Umbau und ungehörte Demos plötzlich von drei verschiedenen Seiten zugleich neu erzählt wird. Wer sich auf ´Rubber Soul´ wirklich einlassen will, kommt an dieser Box kaum vorbei.

https://www.facebook.com/thebeatles

 

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